Schmerzhafte Niederlage im Derby : Hertha BSC gibt kein gutes Bild ab

Chaos auf den Rängen, Verzagtheit auf dem Rasen: Der erste Bundeligaderby gegen den 1. FC Union hat man sich bei Hertha BSC anders vorgestellt

Der Jubel der Anderen. Eduard Löwen kassierte gegen Union mit seinem Team eine Niederlage, die Hertha BSC mächtig aufs Gemüt schlägt.
Der Jubel der Anderen. Eduard Löwen kassierte gegen Union mit seinem Team eine Niederlage, die Hertha BSC mächtig aufs Gemüt...Foto: dpa

Ante Covic verabschiedete sich mit einer Empfehlung in die Nacht. „Kurz auf die Tabelle schauen“, sagte der Trainer von Hertha BSC, „da sind wir immer noch vorne.“ Und weil es genauso klang, ziemlich böse nämlich und nach schlechtem Verlierer, hatte Covic, der nun wirklich alles andere als ein böser Mensch ist, seine Empfehlung mit den Worten eingeleitet, dass das jetzt nicht böse klingen solle.

Die Tabelle der Fußball-Bundesliga weist Hertha BSC, den einen Berliner Verein, tatsächlich immer noch vor dem 1. FC Union, dem zweiten Berliner Verein, aus. Aber der Vorsprung des etablierten Klubs aus dem Westen der Stadt vor dem Underdog aus dem Osten ist durch die 0:1-Niederlage am Samstagabend im Derby auf drei Plätze und einen Punkt geschrumpft.

Ante Covic hatte zwei Derbysiege angekündigt

Es war kein glücklicher Abend für Hertha BSC, und glücklich war auch nicht das Auftreten der Führungsriege nach dem Spiel. Manager Michael Preetz musste sich zu später Stunde im ZDF-Sportstudio von seinem Union-Kollegen Oliver Ruhnert explizit darauf hinweisen lassen, dass die Heimfans zwar auch gezündelt, aber keine Raketen auf andere Zuschauer geschossen hätten. Vor diesem Hintergrund war es auch von Covic nicht besonders geschickt, dass er noch mit einer Nacht Abstand sagte: „Beide Lager tun sich nicht viel, beide Lager haben gezündelt.“

Dieser Abend mit all seinen hässlichen Begleitumständen war ein schwerer Schlag für Hertha BSC: für die Mannschaft, für den ganzen Verein, vor allem aber für Trainer Covic. Auf die Frage nach seinem Befinden antwortete er am Sonntagmorgen: „Um ehrlich zu sein: sehr geknickt, beschissen.“ Covic ist Berliner, er ist Herthaner – für ihn ist ein Derby daher kein Event, das sich wunderbar vermarkten lässt; für ihn ist es eine ernste Sache.

Erst recht nach den forschen Tönen, die von ihm im Sommer zu vernehmen waren: „Es ist selbstverständlich, dass wir diese Spiele gewinnen werden und müssen, weil wir Hertha BSC sind, weil wir das unseren Fans schuldig sind, weil wir die Qualität haben müssen, jederzeit Union zweimal schlagen zu können“, hatte Covic wenige Tage nach seinem Amtsantritt gesagt. Natürlich ist ihm diese Aussage nach dem Derby gleich mal aufs Brot geschmiert worden.

Nimmt man den Auftritt der Mannschaft als Maßstab, schien das Derby für die Spieler eher Eventcharakter gehabt zu haben. „Wenn du alles gibst, kann man eine Niederlage akzeptieren. Das war nicht der Fall“, sagte Marius Wolf. „Wir haben keinen Fußball gespielt.“ Eine Mannschaft wie Union „musst du eigentlich spielerisch schlagen“.

Natürlich verfügt Herthas Kader über deutlich mehr Qualität als der des Aufsteigers aus der eigenen Stadt. Der Favorit aber ließ sich, eher ungewollt, auf das Klein-Klein Unions ein, wirkte insgesamt ängstlich, fast verschreckt und erstaunlich passiv. So lief auch der Plan des Trainers ins Leere. Covic hatte seine Mannschaft in einem 4-4-2-System aufgeboten und wollte mit doppelter Besetzung auf den beiden Außenpositionen Unions Dreierabwehr in die Breite ziehen und dann die Schnelligkeitsvorteile seiner Stürmer ausspielen. Doch bis auf einen letztlich harmlosen Kopfball von Dodi Lukebakio in die Arme von Torhüter Rafal Gikiewicz und eine weitere Gelegenheit für den Belgier kurz vor Schluss kamen die Gäste zu keiner nennenswerten Chance.

„Ich finde, wir haben zu wenig Fußball gespielt“, sagte Covic. „Wir hätten mutiger agieren müssen.“ Erst nach der Pause wurde es besser, als Eduard Löwen den angeschlagenen Per Skjelbred ersetzte und Covic auf ein 3-4-3 umstellte. Zumindest gelang es Hertha nun, Union fast komplett vom eigenen Tor fernzuhalten. Dass seine Mannschaft das Spiel letztlich durch einen Elfmeter verlor, den Covic am Tag danach als unberechtigt bezeichnete, passte irgendwie zum Gesamtauftritt.

Am Ende einer emotionalen Woche bleibt viel Frust

Manager Preetz sagte immerhin, dass der auch aus seiner Sicht unberechtigte Elfmeter nicht das Thema sei: „Wir haben verloren, weil wir nicht gut gespielt haben.“ Und so fügte sich alles zu einem Bild, das Hertha eigentlich nicht abgeben wollte. Der Sieg im Pokal unter der Woche mit all seinen irrwitzigen Windungen und Wendungen hätte der Mannschaft für das Derby am Wochenende eigentlich noch einmal einen Boost geben sollen; stattdessen schiebt Hertha am Ende einer emotionalen Woche nun viel Frust: über das Geschehen auf den Rängen, über die Derbypleite und auch über die Gesamtsituation.

„Ich bin hauptverantwortlich für Fußball“, sagte Covic. Deshalb ärgere ihn die Niederlage wesentlich mehr als das Fehlverhalten einiger Chaoten, die den ganzen Verein in Misskredit gebracht haben. Durch die Niederlage belegt Hertha nach gut einem Drittel der Saison nur noch Platz elf, der Abstand zu den Abstiegsplätzen ist inzwischen geringer als der zu den Europapokalrängen – und das nach einer Phase, in der Hertha die Versäumnisse zu Saisonbeginn weitgehend aufgearbeitet zu haben schien.

„Wir hatten vier, fünf Spiele einen richtigen Aufwärtstrend“, sagte Covic. „Die Art, wie wir Fußball gespielt haben, war beeindruckend. Aber jetzt haben wir einen Rückschlag kassiert zu einem Zeitpunkt, wo er nicht hätte kommen sollen.“ Vor allem hat Hertha einen Rückschlag kassiert, der deutlich mehr schmerzt als eine Niederlage gegen einen x-beliebigen Bundesligisten.

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