RB Leipzig ist schon vor dem Aufstieg eine Marke. Wer polarisiert, der interessiert.

Seite 2 von 2
RB Leipzig in der Bundesliga : Der Osten braust auf

Blogger Kießling sagt, Vereine wie der VfB Stuttgart seien „jetzt auch kein Wohltätigkeitsklub“. Bei einer Mitgliederversammlung von Bayern München würden vielleicht zwei Prozent der Mitglieder teilnehmen. Bei welchen großen Profiklubs hätten die Fans denn ernsthaft ein Mitspracherecht?

Mag stimmen, aber der Fall Red Bull ist speziell: Der Konzern ist der Klub, er hat sich in die Stadt eingekauft. Das alte Leipziger Zentralstadion, nach dem Umbau für die WM 2006 eines der schönsten im Land, heißt „Red-Bull-Arena“ – gehört allerdings noch dem Unternehmer Michael Kölmel. Das Stadion liegt im gediegenen Teil des Zentrums, auch Sportdirektor und Trainer Ralf Rangnick wohnt dort. Die Farben der Stromkästen im Stadtteil sind von RB-Fans rot und weiß gepinselt worden. Ihre Gegner haben Schmähworte darauf geschrieben, „Hurensöhne“ ist noch das Harmloseste. RB polarisiert aber sonst immer mehr im Verborgenen in Leipzig. Früher krachte es schon mal, wenn sich die Fans von RB und Lok bei gleichzeitig angesetzten Spielen am Hauptbahnhof begegneten. Heute ist Rot-Weiß an Spieltagen im Zentrum omnipräsent, Gelb-Blau bleibt in Probstheida. Die RB-Zuschauer sind jung, viele kleine Jungs mit Bullenlogokäppis bevölkern die Straßenbahn und das Stadion.

Zeugt es nun von mehr Moral, ein Trikot mit dem Sponsor „Wiesenhof“ (Werder Bremen) oder „Gazprom“ (Schalke) zu tragen? Das ist in Leipzigs Arena nicht mehr das Thema. Ist ja auch eher selten im Leipziger Stadion, der Mateschitz, dessen Engagement in der Fußballszene schon Verletzung der Spielregeln nachgesagt wurde – wegen Untergrabung der 50+1-Regel, die besagt, dass jeder Klub die Mehrheit an der Profiabteilung halten muss. RB widerspricht vielleicht dem Grundgedanken der Regel, verstößt aber nicht gegen sie, denn es gibt in Leipzig keine ausgelagerte Profiabteilung. Allgemein wird kolportiert, dass die die Deutsche Fußball-Liga RB Leipzig wohl akzeptiert, damit der Ostfußball diese eine Chance Leipzig hat.

Tradition ist Nostalgie, nicht Realität

Gertjan Verbeek, Trainer des Leipziger Zweitliga-Konkurrenten VfL Bochum, hat kürzlich gesagt: „Immer wieder gibt es Diskussionen – Traditionsverein oder nein. Ich stelle nur fest: In Leipzig waren am letzten Sonntag 23.000 Zuschauer, hier kommen nur 11.000.“

Tradition ist eben Nostalgie und nicht Realität. Im Osten und in Leipzig schwärmen viele Fußballfans von Lok oder Chemie. Zu einer groß angekündigten Jubiläumsfeier wie am Freitag vergangener Woche im Casino bei Lok kommen sie deshalb noch lange nicht. Nostalgie praktizieren, das ist frustrierend und uninteressant. Fußball lebt von seiner Aktualität und nicht von Jubiläen. Vor 50.000 Zuschauern im Berliner Stadion der Weltjugend siegte Lok im Mai 1976 3:0 gegen Vorwärts Frankfurt/Oder. Heute ist Lok als Einziger aller Klubs bis Liga fünf herunter in dieser Saison noch ungeschlagen. Der Fan mit dem Autogrammfoto, sagt er stolz, als er sich auf den Heimweg von der Feier macht. „Mit zwei Jahren bin ich zum ersten Mal hier gewesen, vor 27 Jahren. Das wird man nicht mehr los.“ Ist wohl so. Und zu Rasenballsport sagt er noch: „Hoffentlich steigen die nicht auf.“

Nostalgie in Fanhand. Bild mit Unterschriften der Lok-Idole von 1976.
Nostalgie in Fanhand. Bild mit Unterschriften der Lok-Idole von 1976.Foto: Claus Vetter

Das hat sich im Zweitliga-Endspurt nun nicht mehr vermeiden lassen. Für die Leipziger Fußballfans mit weniger romantischen Erlebnissen spielt ab der nächsten Saison der RB Leipzig in der Bundesliga.

Vorstandschef Oliver Mintzlaff sagt, RB habe eine „ganz klare, relativ saubere Gehaltsstruktur“ und daran werde sich auch nach einem Aufstieg „nichts ändern“. Zweistellige Millionentransfers bestreitet Mintzlaff nicht. Aber wenn alle Vereine mal ihre Spielergehälter offenlegen würden, dann sei RB „höchstwahrscheinlich nicht“ auf dem ersten Platz in der Zweiten Liga. Der Etat soll im ersten Bundesliga-Jahr im Mittelfeld liegen, später wachsen. In dieses Konzept passt die Verpflichtung von Ralph Hasenhüttl. Der Österreicher gilt nach erfolgreicher Arbeit in Ingolstadt als aufstrebender Trainer. Rangnick hat ihn daher geholt, er will künftig nur Sportdirektor sein.

Der Osten braust nach oben. Dieser Klub ist schon eine Marke, bevor er überhaupt in der Bundesliga spielt. Das ist was. Wer polarisiert, der interessiert. Womöglich werden kommende Bundesliga-Saison mehr Fans von Berlin bis Leverkusen Gastspiele von RB verfolgen als Gastspiele von Ingolstadt oder Hoffenheim. Wenn es in der Bundesliga weiter nach oben geht, dann soll das in das alte Zentralstadion eingelassene neue Stadion von 43.000 Plätzen auf 56.000 Plätze erweitert werden.

Matthias Kießling sagt, es sei sein Traum, dass das Produkt einmal so gut ist, um sich vom Sponsor emanzipieren zu können. Allein von Red Bull abhängig zu sein, muss das Überleben nicht sichern. Das Hickhack um den vor ein paar Tagen fast und dann doch nicht geschlossenen Red-Bull-TV-Sender „Servus TV“ war keine in dieser Hinsicht Mut machende Geschichte. Was, wenn der Mateschitz keine Lust mehr hat? „Wird nicht passieren, solange der lebt“, glaubt Matthias Kießling und lächelt. Die Mission, die Bundesliga aufzumischen, beginne ja jetzt erst.

Folgen Sie der Sportredaktion auf Twitter:

  • Der Osten braust auf
  • RB Leipzig ist schon vor dem Aufstieg eine Marke. Wer polarisiert, der interessiert.
Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben