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Knipst auch in Bochum. Sebastian Polter hat schon sechs Saisontore erzielt - so viele wie noch nie in der Bundesliga.

© Foto: Matthias Balk/dpa

Tagesspiegel Plus

Sebastian Polter trifft auf seine alte Liebe: „Union ist für uns definitiv ein Vorbild“

Stürmer Sebastian Polter vom VfL Bochum über das Duell mit seinem Ex-Klub 1. FC Union am Samstag, den Verzicht auf Mettbrötchen und sein zweites Standbein im E-Sports. 

Sebastian Polter, 30, hat insgesamt viereinhalb Jahre für den 1. FC Union gespielt und ist mit den Berlinern 2019 in die Bundesliga aufgestiegen. Dort kam er meist nicht über die Reservistenrolle hinaus und wurde im Frühjahr 2020 suspendiert, nachdem er sich zu Beginn der Coronavirus-Pandemie geweigert haben soll, eine Vereinbarung über einen Gehaltsverzicht zu unterzeichnen. Nach einer Saison in den Niederlanden bei Fortuna Sittard spielt Polter seit dem vergangenen Sommer bei Bundesliga-Aufsteiger VfL Bochum und hat dort bereits sechs Tore erzielt. Am Samstag (15.30 Uhr, Sky) trifft er mit seinem neuen Klub auf die alte Liebe. Im Interview spricht er über gemeinsame Highlights, das Wiedersehen mit Freunden, Gemeinsamkeiten zwischen VfL Bochum und Union sowie sein Engagement im E-Sports.

Herr Polter, an diesem Samstag treffen der VfL Bochum und der 1. FC Union erstmals in der Bundesliga aufeinander. Was für Erinnerungen haben Sie an das letzte Duell im Ruhrstadion im Mai 2019, damals noch im Union-Trikot in der Zweiten Liga?
Wir wussten, dass wir an diesem Tag mit einem Sieg wahrscheinlich direkt aufsteigen können, deshalb war es natürlich ein sehr besonderes Spiel. Dann steht es 0:2 und du hörst von den anderen Plätzen, dass Paderborn in Dresden zurückliegt. Es war klar, dass wir volle Attacke spielen müssen, wir haben offensiv gewechselt und hatten am Ende sechs Stürmer vorne drin. Nach dem 2:2 hatten wir kurz vor Schluss durch Abdullahi sogar noch die Riesenchance, das 3:2 zu machen. Das war schon verrückt, es hat so dolle geregnet, die Unioner waren wieder mit zig tausend Leuten da. An dem Tag sind wir leider nicht aufgestiegen, aber wir haben es ja dann in der Relegation geschafft.

Im Nachhinein könnte man sagen: alles richtig gemacht. So konnten Sie vor dem eigenen Publikum feiern.
Wenn man die Geschichte so schreiben kann, dann nimmt man es natürlich gerne mit. Aber es ist schon sehr riskant, die wenigsten Zweitligisten haben es nach einer langen Saison in der Relegation geschafft. Im Nachhinein kann man natürlich sagen, dass wir es perfekt hingekriegt und den Aufstieg zu Hause gefeiert haben. Das war für die Geschichtsbücher.

Köpenick in Ekstase. Ende Mai 2019 feiert der 1. FC Union den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte - und Sebastian Polter ist auf dem Rathausbalkon ganz vorne dabei.
Köpenick in Ekstase. Ende Mai 2019 feiert der 1. FC Union den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte - und Sebastian Polter ist auf dem Rathausbalkon ganz vorne dabei.

© Britta Pedersen/dpa

Wie fühlt es sich jetzt an, sich zum ersten Mal auf ein Duell mit dem alten Verein vorzubereiten?
Ich blicke auf eine sehr schöne, eine sehr lange Zeit bei Union zurück und habe sehr gerne dort gespielt. Wir haben zusammen viele Erfolge gefeiert, daher ist es definitiv ein besonderes Spiel für mich. Ich bin auch immer noch Union-Mitglied. Klar freue ich mich auf das Spiel, aber ich freue mich auch auf jedes andere Bundesliga-Spiel.

Hatten Sie in den letzten Tagen Kontakt nach Berlin und läuft da vielleicht sogar die eine oder andere Wette?
Kontakt habe ich regelmäßig noch, nicht nur speziell vor dem Spiel. Jetzt wurde es natürlich schon mehr. Ich habe mit Grischa (Prömel, Anm. d. Red.) noch viel Kontakt, mit Trimmi (Christopher Trimmel), mit Böni (Co-Trainer Sebastian Bönig), mit Martin Krüger (Athletiktrainer), auch mit Urs Fischer habe ich zwischendurch noch geschrieben. Die Verbindung ist schon noch sehr eng, aber wetten würde ich niemals. Ich wünsche Union Glück – in jedem anderen Spiel außer gegen uns. Ich bin jetzt beim VfL Bochum und ich möchte das Spiel gewinnen und weiter Punkte sammeln.

Nach viereinhalb Jahren mit vielen Höhepunkten war ihr Abschied von Union eher unerfreulich. Ihnen wurde „unsolidarisches Verhalten“ vorgeworfen und sie wurden suspendiert, weil Sie laut Union eine Vereinbarung über einen Gehaltsverzicht nicht unterzeichnen wollten. Gab es später noch mal die Möglichkeit für eine Aussprache mit der Vereinsführung?
Nein, das war auch gar nicht mehr nötig. Ich habe damals schon gesagt, dass das Thema erledigt ist. Union ist seinen Weg gegangen und der ist sehr erfolgreich. Ich bin auch meinen Weg gegangen. Von daher spielt das für mich gar keine Rolle mehr. Ich freue mich einfach, am Samstag so viele Leute wiederzusehen, weil wir so viele tolle Erlebnisse zusammen hatten – und die überwiegen einfach.

Stadtmeister, Stadtmeister, Berlins Nummer eins! Sebastian Polter schoss Union im ersten Bundesliga-Derby vom Elfmeterpunkt zum Sieg.
Stadtmeister, Stadtmeister, Berlins Nummer eins! Sebastian Polter schoss Union im ersten Bundesliga-Derby vom Elfmeterpunkt zum Sieg.

© Mausolf/Imago

Kann der 1. FC Union mit seiner Entwicklung der letzten drei, vier Jahre ein Vorbild für Bochum sein?
Union hat das in den letzten Jahren sehr stark gemacht. Wie sie sich der Bundesliga angepasst haben, ihre Leistungen Woche für Woche bestätigen, das ist für uns definitiv ein Vorbild. Es gibt da aber noch andere Vereine. Der SC Freiburg macht es schon seit vielen, vielen Jahren sehr gut. Arminia Bielefeld hat sich sehr positiv entwickelt. Natürlich kann man sich da etwas abschauen, aber man sollte die eigene Identität reinbringen und einen eigenen Weg finden. Da sind wir gerade dabei. Aber das ist ein Prozess, der dauert nicht ein, zwei Wochen oder Monate. Das musst du über einen längeren Zeitraum zeigen und dann über Jahre bestätigen.

Union und Bochum definieren sich beide als Arbeitervereine, sind für eine enge Bindung zu den Fans und die gute Stimmung im Stadion bekannt. Ist das Zufall oder passt das einfach am besten zu Ihrer Persönlichkeit?
Das passt schon sehr gut zu mir, zu meinem Charakter, zu meiner Art und Weise, Fußball zu spielen. Es sind beides Arbeitervereine, die sehr über die Gemeinschaft kommen. Jeder einzelne Mitarbeiter, jeder einzelne Fan gibt alles für den Verein. Das leben Bochum und Union seit vielen Jahren und tun es immer noch. Das spürt man einfach.

Seit ich mich vegetarisch ernähre, bin ich nicht nur topfit, sondern auch verletzungsfrei.

Sebastian Polter

Mit sechs Treffern haben Sie schon vor Ende der Hinrunde Ihre eigene Torbestmarke in der Bundesliga überboten. Hätten Sie 2020 bei ihrem Wechsel von Union zu Fortuna Sittard gedacht, dass Sie in der Bundesliga noch mal eine so große Rolle spielen würden?
Ich glaube immer an mich. Für mich war der Schritt in die Niederlande einer aus voller Überzeugung. Das ist eine Liga, die offensiv sehr stark ist, und da wollte ich eine weitere Auslandserfahrung mitnehmen. Für viele war ich dadurch vielleicht nicht mehr auf dem Radar, für mich hat das aber nicht bedeutet, dass ich nie wieder in Deutschland spielen werde. Ich war nach wie vor überzeugt davon, dass ich in der Bundesliga Tore schießen kann. Ich habe versucht, meine Bestleistung zu bringen und mich in den Fokus zu spielen. Ich habe viel an mir gearbeitet und dann kam diese Möglichkeit, in Bochum und für den VfL zu spielen. Ich bin sehr froh, dass ich mit sechs Toren helfen konnte, Spiele zu gewinnen.

Sie sagen, Sie haben viel an sich gearbeitet, zählt auch Ihr Verzicht auf Fleisch dazu? Früher bei Union haben Sie sich im Medienraum noch regelmäßig mit Mettbrötchen gestärkt.
Das habe ich sehr gerne gemacht. Vor jeder Pressekonferenz habe ich mir ein Mettbrötchen genommen (lacht). Der Hauptgrund für die Umstellung war mein Achillessehnenriss. Der hat mich zum Nachdenken gebracht: Was kann ich noch optimieren, wie kann ich meinem Körper helfen? Ich war 27, als mir die Achillessehne riss, das ist für einen Fußballer eine sehr schwere Verletzung, da hinterfragst du dich. Das habe ich mit den Ärzten getan, meine Blutwerte waren sehr fettig und das wollte ich optimieren. Das war der Grund, warum ich für sechs Monate auf Fleisch verzichten wollte, um zu sehen, was das mit meinem Körper macht. Aus sechs Monaten sind dann mehr geworden. Seit ich mich vegetarisch ernähre, bin ich nicht nur topfit, sondern auch verletzungsfrei (klopft auf Holz). Ich fühle mich viel besser, leistungsfähiger, weniger müde, schneller regeneriert.

Das kann gerade in einer Englischen Woche sicher nicht schaden. Nach vielen guten Spielen hat die Mannschaft am Dienstag in Bielefeld sehr schwach gespielt. Haben Sie die Niederlage bereits verarbeitet?
Wir haben da offen und ehrlich drüber gesprochen und wissen, dass das kein gutes Spiel war. Wir haben als Mannschaft nicht stattgefunden und nicht das auf den Platz gebracht, was uns in den letzten Wochen stark gemacht hat. Das wissen wir realistisch einzuschätzen.

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Aber gerade gegen einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf war das schon eine verpasste Chance, oder?
Natürlich sind solche Niederlagen gegen Gegner, die mit uns unten drinstehen, immer besonders schade. Den Punkt gegen Dortmund hätten wir damit vergolden können, das ist uns leider nicht gelungen. Es sind aber noch genügend Spiele, in denen wir Punkte holen können und werden. 

Wenn Sie nicht auf dem Rasen stehen, spielen Sie auch gerne Fußball an der Konsole. Sie haben vor einem Jahr sogar ein eigenes E-Sports-Team gegründet. Ist das mehr ein Hobby oder schon eine zweite Karriere für die Zeit nach dem aktiven Fußball?
Ich zocke schon seit meiner Pubertät leidenschaftlich, wenn ich die Zeit dafür habe. Später wurde das dann langsam zu einem kleinen Traum, ein eigenes E-Sports-Team zu haben. Mesut Özil war da ja einer der ersten Fußballprofis, die so etwas gestartet haben. Da habe ich gedacht, das wäre doch genial, wenn ich das auch könnte. Ich bin ein Mensch, der gerne anderen hilft. Das kann ich dort. Ich kann jungen Leuten eine Plattform bieten, um sich beim E-Sports zu zeigen, gerade beim FIFA-Spielen. Darüber hinaus möchte ich das auch als zweites Standbein für mich aufbauen, für die Karriere nach der Karriere. Ich tue da auch jetzt schon recht viel in der Freizeit, das wird dann sicherlich noch mehr.

Wie sieht es um Ihre eigenen Skills bei Fifa aus und gibt es bei Bochum oder Union Spieler, die auch an der Konsole talentiert sind?
Ich bin ein normaler Casual Gamer, ich bin nicht gut, ich bin nicht schlecht. Ich lerne da aber schon ein bisschen von meinen Jungs, die das professionell machen. Bei uns in Bochum ist das in der Kabine kein so großes Thema. Das ist vielleicht auch Corona geschuldet, weil wir ja den Kontakt außerhalb des Stadions so gering wie möglich halten. Bei Union weiß ich gar nicht, ob da jemand wirklich spielt. Die Jungs, mit denen ich damals gezockt habe, sind schon lange nicht mehr dabei: Philipp Hosiner, Dennis Daube und ein paar andere. Mit denen habe ich damals schon recht viel gespielt.

Bei Fifa haben Sie eine Gesamtbewertung von 69. Können Sie damit leben?
Ich habe schon mal mit mir selbst gespielt und ich finde, ich bin in der Realität nicht so langsam wie im Spiel. Die Gesamtbewertung ist aber ganz in Ordnung. Ich träume allerdings immer noch von einer In-Form-Karte (Profis, die im echten Leben an einem Spieltag besonders erfolgreich waren, kommen in das Team der Woche und werden bei Fifa deutlich aufgewertet; Anm. d. Red.). Gegen Augsburg habe ich vor Kurzem einen Doppelpack gemacht und trotzdem keine bekommen. Das ist sehr schade, aber es sind ja noch ein paar Spiele in der Bundesliga offen, um das zu schaffen.

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