Rennfahrerin Sophia Flörsch im Interview : „Ich will keine Quotenfrau sein“

Sophia Flörsch spricht über ihren Umgang mit dem schweren Unfall in der Formel 3, die Sicherheit auf den Strecken und die Bedingungen als Frau im Motorsport.

Fokussiert. Sophia Flörsch hat den schweren Unfall längst verarbeitet.
Fokussiert. Sophia Flörsch hat den schweren Unfall längst verarbeitet.Foto: Imago/Suer

Am 18. November 2018 verunglückte Sophia Flörsch in der Formel 3 schwer. Beim Rennen in Macau kollidierte sie bei einer Geschwindigkeit von etwa 276 km/h mit einem anderen Fahrzeug und durchschlug den Begrenzungszaun. Nicht nur darüber haben wir mit ihr zu Weihnachten gesprochen.

Frau Flörsch, Sie sind 2019 in Berlin den Marathon gelaufen, ihren ersten. Wie schnell waren Sie?
Rund vier Stunden und 40 Minuten. Die Teilnahme hat sich durch einen Sportartikelhersteller recht spontan ergeben. Eineinhalb Monate vorher kam erst der Anruf, ob ich Zeit und Lust hätte, einen Marathon zu laufen. Zeit zur Vorbereitung hatte ich deshalb leider gar keine.

Mussten Sie sehr leiden?
Ich habe mir einen Knorpelschaden zugezogen und den Meniskus angerissen, aber es war trotzdem cool, die Stimmung war toll. Nur viel gesehen habe ich von Berlin leider nicht, weil man wirklich wie im Tunnel läuft und auf die Strecke fokussiert ist. Bis dahin bin ich nur mal einen Halbmarathon in München gelaufen – da testet ein Marathon die körperlichen Grenzen ganz anders aus. Ich musste feststellen, dass 42 Kilometer eine echte Hausnummer sind.

Inwiefern lassen sich Marathon und Motorsport miteinander vergleichen?
Marathon ist unterm Strich Kopfsache. Ich glaube, viele Menschen könnten Marathon laufen, wenn sie wollten. Es hat ein bisschen was damit zu tun, wie fit dein Kopf ist und wie stur du bist, das dann auch durchzuziehen. Im Rennsport geht es auch um diese mentale Einstellung. Es geht darum, das Limit des Autos abzurufen: Wie gut schafft man es also, mit einer möglichst hohen Geschwindigkeit durch die Kurve zu fahren und auf Vollgas zu bleiben, auch wenn der Kopf vielleicht was anderes empfiehlt.

Ab wann hat es beim Marathon in Berlin bei Ihnen begonnen, physisch richtig weh zu tun?
Die ersten 21 Kilometer vergingen überraschend leicht und schnell. Ich bin unter zwei Stunden geblieben und war sogar schneller als beim Halbmarathon. Irgendwann haben aber die Knie nachgelassen, und ab Kilometer 25 wurde es schwer; auch weil man weiß, dass noch über 15 Kilometer anstehen. Das ist dann nicht so geil.

Sie erwähnten, es sei eine gewisse Sturheit für einen Marathon nötig. Sind Sie sehr stur?
Mein Papa würde das jetzt bejahen (lacht). Ich glaube aber einfach, dass ich Dinge durchziehe, wenn ich sie mir mal in den Kopf gesetzt habe. So auch beim Marathon: Wenn ich abgebrochen hätte, wäre ich von mir selbst enttäuscht gewesen. Da bin ich ehrgeizig.

Glück im Unglück. Sophia Flörsch überstand den Unfall ohne bleibende Schäden.
Glück im Unglück. Sophia Flörsch überstand den Unfall ohne bleibende Schäden.Foto: dpa

Im November 2018 hatten Sie diesen schweren Rennunfall in Macau, bei dem Ihr Formel-3-Auto abhob, mehrere Meter rückwärts durch die Luft schoss und mit fast 280 km/h in die Streckenbegrenzung krachte. Es gibt davon ein Youtube-Video mit vielen verschiedenen Kameraperspektiven. Wie oft haben Sie dieses Video angeschaut?
Sehr oft! Ich habe im vergangenen Jahr auch sehr oft darüber geredet und vieles geschildert.

Und analysiert?
Naja, der Weltverband Fia hat mir relativ schnell mitgeteilt, dass niemand Schuld daran hatte, dass es einfach nur Pech war. Und das war für mich das Wichtigste. Wenn ich mir das jetzt noch mal anschaue, denke ich nicht, dass ich die Fahrerin in dem Auto bin. Für mich hat sich das nicht so schlimm angefühlt, wie es aussah.

Eine Folge war, dass Sie in einer elfstündigen OP ein Stück Ihres Hüftknochens in den gebrochenen Halswirbel eingesetzt bekamen – und kurz darauf prompt Ihre Rückkehr auf die Rennstrecken ankündigten. Betrachten Sie das Comeback als geglückt?
Dieses Jahr war leider kein einfaches. Ich habe viele Testtage verpasst und saß erst Anfang März wieder im Auto. Dann wurde noch eine Serie gestrichen, an der ich teilnehmen wollte. Anfang April, wenn eigentlich schon die ersten Rennen stattfinden, fiel erst die Entscheidung, was ich überhaupt mache. Ich habe mich dann für eine Serie entschieden, mit der weder ich noch mein Team Erfahrung hatten. Das hat es schwer gemacht, hinzu kamen technische Probleme und viel Pech.

Inwiefern hat sich dieses Jahr für Sie wie ein Marathon angefühlt?
Ich glaube, mental und von der Einstellung her bin ich in diesem Jahr gewachsen, weil ich gelernt habe, mit Niederlagen und mit Rückschlägen umzugehen. Es läuft eben im Motorsport nicht immer so, wie man sich das erhofft. Hinter dem Sportler gibt es auch noch ein Auto und ein Team, das auch mal schlechte Tage hat. Diese Erfahrungen haben mich aber für die kommenden Jahre stärker gemacht, obwohl mich der Unfall ein ganzes Jahr zurückgeworfen hat.

Hat Ihr Vertrauen in den Sport nach dem Unfall gelitten?
Grundsätzlich ist der Sport sicher. Ich bin mit 280 Stundenkilometern abgeflogen und kam eine Woche später wieder aus dem Krankenhaus. Ich habe Vertrauen – und seither eher noch mehr Vertrauen aufgebaut. Auch wenn dieses Jahr für den Motorsport leider nicht so schön war.

Formel-2-Fahrer Anthoine Hubert ist in diesem Jahr verstorben, zwei weitere Nachwuchsfahrer – Alexander Peroni und Juan Manuel Correa – hatten schwere Unfälle. Sind die kleineren Serien unsicherer als die Formel 1?
Die Monocockpits sind genauso wie in der Formel 1 gestaltet, die durchlaufen auch alle die gleichen Tests. Was man halt sagen muss: In der Formel 1 sind die Rennen einfach nicht mehr so spannend, worunter die Serie ja auch leidet. Die klassischen Rad-an-Rad-Zweikämpfe gibt es immer weniger, vieles hängt von der Strategie und der technischen Stärke des Rennstalls ab. Das ist im Nachwuchsbereich anders. Dort liegen alle Autos von der ersten bis zur letzten Runde eng beisammen, das führt permanent zu Zweikämpfen – und dann passiert eben auch schneller etwas. Huberts Unfalltod in Spa war einfach nur ein Riesenunglück, der absolute Worst Case, da hatte keiner Schuld daran. Die Kräfte, die dort gewirkt haben, sind für einen menschlichen Körper einfach nicht auszuhalten.

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