Segelsport : Der Sieg der Dongfeng beim Volvo Ocean Race

Mit einem Vorsprung von knapp vier Meilen sicherte sich Dongfeng den Etappensieg in Den Haag. Es blieb bis zuletzt spannend.

Sieger beim Volvo Ocean Race war das Dongfeng-Team.
Sieger beim Volvo Ocean Race war das Dongfeng-Team.Foto: AFP / Christophe ARCHAMBAULT

Am Ende war es ein bisschen wie bei der berühmten Szene am Südpol, als Scott entdeckte, dass er nicht als Erster dort ankommen würde. Denn er sah das kleine Zelt in der weißen Wüste, das Amundsen hinterlassen hatte mit einer Nachricht an ihn. Das Zelt dort im eisigen Wind stehen zu sehen, brach Scott das Herz. Er hatte nicht gewusst, dass er an einem Wettrennen teilnahm, erst Amundsens an ihn gerichteter Brief setzte ihn ins Bild. Die Teilnehmer des Volvo Ocean Race sind sich dagegen neun Monate lang sehr bewusst gewesen, um was es ging.

Wie enttäuschend aber muss es auch für das spanische Mapfre-Team um Skipper Xabi Hernandez gewesen sein, als es plötzlich nur wenige Meilen vor dem Ziel feststellen musste, dass es zu spät ankommen würde. Vor ihm im Dunst der niederländischen Küste zeichnete sich das Segel der Dongfeng ab. Und das war nun wirklich nicht zu erwarten gewesen.

Mit einem Vorsprung von knapp vier Meilen sicherte sich Dongfeng den Etappensieg in Den Haag und ist mit 73 Punkten auch der Gewinner des Volvo Ocean Race. Denn das war die Ausgangslage vor der Finaletappe, die drei Tage zuvor in Göteborg gestartet wurde: Wer von den drei Favoriten Dongfeng, Mapfre und Brunel es als erster nach Scheveningen schaffen würde, dürfte sich die Krone des Hochseesegelns aufs Haupt setzen. So eng war der Ausgang dieses Hochseeklassikers in den 44 Jahren zuvor noch nie gewesen.

Die Yachten beim Start der letzten Etappe im schwedischen Göteborg.
Die Yachten beim Start der letzten Etappe im schwedischen Göteborg.Foto: AFP / TT News Agency / Thomas JOHANSSON / Sweden OUT

Brunel schien vor dem Start des 900-Meilen-Kurses durch Ost- und Nordsee die besten Voraussetzungen zu haben. Drei der vier vorangegangenen Etappen hatte das Team um Veteran Bouwe Bekking für sich entschieden. Es hatte nach einer ernüchternden ersten Hälfte des Rennens endlich ein Rezept gefunden, das es in entscheidenden Momenten schneller sein ließ als die Konkurrenz.

Doch von Anfang an stand der Schlussspurt im Zeichen taktischer Entscheidungen, die Navigatoren würden diese Etappe gewinnen, nicht die Steuerleute. Denn die Route führte die sieben Yachten von Göteborg erst nach Norden zur norwegischen Küste, wo sie in nervenaufreibender Flaute eine Bahnmarke runden mussten. Ziemlich bald setzten sich die beiden roten Yachten Dongfeng und Mapfre an die Spitze des Feldes, das sich über 30 Meilen auseinanderzog. Es war das gewohnte Bild. Bekking war abermals die Rolle des Jägers zugefallen.

Mit zulegendem Rückenwind Richtung Holland

Die Rennorganisatoren hatten sich für den finalen Akt eine besondere Finesse ausgedacht. Da der dänische Team-Sponsor Vestas-Wind nicht mit einem eigenen Etappenhafen bedacht worden war, sollte die Stadt Arhus wenigstens mit der Attraktion einer weit in den Hafen hinein verlegten Wendemarke belohnt werden. Und so kam es Samstagmittag zu dem kuriosen Schauspiel, dass zunächst Dongfeng, dann Mapfre und mit einiger Distanz der Rest der Flotte in den Industriehafen der jütländischen Stadt segelten, dort vor einigen Tausend Schaulustigen eine Boje rundeten und grußlos davonzischten.

Die neunköpfigen Besatzungen hatten da bereits die erste stressige Nacht ohne Schlaf hinter sich. Die zweite sollte nun folgen. Wieder musste das Feld nach Norden und einen Wegpunkt südlich der norwegischen Küste ansteuern. Von dort ging es bei zulegendem Rückenwind Richtung Holland. Zu diesem Zeitpunkt hatten die führenden Yachten ihren komfortablen Vorsprung zusammenschrumpfen sehen. In den ausgeprägten Schwachwindzonen im Skagerak konnten die zurückliegenden Besatzungen aufschließen.

Als Mapfre kurz darauf die Führung übernahm, vor sich nichts als die Nordsee und der Druck eines Nordwest-Winds im Rücken, da hatte Dongfeng dem Geschwindigkeitsvorteil der Spanier nichts entgegenzusetzen – als eine verwegene Entscheidung.

Dazu muss man wissen, dass das mit chinesischem Geld großzügig ausgestattete Team vor allem von dem Geist des französischen Einhandsegelns geprägt wird. Skipper Charles Caudrelier hatte zwar als Mitglied der siegreichen französischen Groupama-Mannschaft von 2012 bereits erste Erfahrungen mit dem Volvo Ocean Race gesammelt, doch war er aus der für ihre Härten bekannte Solitaire-du-Figaro-Szene hervorgegangen. Es sollte sein erstes Engagement als Skipper sein. Dafür umgab er sich mit Leuten, die ticken wie er. Insbesondere Navigator Pascal Bidégorry hat denselben Hintergrund als Solosegler.

Risiko führte zum Erfolg

Vor die Entscheidung gestellt, was Dongfeng nun unternehmen könnte, entschloss sich Bidégorry zu einem mutigen Schritt. Statt den über die Nordsee führenden direkten Kurs zu wählen, suchte Dongfeng fortan Landnähe und segelte in einem Bogen um die verbotenen Verkehrstrennungsgebiete vor den friesischen Inseln herum. Die direkte Route hatte nämlich den Schönheitsfehler, dass sie zwar erheblich kürzer sein, aber den Yachten immer weniger Wind bescheren würde. Unter Land, so spekulierte Bidégorry, würde der Wind ihnen länger holt bleiben. Aber es war äußerst riskant, ein Vabanque-Spiel.

Tatsächlich fiel Dongfeng in den Morgenstunden des Sonntags fast 60 Meilen hinter Mapfre zurück. Die Spanier leisteten sich ständig Abwehrschlachten und schlugen Haken um Haken. Für Dongfeng begann die Zeit davonzulaufen für die Aufholjagd. Bidégorry, der als Skipper des Maxi-Trimarans Banque Populaire einige Rekorde aufgestellt hat, muss schlimme Stunden durchlebt haben, als sein Rückstand sich partout nicht verringern wollte. Hatte er sich in den Zahlen getäuscht, die er zur Grundlage seiner Strategie gewählt hatte? Wie es den Anderen an Bord erklären, wie sie bei Laune halten, da sie sich abgeschlagen fühlen mussten? Und dann war da noch der einsetzende Gezeitenströmung, die ihre Kalkulation zunichte machen konnte.

40 Meilen vor dem Ziel lagen die Franzosen zwölf Meilen zurück. Das sah immer noch sehr ungünstig für sie aus. Doch dann geschah etwas, das nur als Folge einer Meisterleistung zu betrachten ist. Während Mapfre und Brunel mit jeder Minute ein bisschen langsamer wurden, weil der schwache Wind von ihrem Fleckchen Meer Besitz ergriff, beschleunigte Dongfeng immer mehr. Ihr Tempo schwoll kontinuierlich an, so dass sie schließlich gerade noch eben so mit einem Vorsprung von drei oder vier Meilen vor den anderen auf die Zielgerade gingen. Es war, als schlüpften sie durch eine sich schließende Fahrstuhltür.

Wie erschüttert die Besatzungen von Mapfre und Brunel gewesen sein müssen, als sie plötzlich das rote Segel vor sich am Horizont auftauchen sahen. Damit hat dieses spannendste aller bisherigen Volvo Ocean Races einen Sieger, der wahrhaftig als der Beste ins Ziel kam. Er setzte alles auf die letzte Stunde dieses neunmonatigen Rennens und sollte Recht behalten.

Als zweiter gelangte das niederländische Team AkzoNobel ins Ziel (59 Punkte), dicht gefolgt von dem Gesamtzweiten Mapfre (70) und dem Gesamtdritten Brunel (69). Auch im achten Versuch blieb dessen Skipper Bouwe Bekking der Sieg verwehrt.

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