Sport : Richtig scheitern

Nach dem Aus häufen sich die Probleme der Eisbären

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Es lag ein trüber Schleier über dem, was sich am späten Dienstagabend in der Frankfurter Eissporthalle am Ratsweg abspielte. „Olé, olé, Pierre Pagé“: Auf einer Stehtribüne im Oberrang besangen rund 300 Fans der Berliner Eisbären unermüdlich einen Trainer, der einen frustrierenden Abgang hinter sich hatte. In den Kellergängen redete sich der Gefeierte gegen den Krach in der Halle heiser, gestikulierte mit Tränen in den Augen, suchte nach Erklärungen. Das Scheitern versprühte einen traurigen Charme: 0:6 hatte Pierre Pagé das letzte Spiel unter seiner Regie hinter der Bande des Eishockeyklubs verloren, den er zuvor zwei Mal zum nationalen Titel geführt hatte. Null zu sechs in Frankfurt – die Eisbären stehen in dieser Saison noch nicht einmal in den Play-offs der Deutschen Eishockey-Liga. In der Qualifikationsrunde, der Hoffnungsrunde zwischen dem Achten und dem Neunten, scheiterten sie nach einem Sieg und zwei Niederlagen an den biederen Frankfurt Lions.

Während der Trainer nach Erklärungen rang und die lausige Vorstellung seiner Mannschaft noch lange nach Spielschluss mit einem ihn tröstenden Bundestrainer Uwe Krupp im menschenleeren Kabinentrakt analysierte, waren die Spieler längst im schützenden Halbdunkel des Berliner Mannschaftsbusses geflüchtet. Die Spieler wollten keine klaren Antworten auf die Fragen geben, die ihre miserable Darbietung aufgeworfen hatte. „Ich sage jetzt besser gar nichts“, erklärte Stürmer Mark Beaufait. Mannschaftskapitän Steve Walker sagte immerhin: „Wir haben uns selbst ein Loch gegraben, aus dem wir nicht mehr herausgekommen sind.“ Damit meinte Walker wohl nicht nur die Demütigung von Frankfurt, sondern auch eine Saison, deren Verlauf sich die Berliner anders vorgestellt hatten.

Erfolg hat sie lethargisch gemacht im Stadtteil Hohenschönhausen, der manchmal doch etwas launische Pagé hatte davor gewarnt, dass die Berliner nach schlampiger Saisonplanung und schwachen Neuverpflichtungen im Mittelmaß zu versinken drohten. Und das ausgerechnet ein Jahr vor dem Umzug in neue Dimensionen: In einem Jahr ziehen die Eisbären in die O2-World am Ostbahnhof, der zurzeit entstehende Bau soll nach Bekundungen des Eisbären-Eigners, der Anschutz-Gruppe aus den USA, die modernste Arena Europas werden.

Und gerne brüsten sich die Verantwortlichen bei Anschutz damit, dass sie schon jetzt über 60 Prozent der VIP-Boxen in der 14 000 Zuschauer fassenden neuen Großarena verkauft haben. Doch wenn die vielen, solventen Menschen ab Herbst 2008 gutes Eishockey sehen wollen, könnten sie womöglich in der falschen Halle sein: Ein Eishockey-Spitzenteam sind die Eisbären seit dieser Saison erst einmal nicht mehr. Das aber sehen sie in Hohenschönhausen noch anders. Detlef Kornett, Europa-Chef von Anschutz, sagt: „Wir haben aus den Fehlern dieser Saison gelernt. Wir werden wieder die richtige Mixtur von jungen und alten Spielern finden.“ Der Nachwuchs soll weiter gefördert werden bei den Berlinern, die es immerhin unter Trainer Pierre Pagé geschafft haben, mit Youri Ziffzer und Daniar Dshunussow zwei junge Torhüter auf ein sehr gutes Level zu bringen.

Und Bundestrainer Uwe Krupp glaubt auch, dass die Eisbären weiter ihren Weg machen werden. „Das Nachwuchsprogramm in Berlin ist so gefestigt, das ist durch den Weggang Pagés nicht gefährdet“, sagt Krupp. Noch haben die Eisbären keinen neuen Trainer, nur das Anforderungsprofil ist klar: Erfolgreich muss Pagés Nachfolger sein und zugleich den deutschen Nachwuchs fördern. Diese Stellenausschreibung passt ziemlich genau auf einen renommierten Trainer – aber dieser hat seinen Job, den er immer als eine Mission gesehen hat, am Dienstag in Berlin beendet: Im Frust flog Pagé allein und nicht mit der Mannschaft nach Berlin zurück. Manager Peter John Lee nahm es gelassen. Negative Kommentare zum Trainer gibt es von ihm nicht, im Gegenteil. „Pierre hat sich einen guten Abschied bei uns verdient“, sagt Lee. Den soll der Trainer nun auf einer Abschiedsfeier bekommen, nachdem Pierre Pagés Abgang auf dem Eis schon so traurig war.

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