Gutes Gefühl: Titel sind nicht alles, findet Ron Ulrich

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Pro und Contra zur EM : Was bleibt aus deutscher Sicht?

Joachim Löw muss sich derzeit vorkommen wie Charlie Brown. Der Hauptdarsteller der Comic-Serie „Die Peanuts“, der seiner Baseballmannschaft immer wieder sagt, dass man ganz nah dran sei – und dann doch verliert. Und sich danach von allen anhören muss: „Du bist schuld, Charlie Brown.“ Du bist schuld, Jogi Brown. Dabei war Löw einige Tage zuvor in den Zeitungen und bei den Fans noch der beste Trainer aller Zeiten, cooler als Steve McQueen, prädestiniert für das Amt des Bundespräsidenten, „Wetten dass“-Moderators und Papstes in Personalunion.

Dazwischen lag ein schwaches Spiel der Nationalmannschaft gegen Italien, das Halbfinalaus und eine falsche Aufstellung des Bundestrainers. Doch das allein erklärt nicht das Ausmaß der harschen Kritik. Vielmehr fühlen sich zum einen viele in Deutschland, die die Hoffnung auf den Titel mit der Garantie darauf verwechselt haben, um eine große Party betrogen. Und zum anderen bricht sich das Bahn, was schon lange köchelte, doch durch den Erfolg auf kleiner Flamme gehalten wurde: die Skepsis gegenüber der Philosophie dieser Mannschaft. Dieses „Leichte, Unideologische, Tänzerische“, was der „Spiegel“ dem Team 2010 bescheinigte, dieser Offensivfußball und diese flache Hierarchie – das Lob dafür war nur auf Bewährung. Damals waren die Spieler die Gesichter der multikulturellen, offenen und umgänglichen Generation junger Männer, heute gelten sie als profillose Memmen. Mesut Özil wurde der Integrations-Bambi in die Hand gedrückt, nun soll er erklären, warum er die Hymne nicht laut mitsingt.

Deutsches Scheitern: Eine Bildergalerie von 2006 bis 2012

2006 bis 2012 - Euphorie und Enttäuschung
Lukas Podolski nach dem Aus bei der Heim-WM 2006 gegen Italien.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: dpa
29.06.2012 11:58Lukas Podolski nach dem Aus bei der Heim-WM 2006 gegen Italien.

Für die Deutschen steht der Titel noch immer über allem , Erfolg und Effektivität sind die Zauberworte im Land der Autobauer. Viele wollen einfach nur gewinnen – egal wie. Und sei es, dass die Mannschaft 90 Minuten über den Platz stolpert, dann aus Abseitsposition das 1:0 macht, indem der Stürmer den gegnerischen Torwart mitsamt Ball über die Linie ringt. Dann fletschen sie die Zähne und sagen den Satz von Gary Lineker, des einzigen Briten, der hierzulande noch häufiger zitiert wird als William Shakespeare: „Am Ende gewinnen immer die Deutschen.“

Der französische Radfahrer Raymond Poulidor scheiterte stets daran, die Tour de France zu gewinnen. Er galt als „ewiger Zweiter“ und wurde dennoch für seinen Kampf geliebt, er war populärer als die Sieger. Den meisten deutschen Fußball-Fans wird es schwerfallen, ad hoc den Pokalsieger und Meister 2002 zu benennen. Viel schneller kommt das Team in den Sinn, das in diesem Jahr in drei Wettbewerben Zweiter wurde – Bayer Leverkusen. Neben den Erinnerungen an die Tränen von Reiner Calmund bleiben die unglaublichen Spiele in der Champions League im Gedächtnis. Klaus Toppmöllers Mannschaft fegte über Liverpool oder Manchester United hinweg.

Während dieser EM standen in der Nacht irische Fans mit deutschen an einem Tisch in Polen und schoben Flaschen auf dem Tisch hin und her. Sie spielten die Szenen der WM 2010 nach, die Tore der Deutschen. Wie Thomas Müller am Boden liegend auf Lukas Podolski spielt und der in den Lauf von Miroslav Klose, der zum 2:0 gegen Argentinien einschießt. „Brilliant“, sagten sie. Es sind diese Momente, die mehr wert sind als die Änderung des Briefkopfes. Wer das anders sieht und Ergebnisfußball will, soll das tun. Aber dann auch nicht vergessen, die Jacketkronen zu bezahlen.

Alle anderen könnten sich solidarisieren und das Charlie-Brown-Hemd anziehen. Der hat auch einmal ein Spiel gewonnen. Natürlich wurde ihm der Sieg danach wieder aberkannt.

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