Russischer Dopingskandal : Sotschi 2014: Neue Vorwürfe gegen Wladimir Putin

Grigori Rodschenkow, der frühere Leiter des Moskauer Analyselabors, beschuldigt Wladimir Putin der Mitwisserschaft: "Ja. Er kann es nicht leugnen."

Weiß viel. Aber wie viel? Viele vermuten: sehr viel. Wladimir Putin, Russlands Präsident, ist mehr als umstritten.
Weiß viel. Aber wie viel? Viele vermuten: sehr viel. Wladimir Putin, Russlands Präsident, ist mehr als umstritten.Foto: Maxim Shemetov/Reuters

Weniger als zwei Wochen vor Beginn der Winterspiele in Pyeongchang herrscht Aufregung und Unruhe im Weltsport. Auf harsche Kritik stieß die Kompromiss-Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), einzelne russische Athleten bei den Winter-Paralympics zuzulassen. Für Aufsehen sorgte Kronzeuge Grigori Rodschenkow, der Russlands Staatspräsident Wladimir Putin bezichtigt, Mitwisser bei der Doping-Vertuschung während der Winterspiele 2014 in Sotschi zu sein. Verunsicherung löste zudem die Nachricht der WADA aus, dass die neuen Doping-Probenflaschen möglicherweise nicht sicher vor Manipulationen sind.

In der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping - Das Olympia-Komplott“, die am Montagabend (22.45 Uhr) ausgestrahlt werden sollte, sagte Rodschenkow zu Putins mutmaßlichem Doping-Wissen: „Ja. Er kann es nicht leugnen.“ Der in die USA geflüchtete Ex-Leiter des Moskauer Analyselabors erklärte in der ARD zudem, es habe schon weit vor Sotschi ein systematisches Doping in Russland gegeben.

Rodschenkow hatte im Mai 2016 der „New York Times“ über den Doping-Betrug und Proben-Austausch mit Hilfe des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB bei den Sotschi-Spielen berichtet. „Natürlich kam es von ganz oben, vom Präsidenten. Weil nur der Präsident den FSB für eine solche spezielle Aufgabe engagieren könnte“, sagte der unter Zeugenschutz lebende Rodschenkow per Audioeinspielung aus seinem Versteck in den USA der ARD.

„Ich habe vor mehr als einem Jahr gesagt: Es fällt schwer, zu glauben, dass Putin nicht wusste, was da gelaufen ist“, sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Geteilte Meinung beim IPC

Während Hörmann („Hoch erfreulich, dass der Sport einheitlich agiert in dieser wichtigen sportpolitische Frage“) die IPC-Entscheidung begrüßte, hält sie der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes für falsch. „Ein Start von Athleten aus Russland nach dem Sündenfall von Sotschi ist aus unserer Sicht ein Schlag ins Gesicht der sauberen Sportler“, sagte Friedhelm Julius Beucher in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Chef de Mission Karl Quade: „Leider hat sich das IPC nun irgendeinem Druck gebeugt.“

Vor den Sommerspielen 2016 in Rio hatte das IPC die Russen komplett ausgeschlossen. Nun folgte es dem Vorbild des Internationalen Olympischen Komitees, das 169 russische Athleten unter neutraler Fahne bei den Pyeongchang-Spielen zugelassen hatte. Das IPC rechnet mit 30 bis 35 Russen bei den Paralympics vom 9. bis 18. März.

Rodschenkow beschuldigte in der ARD-Doku Putin nicht nur, Wissen über den Doping-Betrug von Sotschi gehabt zu haben, sondern bestätigte zudem Geheimdokumente, die der ARD zugespielt wurden. Sie sollen den Verdacht erhärten, dass in Russland schon lange vor den Spielen 2014 in Sotschi systematisch und geplant gedopt habe.

„Vor Peking war es sehr einfach. Man konnte tun, was man wollte - und alle russischen Athleten des Nationalteams waren gedopt“, erklärte Rodschenkow. „Zwischen Peking 2008 und London 2012 haben wir unsere Strategie geändert, wie man Doping vertuschen kann. Wir haben alles kontrolliert.“ Für Sotschi sei das Staatsdoping zur Perfektion gebracht worden.

Keine Debatte erwünscht

Im IOC-Exekutivkomitee mit dem deutschen Präsidenten Thomas Bach sei eine Debatte über den Fall Russland nicht erwünscht gewesen, berichtete die frühere IOC-Athletensprecherin Claudia Bokel in der ARD-Doku. „Wir wollten, dass harte Konsequenzen kommen für Russland. Und dass eben Russland von den Spielen ausgeschlossen wird in Rio, beziehungsweise in Pyeongchang“, sagte die heutige Präsidentin der deutschen Fechter. „In der Exekutive durfte das nicht diskutiert werden.“

Dennoch wirkte sie in der Dreier-Kommission des IOC mit, die vor Beginn der Rio-Spiele die Unterlagen der Weltverbände über die Prüfung der Startzulassungen einzelner Russen prüfte. Bei Ansicht der Unterlagen habe sie erkannt, dass eine sorgfältige Überprüfung in der Kürze der Zeit in vielen Fällen nicht möglich gewesen sei, berichtete Bokel. In Rio sollten laut IOC nur Sportler an den Start gegen dürfen, die zuvor unabhängig auf Doping getestet worden waren.

„Claudia Bokel hatte mehrfach die Gelegenheit sich zu äußern“, kommentierte ein IOC-Sprecher ihre Aussagen. „Sie hat an der entscheidenden Sitzung der IOC-Exekutive teilgenommen, sich dort mit ihrer Meinung eingebracht und sich anschließend in der Abstimmung ihrer Stimme enthalten.“ (dpa)

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