Sport : Selbstbewusst verloren

Der VfB Stuttgart kann sich trotz der Niederlage in Leverkusen für die Meisterschaft begeistern

Erik Eggers[Leverkusen]

Sie haben eine große Chance vertan. Sie hätten den Abstand auf Schalke bis auf einen Zähler verkürzen können. Sie hätten den Tabellenführer noch stärker unter Druck setzen können. Dennoch war nach der 1:3 (0:2)-Niederlage in Leverkusen bei Spielern und Verantwortlichen des VfB Stuttgart von Resignation, Verzweiflung oder gar Verbitterung keine Spur, obwohl auch die Bremer an ihnen vorbeigezogen waren. „Wir hätten gern gewonnen, na klar, aber das war nur ein Spiel“, sagte Mittelfeldspieler Thomas Hitzlsperger achselzuckend, „wir müssen jetzt einfach weiterarbeiten“. Maximal gelassen reagierte Manager Horst Heldt: „Wir sind doch froh, dass wir überhaupt oben dabei sind. Ich finde es klasse, dass Bayern und Bremen gewonnen haben. Das wird jetzt ein spannender Titelkampf.“ Und Trainer Armin Veh nahm es wie einst die Stoiker unter den griechischen Philosophen. „Bremen, die Bayern und Schalke kämpfen um die Meisterschaft“, sagte der 46-Jährige lächelnd, „und wenn keiner sie haben will, dann schauen wir mal, dass wir es machen werden.“

Als Passepartout aber taugte diese fast schon provozierende Lässigkeit keineswegs für die spektakulären, jederzeit aufregenden 90 Minuten in der mit 22 500 Zuschauern ausverkauften Bayarena. Rund 20 Großchancen hatte das begeisterte Publikum am Ende gesehen, einen Bernd Schneider in Weltklasseform, dazu technisch brillante Treffer wie das 3:0 durch Juan, der einen Freistoß Schneiders mit der Hacke ins Tor lenkte. Für die beiden ersten Leverkusener Treffer hatten Woronin und Freier gesorgt. Den entscheidenden Unterschied aber hatte der Leverkusener Keeper Rene Adler ausgemacht, der bei seinem Heimdebüt die Leute mit seinen Sensationsreflexen mehrfach aus ihren Sitzschalen gerissen hatte. Ironischerweise waren es aber genau diese Paraden des gegnerischen Torwarts, die den VfB Stuttgart nach dem Spiel aufbauten. „Wenn der Adler nicht so überragend hält, hätte das Spiel auch anders laufen können“, sagte VfB-Coach Veh. „Ich bin sicher, aus dem wird mal ein ganz Großer“, prognostizierte Marco Streller – der Schweizer Nationalspieler hatte die Künste des 22-jährigen Nobodys, der vergangenes Wochenende schon die Schalker entnervt hatte, aus allernächster Nähe erleben müssen, als er dessen zwei Großchancen parierte.

In der Tat reagierte Stuttgart auf das 0:3 wie ein richtiger Champion, zog spürbar das Tempo an und setzte den Gastgeber noch einmal stark unter Druck. „Eigentlich war die Vorentscheidung da gefallen“, sagte Veh, „aber ich kenne meine Mannschaft und wusste, dass sie noch mal Gas geben würde.“ Und nach dem 1:3 durch Cacau kamen die Schwaben sogar noch zu vier exzellenten Torchancen – selbst über ein Remis hätte sich der Gastgeber kaum beschweren dürfen, weshalb Bayer-Trainer Michael Skibbe hinterher auch von einem „glücklichen Sieg“ sprach. Und natürlich stand die Frage im Raum, ob ein Mitwirken des am Oberschenkel verletzten Goalgetters Mario Gomez etwas geändert hätte an diesem kollektiven Stuttgarter Versagen vor dem Tor. Die 13 Tore des Neu-Nationalstürmers sprachen im Nachhinein für diese Spekulation.

Anders als die Schalker machten die Schwaben bei ihrer Niederlage keinen nervösen, sondern einen selbstbewussten Eindruck. „Um Meister zu werden, muss man auch solche Spiele gewinnen“, sagte der Stuttgarter Torwart Timo Hildebrand selbstkritisch. Er hatte das 0:2 durch Freier gemeinsam mit Außenverteidiger Ludovic Magnin zu verantworten.

Dennoch ist die Chance, die bleibt, allen gewahr: „Wir dürfen alle träumen, müssen aber realistisch bleiben“, sagte Hildebrand. Sollten die Stuttgarter weiterhin nach Rückständen stur an ihrem planvollen Offensivspiel festhalten und dazu noch ihre Defensive stärken, scheinen Titelträume allemal gerechtfertigt.

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