Russlands Biathlon-Trainer : Ricco Groß: "Für mich sieht das nach Willkür aus"

Russlands Biathlon-Nationaltrainer Ricco Groß spricht im Interview über Olympia und die Dopingvorwürfe gegen sein Team.

Ist schwer enttäuscht von den sportpolitischen Vorgängen: Ricco Groß.
Ist schwer enttäuscht von den sportpolitischen Vorgängen: Ricco Groß.Foto: picture alliance / Barbara Gindl

Herr Groß, Ihr Team ist Staffel-Olympiasieger von Sotschi und Staffel-Weltmeister 2017. In dieser Saison reichte es im Kollektiv einzig zu einem dritten Platz; allein sind Ihre Sportler noch ohne Podium – und das ausgerechnet vor den Olympischen Spielen. Woran liegt es?

Natürlich waren die Erwartungen höher. Wir sind irgendwo an uns selbst gescheitert. Haben zu viele Fehler geschossen, waren im Laufen auch nicht so in der Form, wie wir uns das wünschen.

Als das IOC bekannt gab, Russland wegen systematischen Dopings als Nation nicht zu den Winterspielen zuzulassen, sagten Sie, das sei auch in den Köpfen Ihrer Sportler. Hatte das Einfluss auf die Leistungen?

Mit Sicherheit. Sie wissen jetzt ja immer noch nicht, was Sache ist. Wenn man beim IOC nachfragt, bekommt man keine klare Antwort. Wenn man bei der IBU nachfragt, bekommt man keine klare Antwort, wer überhaupt alles startberechtigt ist und wer nicht. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass Alexander Loginow (2014 wegen Epo-Nachweis für zwei Jahre gesperrt, d. Red.) definitiv nicht am Start sein wird. Aber alle anderen Entscheidungen stehen nach wie vor aus. Und das ist natürlich belastend. Auch ein Stück weit unfair gegenüber den Athleten, da keinen reinen Wein einzuschenken.

Wie erklärt es sich aus Ihrer Sicht, dass es vier Wochen vor Olympia noch keine feste Aussage gibt?

Das braucht sich für mich nicht zu erklären. In dem Moment ist der Bestimmer das IOC, und das IOC hat seine Regeln. Und irgendwann werden sie den Sportlern schon sagen, sie dürfen oder dürfen nicht. Ich kann es nicht beeinflussen. Wir gehen aber davon aus, dass alles in Ordnung ist.

Abgesehen von Alexander Loginow.

Genau.

Der IOC-Beschluss lautete, dass neutrale Athleten aus Russland in Pyeongchang starten dürfen. Nicht unter russischer Flagge, nicht in Teamkleidung. Geht das überhaupt, neutral zu sein als Athlet?

Ich stelle mir das schwierig vor für die Athleten, in der Anonymität zu laufen. Andererseits glaube ich, jeder, der fachkundig ist im Biathlon, wird mit den Namen Volkow, Schipulin, Garanitschew, wie sie alle heißen, etwas anfangen können und genau wissen, dass die vom russischen Team sind.

Und das Team heißt ja auch Olympic Athletes from Russia. Wie war denn die Reaktion im Team auf die Entscheidung?

Es würde jeden Athleten tief treffen, der für sein Land starten möchte und das dann nicht darf.

Sie sprachen davon, möglicherweise im Einzelfall vor das Sportgericht zu ziehen.

Wenn es keine Entscheidung gibt, kann man auch gegen nichts vorgehen. Das macht es natürlich schwierig.

Die Anschuldigungen betreffen die Zeit vor Ihrem Antritt. Wie schwer ist es für Sie, damit umzugehen?

Ich habe ja versucht, dem schlechten Bild entgegenzuwirken. Es hieß immer, die Kontrolle einiger Athleten aus Russland sei überhaupt nicht möglich. Da hab ich gesagt, na gut, dann machen wir unser Training in Ruhpolding, Inzell oder anderswo in Mitteleuropa. Das ist auch dankend angenommen worden. Ich glaube kaum, dass es andere Athleten gibt, die so oft kontrolliert worden sind wie die der russischen Biathlon-Mannschaft.

Können Sie das an einer Zahl festmachen?

Es waren extrem viele.

In Russland wird der McLaren-Report weiterhin in Frage gestellt. Er sei politisch motiviert, heißt es da. Ist das etwas, was Sie mit Ihren Athleten besprechen?

Sie haben das schon sehr richtig gesagt. Ich kam erst nach der beschuldigten Zeit dazu. Ich habe nach meinem Empfinden versucht, Vieles richtig zu machen. Alles andere ist im Bereich der Spekulation und daran beteilige ich mich nicht.

Aber das wäre ja auch eine Aussage, wenn Sie sagen, es ist Spekulation.

Das ist es ja genau. Man wird auf irgendwas festgenagelt ohne eine Beweislage. Dann müssen halt auch dem Land oder in dem Fall dem russischen Verband konkrete Beweise vorgelegt werden, dass betrügerische Manipulation stattgefunden hat. Ich kann aber nicht hingehen und sagen, alle russischen Athleten sind gedopt.

Aber genau das ist ja im McLaren-Report vorgelegt. Dass Proben von mehr als 1000 russischen Sportlern manipuliert wurden.

Es gibt einen Unterschied zwischen manipulierter Probe und positiv getestetem Sportler. Der Sportler ist immer verantwortlich für jede Substanz, die in seinem Körper vorhanden ist. Ein gutes Beispiel ist Alexander Loginow. Er hat eine Strafe bekommen und die absitzen müssen, und darf nach Verbüßen der Strafe als Athlet wieder auftreten. Viele andere Athleten werden bezichtigt, das gemacht zu haben. Und das wage ich ganz einfach zu bezweifeln.

Sie sagten, Loginow hat seine Strafe abgesessen. Gesperrt ist er nun für Olympia aber trotzdem. Bei den Sommerspielen 2016 ist ein zuvor zweimal gesperrter Justin Gatlin auch zu Silber gelaufen. Kann man das für Sie gleichsetzen?

Ich sage es anders. Es wäre für das IOC die große Chance gewesen, zu sagen, alle Athleten, die schon mal einen positiven Befund hatten, haben bei Olympia nichts verloren. Denn was ist für mich der Unterschied zwischen einem gedopten Sportler von anderswoher und Alexander Loginow? Was soll da der Unterschied sein? Ich finde, das ist dann schon sehr einseitig.

Auch Ihr deutscher Kollege Wolfgang Pichler, zurzeit Trainer des schwedischen Teams, hat für die Spiele keine Akkreditierung bekommen – weil er zur besagten Zeit Trainer in Russland war.

Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Für mich sieht das sehr nach Willkür aus. Einige sehen in der Entscheidung auch eine politische Brisanz, eine Systemauseinandersetzung zwischen dem Westen und Russland. Sie sind in Mitteleuropa und auch ein Stück weit mit diesem Konflikt aus dem Kalten Krieg aufgewachsen.

Spielt das in der Deutung eine Rolle?

Das ganze Politische würde ich außen vor lassen. Sicher wird es welche geben, die politisch motiviert sind. Aber sich darüber zu äußern, wäre sicherlich unklug.

Was würden Sie sich für Pyeongchang wünschen?

Erstmal, dass es friedliche Spiele werden. Und dass die Besten gewinnen sollen, ganz klar.

Und für Ihr eigenes Team?

Ich zähle uns schon noch mit zu den Besten. Auch wenn es im Weltcup jetzt nicht so aussah, wollen wir um die Vergabe der Medaillen mitreden wollen.

Die russische Hymne würde dann allerdings nicht gespielt werden.

Das hat ja letztes Jahr bei der WM in Hochfilzen auch geklappt, als die falsche gespielt wurde. Da haben sich die Jungs auch hingestellt und haben sie gesungen. Das kriegen sie schon hin, wenn es soweit ist.

Das Gespräch führte Anne Armbrecht.

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