Russland und das IOC : Vertrauen ist viel verlangt

Glaubt man dem IOC, gewinnt Russland in der Doping-Frage an Glaubwürdigkeit zurück. Doch die Einschätzung kommt viel zu früh. Ein Kommentar.

Anne Armbrecht
Russische Athleten dürfen bei den Winterspielen 2018 nicht unter ihrer Flagge starten.
Russische Athleten dürfen bei den Winterspielen 2018 nicht unter ihrer Flagge starten.Foto: AFP

Seit Montag verhandelt der Internationale Sportgerichtshof Cas die lebenslangen Sperren 42 russischer Sportler. Der Bann des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) steht auf wackligen Füßen. Schon die Verbände der Bobfahrer und Eisschnellläufer hatten erklärt, die Beweise seien ihnen zu dünn – und ließen die Athleten im Weltcup starten. Gut möglich also, dass der Cas sie auch für die bevorstehenden Olympischen Spiele in Pyeongchang begnadigt.

80 Prozent der nach den Spielen von Sotschi beschuldigten Sportler habe man ausgetauscht, sagt Witali Mutko, der ehemalige Sportminister Russlands. Das klingt erstmal nach neuer Glaubwürdigkeit, und so verkauft es auch das IOC. „Eine neue Generation russischer Athleten“ gehe da an den Start. Vertrauen soll man den Russen nun also. Aber geht es darum überhaupt? Eigentlich nicht – zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Vertrauen, das kann nach Pyeongchang kommen. Dann, wenn es darum geht, das russische Komitee wieder aufzunehmen. Straftäter werden auch nicht ohne verbüßte Schuld wieder in die Gesellschaft eingegliedert. Warum sollte es mit Manipulateuren, Betrügern, Dopingsündern anders sein? Von Reue sind sie in Russland ohnehin weit entfernt. Der McLaren-Report wird von den Beschuldigten weiter als politisch motiviert abgetan. Systematisches Doping? Hat es laut Kreml nie gegeben.

Ja, die Köpfe sind ausgetauscht – aber nicht das, was in den Köpfen ist. Fairness als Wert findet sich noch immer nicht darin. Wer kann da ernsthaft neues Vertrauen einfordern? Auch nach Sotschi dauerte es ein Jahr, bis der Betrug aufflog – und noch länger, bis dessen Ausmaß deutlich wurde. Einen Rückfall kann niemand seriös ausschließen.

Aber wo soll das Umdenken auch herkommen? In Sotschi gingen 214 russische Sportler an den Start, in Pyeongchang dürften es rund 200 sein. Entgegen der Beteuerungen seitens des IOC gibt es keine Ächtung des vom Nationalstolz motivierten Staatsdopings. Ob unter russischer oder olympischer Flagge: Die „Olympic Athletes from Russia“ werden ihren Weg in den Medaillenspiegel finden und dort vermutlich weit vorn landen. Dann ist alles wie vorher – als hätte es den Betrug nie gegeben.

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