Qualifikation für die Schach-WM : Suche nach Meister X

Der Franzose Maxime Vachier-Lagrave profitiert davon, dass ein Konkurrent wegen des Coronavirus auf die Teilnahme verzichtet.

Maxime Vachier-Lagrave (rechts) war bisher oft ganz nah dran, hat den Sprung nach ganz oben aber immer knapp verpasst.
Maxime Vachier-Lagrave (rechts) war bisher oft ganz nah dran, hat den Sprung nach ganz oben aber immer knapp verpasst.Foto: Alfredo Aldai/dpa

Er sei überglücklich, sagt Maxime Vachier-Lagrave. Auch wenn er sich nicht auf diesem Wege qualifizieren wollte. Der 29-jährige Franzose ist die Nummer acht der Schach-Weltrangliste und erhält ab Dienstag erstmals die Chance, sich bei einem Kandidatenturnier in Jekaterinburg für das WM-Finale Ende des Jahres gegen Magnus Carlsen zu qualifizieren.

In den vergangenen Jahren musste er immer leidvoll erfahren, was es bedeutet, nur der Nächstbeste zu sein. 2020 hat es sich endlich mal gelohnt. Weil ein Konkurrent aus Aserbaidschan aufgrund der Gefahr des Coronavirus auf die Teilnahme verzichtet, rückt Vachier-Lagrave als achter Teilnehmer nach.

„Es ist überraschend genug, dass es seine erste Teilnahme an einem Kandidatenturnier ist“, sagt Daniel King, Schachexperte beim „Guardian“. Wieso er das sagt, zeigt ein Blick auf die jüngere Karriere des französischen Schachgroßmeisters. Vachier-Lagrave ist der zweitbeste Schnellschach- und der drittbeste Blitzschachspieler der Welt. Lediglich ein Spieler liegt in beiden Ranglisten vor ihm: Weltmeister Carlsen.

Vachier-Lagrave weis mit 2819 die siebthöchste Elozahl aller Zeiten vor. Die Elozahl zeigt die aktuelle Spielstärke eines Spielers an. Nur ein Spieler, der mit dem Franzosen bis zum 3. April um das Ticket fürs WM-Finale kämpft, hatte jemals eine höhere Elozahl: der US-amerikanische Vizeweltmeister und Weltranglistenzweite Fabiano Caruana (2844).

Immer knapp gescheitert

Die Schach-Fachwelt war sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis Vachier-Lagrave sich für ein Kandidatenturnier qualifizieren würde. Doch schon bei seinen Versuchen, sich sportlich für das Turnier 2018 in Berlin zu qualifizieren, fehlte ihm zweimal bei Turnieren zuvor nur ein einziger Platz.

2019 und 2020 endeten seine Versuche dann fast schon tragisch. Beim World Cup und beim Grand Prix qualifizierten sich die ersten beiden fürs Kandidatenturnier, er wurde jeweils Dritter. Auf der Ratingliste, über die sich die übrigen Spieler qualifizieren konnten, wurde er Fünfter – die ersten vier erhielten einen Platz beim Kandidatenturnier.

Doch eine Möglichkeit blieb ihm noch: Die Vergabe einer Wildcard für den letzten Teilnehmer. Die erhielt allerdings ein Russe – und damit einer aus dem Gastgeberland des Kandidatenturniers.

Doch als der Franzose sich seinem Schicksal längst erneut ergeben hatte, kam die Erlösung. „Natürlich war es eine große Überraschung für mich“, sagt Vachier-Lagrave. „Ich habe nicht erwartet, dass jemand so kurz vor dem Turnier zurückziehen könnte.“ Nun ist er bereits am Donnerstag nach Russland gereist, um allen Eventualitäten aus dem Weg zu gehen.

Der Franzose gibt zu, dass „ich mich plötzlich in Zeitnot wiederfinde“. Er hielt sich zuvor im Urlaub in New York auf und trainierte nicht. Dass das für ihn zum Nachteil werden könnte, glaubt Experte Daniel King nicht. Vachier-Lagrave könne „mit weniger Druck spielen als die anderen Spieler, aufgrund seiner unerwarteten Teilnahme“, sagt der 56-Jährige. „Das macht ihn zu einem gefürchteten Gegner.“

Favorit ist er natürlich trotzdem nicht. Das ist ein anderer. Einer, den er sehr gut kennt. Einer, auf den er gleich im ersten Match am Dienstag um 12 Uhr trifft: Fabiano Caruana.

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