Sexueller Missbrauch : Sportvereine bieten viele Gelegenheiten für Täter

Ein Berliner Judolehrer wird des sexuellen Missbrauchs verdächtigt. Das stellt auch die Frage nach den Schutzmechanismen in Sportvereinen.

Inwieweit können Sportvereine für die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen gewähren?
Inwieweit können Sportvereine für die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen gewähren?Foto: Getty Images/iStockphoto

Der Verdacht des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen gegen einen Berliner Judolehrer rückt die Sportvereine in den Fokus. Schon seit vielen Jahren gibt es immer wieder vereinzelte Berichte von Missbrauchsfällen hierzulande im Sport. Allerdings werden nur wenige Fälle publik. Die Dunkelziffer dürfte jedoch höher liegen.

„Es liegt daran, dass sexueller Missbrauch hierzulande stark tabuisiert wird. Und gerade das macht es für die Opfer ja so schwer, darüber zu sprechen“, sagte Sabine Andresen vor wenigen Monaten im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Valide Daten zu sexuellen Übergriffen im Sport liegen kaum vor

Die 53-Jährige ist die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Seit circa einem halben Jahr können sich auch Betroffene aus dem Sport bei der Kommission melden und in vertraulichen Anhörungen ihre Geschichte erzählen.

Vereinzelten Studien zufolge gibt es im Sport generell nicht mehr sexuelle Übergriffe als in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen. Aber valide Daten liegen kaum vor, eben weil sexueller Missbrauch stark tabuisiert wird. Gleichwohl gibt es einige Faktoren, die Sportvereine anfällig machen für Sexual- und Gewaltdelikte.

Verdacht des sexuellen Missbrauch gegen einen Berliner Judolehrer – die Informationen im Überblick:

  • Ein 42-jähriger Berliner Judolehrer wurde am Montag in Haft genommen
  • Er soll seit 2006 zu sexuellen Übergriffen auf mindestens sechs Jungen im Alter von zehn bis 16 Jahren gekommen sein
  • Der Tatverdächtige sei seit 2007 Vorsitzender eines von ihm gegründeten Judovereins in Tegel
  • Der Tatverdacht bezieht sich auf mindestens 23 Fälle
  • Vor einer Woche ist ebenfalls eine Fall sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in Kladow bekannt geworden

Der Sportverein biete viele Gelegenheiten für die Täter, ist die Kommissions-Vorsitzende Andresen überzeugt. "In den Umkleidekabinen oder auf den gemeinsamen Wegstrecken zum Sport. Und grundsätzlich geht es beim Sport logischerweise um Körperlichkeit, Trainer geben Hilfestellungen et cetera. Das alles lockt Täter an."

Die Sportvereine scheinen überfordert mit dem Thema

Hinzu kommt, dass ein im Verein angesehener Trainer große Macht. Für den verhafteten Berliner Judotrainer dürfte das umso mehr gegolten haben, schließlich war er Vorsitzender und Gründer des Vereins in Tegel. Unabhängig von dem aktuellen Fall sagte Andresen, dass häufig die Eltern die Bedeutung des Trainers herausheben würden. "So entsteht für ein betroffenes Kind ein hoher Schweigedruck. Das System tut viel, um die Betroffenen zum Schweigen zu bringen."

Die Sportvereine scheinen ein Stück weit überfordert mit dem Thema. In vielen Vereinen gibt es keine Anlaufstellen für die Opfer. "Und es kann auch nicht sein, dass verdächtige Trainer einfach den Verein wechseln und dort weitermachen", sagte Andresen im Tagesspiegel-Gespräch.

Seit Jahren laufen ehrenamtliche Helfer weg

Die Überforderung der Sportvereine dürfte größtenteils daher rühren, dass ihnen das Personal an vielen Stellen fehlt. Schon seit Jahren laufen ihnen die ehrenamtlichen Helfer weg. Das heißt, dass die Vereine händeringend nach Trainern, Abteilungsleitern, Sportwarten suchen. Die Notlage der Vereine können potenzielle Täter ausnutzen. Der stetige Rückgang des Ehrenamts im Verein ist diesbezüglich alarmierend.

Auf der anderen Seite gibt es laut Genderforscherin Bettina Rulofs von der Deutschen Sporthochschule Köln auch Hoffnung auf Besserung. "Der Umgang mit sexualisierter Gewalt hat sich verändert", sagte sie im vergangenen Jahr dem Tagesspiegel. "So hilft jeder bekannt gewordene Fall, die Sensibilisierung für das Thema zu erhöhen."

Betroffene, die sich für eine vertrauliche Anhörung anmelden oder einen schriftlichen Bericht einreichen möchten, können sich telefonisch (0800 4030040 – anonym und kostenfrei), per E-Mail oder Brief an die Kommission wenden. Auf unserer Internetseite stellen wir alle Informationen zum Aufruf für Betroffene, Angehörige und andere Zeitzeugen bereit: www.aufarbeitungskommission.de

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