Sieg im DFB-Pokal : Jeder darf mal bei Hertha BSC

Nicht zuletzt der Sieg im DFB-Pokal bei Darmstadt 98 hat gezeigt, wie tief der Kader der Berliner geworden ist.

Trifft, wie er will. Vedad Ibisevic füllt auch die Jokerrolle blendend aus.
Trifft, wie er will. Vedad Ibisevic füllt auch die Jokerrolle blendend aus.Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters

Vedad Ibisevic hat in nun mehr als zwölf Jahren als Fußballprofi in Deutschland einiges erlebt. Er hat Auf- und Abstiege mitgemacht, gute und schlechte Zeiten, und vermutlich hat er schon in jedem Stadion des Landes mindestens einmal getroffen. Mit den Gepflogenheiten am Darmstädter Böllenfalltor aber scheint er noch nicht hinreichend vertraut zu sein. Wenn dort die Ersatzleute des Gegners vor der Südkurve ihr Aufwärmprogramm absolvieren, schallt ihnen von den Fans des SV Darmstadt 98 ein hämisches „Ihr seid nur die Auswechselspieler“ entgegen.

Das trifft egal wen von egal welchem Verein. Vedad Ibisevic aber nahm die Sprüche von den Rängen am Dienstag persönlich. „Es gibt trotz meines Alters noch Dinge, die mich aufregen“, sagte der Kapitän von Hertha BSC. „Dass die uns als Auswechselspieler bezeichnet haben, war im Rückblick wohl ein Fehler.“ 2:0 gewann seine Mannschaft in der zweiten Runde des DFB-Pokals durch zwei Tore in der zweiten Halbzeit. Beide waren von Auswechselspielern erzielt worden. Respektive Einwechselspielern.

Ibisevic traf Mitte der zweiten Hälfte mit seinem ersten Ballkontakt zum 1:0. Er war gerade 37 Sekunden auf dem Platz. Kurz vor dem Ende beseitigte dann Maximilian Mittelstädt mit seinem ersten Treffer für Herthas Profis die letzten Zweifel an Herthas Einzug ins Achtelfinale. „Die Wechselspieler kommen rein, machen Druck, entscheiden das Spiel“, sagte Trainer Pal Dardai. „Da lohnt sich das Arbeiten.“ Der Ungar hatte seine Mannschaft für seine Verhältnisse radikal umgemodelt, fünf Neue standen gegen den Zweitligisten Darmstadt in der Startelf – doch anders als in der vergangenen Saison, als seine Heavy Rotation in der Europa League zu eher unerfreulichen Ergebnissen führte, ist das Risiko inzwischen überschaubar. Die Qualitätsunterschiede zwischen Stamm und Ersatz haben sich deutlich verringert. Die Grenzen verschwimmen. Wer ist überhaupt Stamm? Und wer Ersatz?

Ibisevic stand sonst immer in der Startelf

Vedad Ibisevic kam am Dienstagabend von der Bank, aber das heißt ja noch lange nicht, dass er Ersatzspieler ist: In allen zehn Pflichtspielen zuvor hatte der Stürmer in der Startelf gestanden. Viele haben im Sommer gedacht, dass der inzwischen 34-Jährige in dieser Saison nun endgültig in die Altersteilzeit wechseln würde. Stattdessen ist er immer noch ein Leistungsträger. Ibisevic hat wettbewerbsübergreifend schon wieder (zusammen mit Ondrej Duda) die meisten Tore (sechs) für Hertha erzielt. „Er hat dieses Jahr diesen Magneteffekt“, sagte Dardai. „Es läuft bei ihm. Wir sind sehr stolz und sehr zufrieden mit ihm.“

Natürlich hätte es auch ganz anders laufen können, wenn der zehn Jahre jüngere Davie Selke sich nicht in der Vorbereitung verletzt hätte und wochenlang ausgefallen wäre. Selke gilt als Mann der Zukunft, und in den vergangenen Wochen schien es, als stünde die Zukunft kurz bevor. Der junge Wilde sehnte sich nach der Startelf, gegen Darmstadt wurde sein Flehen endlich erhört. Allerdings zeigte sich, dass Selke nach seiner Pause noch das Selbstverständnis in seinem Spiel fehlte. Nach 20 Minuten stand er frei vor Darmstadts Torhüter Daniel Heuer-Fernandes und ließ sich den Ball noch von hinten vom Fuß grätschen. Als Selke Mitte der zweiten Hälfte fast nur noch durch Foulspiele auffiel, nahm Dardai ihn vom Feld.

Ibisevic selbst hatte gar nicht vorgehabt zu spielen. Die Umstände aber nötigten ihn am Ende dazu. Dardai hatte vor dem Spiel mit ihm gesprochen, ihm gesagt, dass er bei normalem Verlauf nicht zum Einsatz komme. Seinen Geist sollte er für alle Fälle trotzdem bereit halten. Das tat er dann auch. „Wenn wir die Jungs von der Bank brauchen, sind sie da“, sagte Ibisevic.

Erster Einsatz für Vladimir Darida

Für Trainer Dardai ist das nicht nur eine neue, sondern auch eine sehr komfortable Situation. Er hat deutlich mehr Optionen als in der Vergangenheit – in allen Mannschaftsteilen. Gegen Darmstadt fehlten mit den Verletzten Marko Grujic, Jordan Torunarigha und Per Skjelbred drei Spieler, die einen berechtigten Anspruch auf Einsätze in der Startelf haben. Vladimir Darida spielte am Dienstag zum ersten Mal in dieser Saison von Anfang an. Auch der Tscheche hat andere Ambitionen, als Ergänzungsspieler zu sein.

Der Konkurrenzkampf in Herthas Kader hat deutlich an Schärfe gewonnen. „Für die Motivation ist Konkurrenzkampf gut. Jeder muss Leistung bringen“, sagt Dardai. „Das schadet nicht.“ Selbst die früher Unantastbaren müssen um ihren Platz kämpfen. Marvin Plattenhardt zum Beispiel, Nationalspieler und WM-Teilnehmer, muss seine Position gegen den Herausforderer Maximilian Mittelstädt behaupten. Aber was heißt schon Herausforderer? Die bisherige Personalpolitik lässt darauf schließen, dass Dardai beide Kandidaten für die Linksverteidigerposition als nahezu gleichwertig erachtet. In den großen Spielen – gegen Bayern und Dortmund – stand jeweils Mittelstädt in der Startelf.

„Leckie dürfen wir auch nicht vergessen“, sagte Herthas Trainer Pal Dardai nach dem letztlich souveränen Sieg in Darmstadt. Der Australier war der dritte Spieler, den Dardai am Dienstagabend einwechselte. In der Nachspielzeit lief der 27-Jährige in einer Kontersituation gemeinsam mit Ibisevic auf das gegnerische Tor zu. Doch der Kapitän agierte zu eigensinnig und so blieb die Chance auf ein drittes Jokertor trotz Überzahl ungenutzt. Aber es muss ja auch noch Steigerungspotenzial geben.

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