Schräge Geisterspiele : Die arrogante Verzweiflung des Fußballs

Der Profifußball sollte aufhören, nur in seiner Geisterspiel-Blase zu denken und Geduld haben. Andere Sportarten wird die Krise substanzieller erschüttern.

Die Stadien bleiben erst mal leer. Hochgeklappte Sitze im Rudolf-Harbig-Stadion von Dresden.
Die Stadien bleiben erst mal leer. Hochgeklappte Sitze im Rudolf-Harbig-Stadion von Dresden.Foto: Robert Michael/dpa

Das einzig zentrale Thema im deutschen Sport ist dieser Tage die bewegende Frage, wann und wie der Profifußball wieder spielt. Kein Wunder also, dass sich die Virologen wenn schon zum Sport, dann vor allem zu den Plänen um die Geisterspiele in der Bundesliga äußern. Und da gibt es einmal mehr keine frohe Kunde. Nun hat ein prominenter Virologe verlautbart, dass Geisterspiele an sich in Ordnung seien, avisierte Tests aller Beteiligten auf das Corona-Virus im Drei-Tages-Takt allerdings nicht. Ist schließlich nicht vertretbar, wenn die Menschen im Lande angesichts mangelnder Kapazitäten auf ihre Tests warten müssen, weil der Profifußball wichtiger ist und der Tester schon wieder mal in der Kabine von Bayern München unterwegs ist.  

Dieses zeigt einmal mehr, Geisterspiele in der Bundesliga sind inhärent mit Problemen behaftet und der Fußball manövriert sich da in seiner arroganten Verzweiflung immer mehr in eine Sackgasse. In die allerdings andere Sportarten im Land gerne einbiegen würden: Denn abseits des Fußballs sind Geisterspiele undenkbar, weil die Profiklubs im Basketball, Eishockey, Handball, Volleyball oder Tischtennis von den Zuschauereinnahmen leben. Geisterspiele kommen hier also nicht in Frage, also wird die Coronakrise die Klubs aus diesen Sparten in den kommenden Monaten in den Ruin treiben. Denn wer wenig hat, kann alles verlieren.

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Oder auch nicht. Ein Beispiel aus der Nachbarschaft zeigt es. Manche Geschäfte schließen einfach, andere sind in der Krise innovativ. Da ist zum Beispiel der Kinderschuhladen, der mit seinen Kunden die Füße per Anweisung per Telefon oder Internet vermisst, die Schuhe zur Auswahl vor die Tür stellt und später zurückgehende Ware und Geld für bezahlte Ware einsammelt.

Auf den Sport übertragen funktioniert das vielleicht nicht eins zu eins, ist ja schwer machbar, dass der Berliner Tischtennisklubs TTC Eastside zu Hause vorbeikommt, um eine Bundesligapartie im Hobbykeller zu spielen, während der Manager unter Einhaltung der Abstandsregeln Geld vom Zuschauer einsammelt.

Das Verhältnis Profifußball und anderer Profisport verhält sich in Deutschland in etwa so, wie mächtiger Onlinehandel und Schuhgeschäft an der Kiez-Ecke. Letzteres hat vielleicht sogar die schöneren Ideen und mehr Charme, was womöglich über die Krise hinaus Pluspunkte bringen könnte.

Die Deutsche Fußball-Liga sollte daher auch einmal über andere Möglichkeiten als das plumpe Geisterspiel-Konstrukt nachdenken, Fußball-Fans und Klubs machen das ja schon weitenteils mit verschiedenen Benefizaktionen. Auch wenn der Profifußball dann sehr wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen wird, dass Geduld momentan die größte Tugend ist. Und vielleicht auch ein wenig Demut, denn andere Sportarten wird die Krise substanzieller erschüttern. 

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