Radkolumne „Abgefahren“ : Ein zartrosa Tiger aus Karbon

Unser Kolumnist hat sich in ein Gravelbike verliebt, das er anfangs nur für einen Marketingtrick gehalten hat, um Novizen abzuzocken.

Michael Wiedersich
Unser Autor und sein Gravelbike: Es war Liebe auf den ersten Blick.
Unser Autor und sein Gravelbike: Es war Liebe auf den ersten Blick.Foto: Imago/U. J. Alexander

Michael Wiedersich ist Sportjournalist und Radsporttrainer. Hier schreibt er im Wechsel mit Läuferin Jeannette Hagen.

Ich habe mich Hals über Kopf verliebt. Sehr zur Erleichterung der Kulturbeauftragten des Hauses ist das Objekt meiner Begierde nur ein neues Rennrad. Wobei, die Bezeichnung „Rennrad“ diesen Traum aus Karbon und Aluminium nicht richtig beschreibt. Es handelt sich genauer gesagt um ein Gravelbike. Zur Erklärung: „Graveln“ ist das neue Querfeldeinfahren und seit einiger Zeit sehr angesagt unter Radfahrern.

Und ganz klar, dass man das nicht ohne ein Spezialrad machen kann.

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Ursprünglich war ich der Meinung, dass es zum Fahren auf Waldwegen und Schotterpisten kein anderes Rad als meinen bereits vorhandenen Cyclocross-Renner braucht. Dieses Graveln, so meine bisherige These, sei bestimmt nichts anderes als wieder nur ein neuer Marketingtrick, um ahnungslose Radfahr-Novizen zum Kauf eines überteuerten Statussymbols zu nötigen. Und wer fährt schon im Hochsommer durch den staubigen Berlin-Brandenburger Wald? Ich jedenfalls seit dem Ende meiner erfolglosen Karriere als Mountainbiker schon lange nicht mehr.

Auf das Detail kommt es an

Dann tauchte dieses Gravelrad auf. Irgendwie schlich es sich langsam und sehr subtil in mein Bewusstsein. Anfangs wollte ich auch nichts damit zu tun haben und wehrte jeden Gedanken daran ab. Eines Tages sah ich ein Youtube-Video eines ehemaligen Profis aus den Niederlanden, der als Botschafter des Herstellers das Rad vorstellte. Da war es dann um mich geschehen. Doch nicht die breiteren Reifen, die spezielle Gabelfederung oder das angepriesene Handling erweckten meine Aufmerksamkeit. Besonders ein Detail begeisterte mich an der Vorführung auf Anhieb.

Der Rahmen verfügt über eine Klappe. Wenn man diese öffnet, kann der Hohlraum des Rahmenrohrs als Aufbewahrungsraum für Dinge genutzt werden, die man sonst nur in der Trikottasche oder unter dem Sattel verstauen musste. Ersatzreifen, Flickzeug, Pumpe, Energieriegel, sogar eine Windweste finden dort Platz. Was soll ich sagen, es war Liebe auf den ersten Blick, ich brauchte dieses Rad.

Nun folgten schwierige Verhandlungsgespräche mit der Kulturbeauftragten, denn solch eine Anschaffung will im Familienkreis besprochen werden. Leider waren ihr meine früheren Aussagen zum Thema Gravelrad nicht entgangen. Am Ende bekam ich die Freigabe, mich um die Anschaffung dieses Schmuckstücks für meinen Fuhrpark kümmern zu dürfen.

Die Anschaffung des Gravelbikes war auf jeden Fall notwendig

Eine Testfahrt mit dem Karbon-Tiger, die mir freundlicherweise eine Radfreundin ermöglichte, bestärkte mich darin, dass Graveln etwas komplett anderes als Cyclocross sein muss. Der Besitz eines Spezial-Gravelrades war auf jeden Fall notwendig.

Sehr viele Menschen hatten offenbar die gleiche Idee wie ich. Das neue Spielzeug schien überall ausverkauft. Der neue Liefertermin war überall für Februar 2021 geplant. Nach zweitägiger Intensiv-Recherche fand ich schließlich ein Rad-Geschäft in München, das mein Traumrad vorrätig hatte und mir zusandte.

Seit zwei Wochen ist das gute Stück da. Gefahren bin ich es allerdings bisher nicht. Einige Umbauten müssen vorgenommen werden. Das geht nur schleppend voran, da für das neue Rad mein Werkzeugkasten dringend ein Update braucht. Gewöhnen muss ich mich auch an die Farbe des Rahmens. Sie betont mit Farbelementen in Zartrosa eher meine feminine Seite.

Aber insgesamt kommt es ja auf die inneren Werte an. Diese Sache mit dem Stauraum im Rahmen ist in Wirklichkeit noch viel besser als im Video.

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