Routinier bei Hertha BSC : Per Skjelbred ist Mister 100 Prozent

Der Norweger ist einer der wichtigsten Spieler bei Hertha – und soll nun den jungen Profis helfen.

Immer voll motiviert: Per Skjelbred.
Immer voll motiviert: Per Skjelbred.Foto: dpa

Die ersten Gespräche am Gartenzaun waren nicht gerade erbaulich. Als Per Skjelbred vor fünf Jahren mit seiner Familie nach Berlin kam und ein neues Haus bezog, musste sich der Fußballprofi ein paar heftige, kritische Fragen der Nachbarn gefallen lassen. „Einer wollte wissen, ob mir klar ist, dass Hertha BSC eine Fahrstuhlmannschaft ist ein Jahr gut, das nächste Jahr schon wieder Zweite Liga“, sagt Skjelbred. Eine ältere Dame, so berichtet der Norweger beim Treffen im Mannschaftshotel im österreichischen Schladming, habe ihr Anliegen noch drastischer formuliert: „Was willst du denn hier? Fußball spielen? Bei Hertha?“ Skjelbred erzählt die Geschichte mit einem wunderbaren, vereinnahmenden Lachen. Nach dem Motto: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Mittlerweile geht der Mittelfeldspieler in seine sechste Saison für Berlins Fußball-Bundesligisten, der am Freitagabend ein Testspiel gegen den griechischen Zweitligaklub Aiginiakos FC 7:0 (4:0) gewann. Skjelbred ist längst ein prägendes Gesicht des Vereins geworden, der wiederum dem Kreis der Fahrstuhlmannschaften abgeschworen hat. „In der Zeit, die ich jetzt hier bin, sind wir sehr sehr stabil geworden und haben einen sicheren Platz in der Bundesliga erobert“, sagt der 31-Jährige. „Wir gehören zu den 18 besten Fußball-Mannschaften im Land.“ Daran hat auch Per Ciljan Skjelbred entscheidenden Anteil. „Bei Schelle weiß man immer, was man kriegt: 100 Prozent Einsatz“, sagt Trainer Pal Dardai, „er ist einer unserer Mentalitätsspieler.“

Nach den Umbau- und Verjüngungsmaßnahmen des Sommers kommt Skjelbred auch deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil er gemeinsam mit anderen arrivierten Spielern wie etwa Fabian Lustenberger, Salomon Kalou oder Vedad Ibisevic die Nachwuchskräfte anleiten soll. „Wir müssen den Jungen zeigen, was okay ist und was nicht“, sagt Skjelbred, „es ist unsere Pflicht, die Jungs auch mal zu korrigieren – nicht nur auf dem Platz, sondern auch in Bezug auf ein professionelles Leben.“ Während Skjelbred von seinen sportlichen Anfängen in der norwegischen Heimat erzählt, vom ersten Training bei Rosenborg Trondheim, stellt er ganz beiläufig fest: „Ich habe auf jeden Fall noch ein paar Jahre Profi-Fußball in meinem Körper, obwohl ich nicht mehr jung bin.“

Keine auswendig gelernten Sätze

Das mit dem Alter ist dem Norweger anzumerken – und das ist ausdrücklich positiv gemeint. Skjelbred ist ein aufgeschlossener, sehr interessierter Zeitgenosse, mit dem man auch ganz vortrefflich über Gott und die Welt reden kann, bevor es um fußballerische Belange geht. Keiner aus irgendeiner Jugendakademie, der auswendig gelernte Sätze aufsagt. Vielmehr einer, der Entwicklungen beobachten und diese pointiert zusammenfassen kann. Als Skjelbred im zarten Alter von 15 Jahren zum ersten Mal bei den Profis von Rosenborg Trondheim mitmachen durfte, „da musste ich das Tor im Training noch allein tragen und nicht mit zehn anderen wie heute“, sagt er, „das war eine komplett andere Zeit, heutzutage ist alles viel liberaler geworden.“ Per Skjelbred, typisch liberaler Nordeuropäer, sagt, dass ihm diese Entwicklung gefällt.

Mit Blick auf die neue Saison, die für Hertha am 20. August mit dem DFB-Pokalspiel bei Eintracht Braunschweig beginnt, warnt Skjelbred allerdings auch vor zu großen Erwartungen: „Wir sind Hertha BSC, wir sind nicht Bayern München, das dürfen die Leute nicht vergessen.“ Natürlich wolle die Mannschaft wieder angreifen, vielleicht sogar um die internationalen Plätze mitspielen. „Aber das muss Schritt für Schritt passieren. Die Gefahr ist, dass wir nicht wissen, ob die Balance zwischen jungen und alten Spielern im Team stimmt. Viel zu jung ist auch nicht gut.“

Es läuft das letzte Vertragsjahr

Ähnlich hatte sich zuvor in der Steiermark auch Kapitän Vedad Ibisevic geäußert. Ein, zwei erfahrene Leute mehr würden dem Kader wahrscheinlich ganz gut tun. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse aus zwei Trainingslagern. Wie Herthas dienstältester Spieler Fabian Lustenberger geht auch Skjelbred in sein letztes Vertragsjahr in Berlin. Und natürlich ist ihm nicht entgangen, dass die Halbwertszeit bei Fußball-Profis zuletzt eher zurückgegangen ist. Trotzdem will er noch einmal alles versuchen, um sich mit guten Leistungen einen neuen Vertrag zu erspielen. „Ich habe in meiner Zeit bei Hertha die meisten Spiele gemacht, habe immer alles gegeben. Hertha ist eine Heimat für mich geworden, ich würde hier liebend gern weitermachen“, sagt Skjelbred, „aber ich weiß natürlich auch, dass Profisport ein Business geworden ist.“

Andererseits hat Skjelbred in 15 Profijahren gelernt, damit umzugehen, und sich eine erstaunliche Gelassenheit angeeignet. Wenn es zum Beispiel nicht klappen sollte mit der Vertragsverlängerung, hat sich Skjelbred schon Gedanken über mögliche Alternativen gemacht. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, nach der Karriere in einem Kindergarten zu arbeiten“, sagt er. Noch so ein Satz, den man von Profi-Fußballern selten vernimmt.

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