Probleme in der EM-Qualifikation : Der falsche Plan des Joachim Löw

Dass die Fußball-Nationalmannschaft gegen Holland verloren hat, lag auch an taktischen Defiziten. Der Bundestrainer muss sich etwas einfallen lassen.

Das war nichts. Die Deutschen nach der Niederlage.
Das war nichts. Die Deutschen nach der Niederlage.Foto: REUTERS

Es waren keine 40 Minute gespielt an diesem Abend im ausverkauften Hamburger Volksparkstadion, da gab es eine offizielle Durchsage. Eine sonore, bedacht unaufgeregt klingende Stimme kündigte eine Suchmeldung an. Ein siebenjähriger Junge werde von seinem Vater gesucht, hieß es, Treffpunkt seien die bekannten Sitzplätze.

Es wird nicht wenige der knapp 52.000 Zuschauer an diesem Abend gegeben haben, die inoffizielle Suchmeldungen hätten abgeben wollen. Suchmeldungen etwa nach jener jungen deutschen Mannschaft, die noch im März mit ihrem frechen, frischen und mutigen Offensivfußball in Amsterdam gegen die Niederlande 3:2 gewonnen und nach dem verkaterten WM-Sommer eine richtige Aufbruchstimmung erzeugt hatte.

Das, was die Stadionbesucher und viele Millionen Zuschauer vor den Fernsehern am Freitagabend sahen, hatte erschreckend wenig damit zu tun. Angestiftet von ihrem Trainer Joachim Löw verschanzte sich die Nationalelf tief im eigenen Strafraum, mit Fünferkette vor dem Torhüter Manuel Neuer. Der Ball und damit das Spielgeschehen wurden dem Gegner überlassen. Der konnte in der ersten Halbzeit zwar wenig daraus machen, umso heftiger schlugen die Holländer dann aber mit vier Toren in der zweiten Hälfte zu.

Man habe die Räume eng machen wollen gegen die spielstarken Niederländer, sagte der Bundestrainer. Es sei der Plan gewesen, die wild angreifenden Nachbarn aus einer defensiven Grundstellung heraus zu bekämpfen, also auf Balleroberungen zu setzen, um so schnelle Gegenzüge über die drei sprintschnellen Angreifer Marco Reus, Serge Gnabry und Timo Werner auszulösen. Einmal klappte das auch - beim Führungstor durch Gnabry. „Ich hätte mir schon mehr Ballbesitz gewünscht“, sagte Toni Kroos im Keller der Hamburger Arena.

Der 29-jährige Mittelfeldspieler, neben Neuer der letzte übrig gebliebene Startelfspieler der Weltmeistermannschaft von 2014, merkte an, dass die Taktik bewusst in diese Richtung ging, aber er sich schon mehr Präsenz der Mannschaft am Ball gewünscht hätte. Vor allem aber ärgerte er sich über die vielen, kleinen Fehler, die der merkwürdig aufgeregt wirkenden Mannschaft unterlaufen waren.

Die Niederländer hatten am Ende zwei Drittel Ballbesitz. Die Deutschen hingegen liefen oft dem Ball und dem Gegner hinterher, bekamen letztlich keinen Zugriff aufs Spiel und in der zweiten Halbzeit so gut wie keine eigenen Torabschlüsse mehr hin. Man brauchte Bondscoach Ronald Koeman nach dem Spiel nur in die Augen zu schauen, um zu erkennen, wie wichtig dieser Sieg für die Niederlande war, respektive, wie schwer die Heimniederlage im März die niederländische Fußballseele bedrückt hatte. Er herzte jedes einzelne Mitglied seiner Mannschaft.

Der 56-Jährige stammt als Spieler aus einer Zeit, als die Rivalität beider Fußballnationen noch heftiger und giftiger war. Bei der Europameisterschaft 1988 in Deutschland, das einzige Turnier, das die Niederländer gewinnen konnten, war es in Hamburg nach dem Halbfinale zu einem Eklat gekommen, der bis heute nachschwingt. Die Niederlande mit Koeman als defensives Bollwerk schlug den Gastgeber 2:1. Nach Spielende und dem obligatorischen Trikottausch wischte Koeman sich mit dem Dress von Olaf Thon symbolisch den Hintern ab.

Das Team wirkte ausgelaugt

Viele Jahre hatten die Niederländer danach nichts zu feiern gehabt. Mittlerweile aber haben sie wieder eine Generation zusammen, die nach Jahren der Abstinenz von der Weltbühne wieder um Titel mitspielen kann. Bei den Deutschen, die im vorigen Sommer ein Desaster erlebten und ihre Weltmeistergeneration von 2014 aussortierten, darf man erneut auf eine gute Generation hoffen. Doch die junge Mannschaft muss sich auf allen Ebenen noch steigern. „Wir sind enttäuscht, aber wenn wir ehrlich sind, geht das Ergebnis in Ordnung“, sagte Joachim Löw etwas zerknirscht. Seine Mannschaft habe zu viele Bälle verloren und zu viele falsche Pässe von hinter heraus gespielt. „Wir haben unter unserem Niveau gespielt“, war sein Kernsatz.

In gewisser Weise war auch er unter seinem Niveau geblieben. Sein Matchplan erwies sich nicht als zweckmäßig. Auch seine Wechsel irritierten. Obwohl dem Gegner gerade der Ausgleich zum 1:1 gelungen war, nahm er in Werner und Reus zwei schnelle Stürmer aus dem Spiel und brachte in Ilkay Gündogan und Kai Havertz zwei Mittelfeldspieler. Das überraschte wohl auch sein Team, das sich wenig später das 1:2 fing. Mit seinem Wechsel habe er mehr Ballsicherheit ins Spiel bringen wollen, lautete Löws späte Erklärung. Das sei seine Idee dahinter gewesen. Hinterher aber musste Löw zugeben, dass „unser Spiel nicht entscheidend besser wurde“.

Nordirland ist der richtige Gegner

Ganz im Gegenteil. 20 Minuten vor dem Ende bekam seine Mannschaft sogar einen Elfmeter geschenkt. Das Publikum im Stadion kreischte vor Freude auf. Während Kroos die Verantwortung übernahm und zum Strafstoß schritt, ließ sich der Rest des Teams an der Seitenlinie Trinkflaschen reichen. Viele pfiffen auf dem letzten Loch. Das für sie ungewohnte Hinterherlaufspiel hatte sie geschlaucht.

Statt anschließend mit dem Geschenk zum 2:2 sorgsam umzugehen, spielte Löws Team gerade in der Verteidigung um die säulenhaften Niklas Süle, Matthias Ginter und Jonathan Tah in einer Mischung aus Naivität und Tapsigkeit weiter und lud so den Gegner zum Toreschießen ein. „Da müssen wir einfach schlauer sein, dann gehen wir eben mit einem 2:2 vom Platz“, sagte Kroos.

Und Joachim Löw verwies in der enttäuschenden Nacht von Hamburg noch darauf, dass „wir mehr Möglichkeiten haben“. Vielleicht schwante es ihm, dass er seiner Mannschaft mit der taktischen Herangehensweise nicht geholfen hatte. Er wird sich hinterfragen und seine Mannschaft über das Wochenende wieder etwas wird aufrichten müssen. Am Montag spielt sie in Belfast. Die kantigen Nordiren sind jetzt genau der richtige Gegner.

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