Serie "Mein Sport und ich" (10) : "Für mich ist das wie Meditation“

Mit 20 Jahren stand sie zum ersten Mal auf einem Surfbrett. Hier schreibt Valeska Schneider über den "Flow" beim Wellenreiten, Ehrgeiz und stressige Reisen

Valeska Schneider
In ihrem Element: Hier surft die gebürtige Starnbergerin auf einer künstlichen Welle in einem Mailänder Wassersportpark.
In ihrem Element: Hier surft die gebürtige Starnbergerin auf einer künstlichen Welle in einem Mailänder Wassersportpark.Foto: Medina/AFP

Sport bedeutet Leidenschaft, harte Arbeit – und Verzicht. In unserer Serie erzählen Athleten ganz persönlich, wie viel Kraft das kostet und was sie für ihre Sportart auf sich nehmen.

Als ich zum ersten Mal mit dem Surfboard auf einer Welle stand, habe ich mir einen Kindheitstraum erfüllt. Mein Vater war früher Windsurfer, sein Surfbrett stand bei uns in der Wohnung. Als kleines Kind habe ich es immer bewundert. Ich wusste, auch ich will irgendwann mal auf so einem Board surfen. Lange hat es gedauert, bis 2012, um genau zu sein, bis es dann eben so weit war. Im Rahmen einer Weltreise habe ich in dem australischen Ort Arrawarra an einem Surfcamp teilgenommen. Direkt beim ersten Versuch habe ich es auf die Welle geschafft und habe das gespürt, was mich noch heute beim Surfen immer wieder in den Bann zieht: Dieses Gefühl, wenn man über die Welle gleitet, dieser Flow, wie wir Surfer das nennen. Und diese kurzen Augenblicke, in denen man sich schwerelos fühlt. Zu verstehen, dass man diese Naturgewalt Wasser nie gänzlich bändigen können wird, man sich ihr aber durchaus anpassen kann. Wenn man von diesem Surf-Fieber einmal infiziert wird, kann man es kaum mehr ablegen. So ging es zumindest mir.

Aus dem Spaß heraus entwickelte ich Ehrgeiz. Ich trainierte viel und leidenschaftlich. Mal auf richtigen Wellen, mal auf einer künstlichen, wie auf der Eisbachwelle in München. Ich engagierte dann auch früh verschiedene Trainer, mit denen ich intensiv zusammenarbeitete, um besser zu werden. Nach nur einem Jahr auf dem Brett trug ich mich sofort für die Deutschen Meisterschaften ein. Ich hatte einfach Lust, mich mit anderen Surferinnen zu messen. Dort bin ich zwar direkt in der ersten Runde rausgeflogen, aber das war okay, meinem Ehrgeiz tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. Ich trainierte weiter und gewann die deutschen Hochschulmeisterschaften und irgendwann auch die deutschen Meisterschaften in der Longboard-Disziplin. Dank meinen Ergebnissen schaffte ich es auf den ersten Platz der Rangliste des Deutschen Wellenreit-Verbandes, wodurch ich mich für die Nationalmannschaft qualifizierte, mit der ich nun schon auf mehreren internationalen Turnieren und auch bei der WM antreten durfte.

Nur vom Surfen zu leben, ist dennoch extrem schwierig. Die weltweit besten Surfer, die regelmäßig bei den Events der Worldtour mit dabei sind, verdienen etwa durch die Preisgelder ganz gut, haben aufgrund der vielen Reisen aber auch enorm hohe Kosten. An ein Aussorgen bis ans Lebensende ist da nicht zu denken.

Umso wichtiger sind für uns Surfer die Sponsoren. Die Deals, die wir mit den Partnern eingehen, sehen dabei ganz unterschiedlich aus. Wir tragen ihre Klamotten oder Neoprenanzüge oder kleben ihre Logos per Sticker auf unsere Boards, damit sie bei Wettkämpfen oder Fototerminen gut sichtbar sind. Mittlerweile ist aber auch in diesem Bereich Social Media das wichtigste Werkzeug. So werde ich zum Beispiel für einen Post auf Instagram bezahlt, in dem ich ein Produkt eines Sponsors bewerbe. Der Wert der Sportlerin wird eben nicht mehr nur anhand der Leistungen, sondern eben auch auf Basis der Social-Media-Präsenz gemessen.

Professionelles Surfen hat nichts mit "Hang Loose" zu tun

Durch das Surfen reise ich mittlerweile um die ganze Welt. Das hat Vor- und Nachteile. Zum einen darf ich den Sport, den ich so liebe, an tollen Orten wie Indonesien oder Australien ausüben. In diesem Jahr war ich bereits in Tel Aviv, im letzten Jahr fand die Longboard-WM in China statt. Diese Orte zu bereisen, ist extrem spannend. Aber: Es ist auch sehr viel. Und es ist vor allem nicht immer so locker und easy, wie sich manch ein Außenstehender den Alltag einer Surferin vielleicht vorstellen würde. Oft reise ich allein oder mit der Konkurrenz. An vielen Orten bleibt überhaupt keine Zeit, sich die Gegend abseits des Strandes wirklich anzuschauen. Wir hängen nicht immer nur mit unseren besten Freunden an einem Traumstrand ab und surfen ein paar Wellen. Das professionelle Surfen erfordert vielmehr ein hohes Maß an Disziplin. Ich trainiere auf dem Wasser, dem Skateboard und auch im Fitnessstudio. Vor allem letzteres ist wichtig, da man beim Surfen zu 90 Prozent der Zeit mit dem Paddeln beschäftigt ist. Dafür muss man fit sein.

Das Strandleben ist aber sowieso nicht so wirklich mein Ding, ich muss nicht ewig in der Sonne liegen. Ich habe mit dem Surfen ja auch des Surfens wegen angefangen. Für dieses Gefühl, eine Welle zu reiten. Und weil man sich beim Surfen so sehr auf sich und das Wasser konzentriert, dass man alle anderen Alltagssorgen für einen Moment vergisst. Entspannung durch Anspannung. Für mich ist das wie Meditation.

Aufgezeichnet von Louis Richter

Bisher erschienen: Laufen (Jan Fitschen/26.6.), Bogenschießen (Lisa Unruh/2.7.), Turnen (Philipp Herder/12.7.), Wasserball (Melanie Friese/14.7.), Boxen (Robert Maess/18.7.), Rhythmische Sportgymnastik (Anni Qu/21.7), Kugelstoßen (Niko Kappel/23.7.), Kickboxen (Marie Lang/28.7.), Rudern (Maximilian Planer/2.8.).



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