Radkolumne "Abgefahren" : Die bunte Pest unter der Sonne Mallorcas

Mallorca wird bei ambitionierten Radfahrern immer beliebter. Unser Kolumnist hat sich in diesem Jahr einer besonderen Insel-Herausforderung gestellt.

Michael Wiedersich
Da staunen sogar Rick Zabel und Christian Ehrhoff. Wir überholen sie bei der Mallorca312 hier einfach mal so am Berg.
Da staunen sogar Rick Zabel und Christian Ehrhoff. Wir überholen sie bei der Mallorca312 hier einfach mal so am Berg.Foto: Wiedersich

Das Frühjahr ist traditionell für jeden ambitionierten Radsportler die Zeit der Trainingslager in südlichen Gefilden, vorzugsweise Mallorca. Gut 200.000 Rad fahrende Urlauber sind jährlich auf den Straßen der Baleareninsel unterwegs, Tendenz steigend. Nicht alle Einheimische freuen sich auf so viel Zuspruch. Manche Inselbewohner nennen die Radfahrer wegen der vielfarbigen Kleidung wenig begeistert die „bunte Pest“. Aber trotz eines inzwischen schlechten Gewissens ob meiner persönlichen Klimabilanz, mindestens einmal pro Jahr zieht es mich auch dorthin.

Meinen ersten Kontakt mit der Sonneninsel hatte ich Anfang der 1980er Jahre. Zusammen mit anderen Jugendlichen absolvierte ich dort ein Trainingslager über 14 Tage. Das Hotel am Ballermann war sehr billig, die Betten glichen Hängematten und als Freizeitbeschäftigung wurde das Taschengeld in den Spielhallen unter die Leute gebracht. Der Asphalt war damals noch sehr grob, Radfahren glich Kraftsport, kein Vergleich zu heute. Wir trainierten in der Gegend um Llucmajor immer auf der gleichen Runde, die Berge sah man nur von weitem. Ich fand das aber trotzdem großartig und war seitdem so oft da, dass ich mich frage, warum ich noch keine Ehrenbürgerschaft angeboten bekommen habe. Einmal bin ich sogar fast drei Monate geblieben. In einer kleinen Remise mit Außenklo mitten auf der Insel, nur Schlafen, Radfahren, Essen, die Gegend mal intensiver erkunden und über das Leben nachdenken, der Traum jedes Hobby-Radsportlers.

In diesem Jahr durfte ich meiner Mallorca-Leidenschaft eine neue Erfahrung hinzufügen. Bereits zum zehnten Mal fand auf der Insel das Radsport-Event überhaupt statt: der Radmarathon Mallorca312. Einer meiner Schützlinge hatte sich dort angemeldet und gefragt, ob ich ihn begleiten kann. Sofort habe ich zugesagt, die Liebe zu dieser Insel treibt manchmal merkwürdige Blüten. Vor dem Sonnenuntergang wieder im Ziel zu sein war die selbstgesteckte Vorgabe.

Knapp 8000 Radfahrer starteten in diesem Jahr bei der Mallorca312 in Playa de Muro

Früher ging es bei diesem Jedermann-Rennen über 312 Kilometer tatsächlich einmal um die Insel herum. Vor einigen Jahren wurde die Strecke wegen der schwierigen Verkehrsverhältnisse geändert. Die Länge von 312 Kilometern ist geblieben und zusätzlich sind auch kürzere Distanzen ins Programm genommen worden. Denn zu einem so frühen Zeitpunkt im Jahr mal locker über 300 Kilometer am Stück zu fahren, das ist nicht so einfach.

Knapp 8000 Radfahrer standen dann trotzdem um sieben Uhr morgens am Start in Playa de Muro an der Ostküste Mallorcas. In der ersten Reihe Radsportgrößen wie Alberto Contador, Miguel Indurain oder Sean Kelly, mein Schützling und ich mitten drin, aber natürlich viel weiter hinten.

Die Runde hatte es in sich. Insgesamt mussten wir knapp 5000 Höhenmeter überwinden und gleich am Anfang stand das Tramuntana-Gebirge im Nordwesten der Insel im Weg. Auf komplett autofreien Straßen lachte die Sonne vom Anfang bis zum Ende vom Himmel. Der Schützling und ich waren gut unterwegs, so verging die Zeit trotz der Anstrengungen fast wie im Flug. Pünktlich um 20 Uhr und noch weit vor Sonnenuntergang fuhren wir über die Ziellinie in Playa de Muro. Mallorca ist schon schön.

- Michael Wiedersich ist Radsporttrainer und Sportjournalist schreibt hier im Wechsel mit Tagesspiegel-Volontär und Läufer Felix Hackenbruch.

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