Streit zwischen Vettel und Leclerc : Mattia Binotto ist der Schiedsrichter

Ferrari hat Probleme mit der Hierarchie. Es ist nicht klar, ob Vettel oder Leclerc die Nummer eins ist. Einer muss schlichten.

Mattia Binotto ist Ferraris wichtigster Mann.
Mattia Binotto ist Ferraris wichtigster Mann.Foto: dpa

Wuschelfrisur, runde Harry Potter-Brille und meist ein freundliches, gelassenes Auftreten: Ferrari- Teamchef Mattia Binotto kann rein optisch den Eindruck erwecken, als sei hartes, energisches Durchgreifen nicht unbedingt seine Sache. Als er im Januar Maurizio Arrivabene an der Spitze der Scuderia ablöste, hat er erst einmal nach innen und nach außen für ein besseres Betriebsklima gesorgt.

Doch als dann im Laufe der Formel-1-Saison die Erfolge ausblieben, war es damit schnell wieder vorbei. Viele hatten den Eindruck, dass es Binotto zunehmend schwergefallen ist, die teaminterne Balance zu wahren. Auf der einen Seite steht da bei Ferrari der aufstrebende Charles Leclerc, auf der anderen der erfahrene mehrmalige Weltmeister Sebastian Vettel. Binotto steht zwischen beiden und hat so etwas wie die Rolle des Schiedsrichters inne.

Zuletzt musste der 49-Jährige dem Youngster Leclerc klarmachen, dass es auch für ihn Grenzen gibt. Der Pilot hatte öffentlich erklärt, dass er die Strategie seines Rennstalls beim Grand Prix in Singapur, den Vettel gewann, nicht verstehen konnte. Ferrari entschied sich, die Plätze an der Spitze nicht mehr zu tauschen, nachdem sich Vettel nach vorne gefahren hatte. Leclerc konnte das ganz offensichtlich nicht nachvollziehen. Jetzt war Binotto als Krisenmanager gefragt.

Nachdem er mit Leclers Manager und wohl auch mit dem Fahrer selbst gesprochen hat, tritt Leclerc jetzt in Sotschi merklich kleinlaut und selbstkritisch auf. „Meine Reaktion am Funk war übertrieben“, sagte der 21-Jährige. „Sie zeigt, dass ich noch sehr viel zu lernen habe. So etwas wird nicht mehr vorkommen.“

Leclerc schob seinen Ausraster auf seine Leidenschaft. Er denke von morgens bis abends daran, wie er ein Rennen gewinnen kann. „Wenn dir diese Möglichkeit dann durch die Finger rinnt, dann ist das hart“, sagt er. „ Aber Ich muss mich besser unter Kontrolle haben.“ Künftig werde er die Klappe halten, versprach der Monegasse. Und: „Im Mittelpunkt muss das Ergebnis des Teams stehen.“ Gerade bei Ferrari gilt das Prinzip: Das Team ist größer als jeder einzelne Fahrer – „sogar größer als Michael Schumacher, und der ist wirklich groß“, hat Sebastian Vettel einmal gesagt.

Vettel misstraut Leclerc

Die Aufgabe von Binotto ist es, dass sich alle auch an dieses Prinzip halten. Das erwartet die oberste Ferrari- und Fiat-Führung – von Louis Camilleri bis hin zu John Elkann. Es gibt deutlich einfachere Jobs als den von Binotto – schließlich haben sowohl Leclerc als auch Vettel das Potenzial für Siege – oder sogar den WM-Titel im nächsten Jahr. Auch wenn Leclerc im Moment ruhig ist, an seiner grundsätzlichen Mentalität wird das nichts ändern.

Er will den Erfolg um so ziemlich jeden Preis. Das zeigte sich in Monza, als Leclerc im Qualifying durch betontes Langsamfahren die teaminterne Absprache brach, beim zweiten Versuch Vettel Windschatten zu gewährleisten. Im ersten Anlauf war es umgekehrt gewesen.

Klar ist, Emotionen im Auto kennt auch Sebastian Vettel, sie gehören bei ihm genauso dazu. Er ist schließlich ebenfalls schon durch klare Worte aufgefallen. „Da sollte man nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage legen“, sagt Vettel. „Was meint ihr, was man zu hören bekäme, wenn man mal Fußballer während eines Spiels verkabeln würde. Doch das Problem des Deutschen ist eher grundsätzlicher Natur. Vettels hat gegenüber seinem Teamkollegen ein gewisses Misstrauen entwickelt, seit dem Vertrauensbruch von Monza.

Die Unsicherheit beim viermaligen Weltmeister über seine Rolle im Team wird dadurch nicht unbedingt geringer. „Es sei dir alles verziehen“, sagte er, nachdem Leclerc in Monza gewonnen hatte. Das klang ironisch – und nicht unbedingt nach einem, der sich der Nummer eins im Team sicher ist. Doch Mattia Binotto scheint den Zwist inzwischen eingefangen zu haben. So richtig wird sich das aber erst beim Rennen in Sotschi (13.10 Uhr/live bei RTL und Sky) zeigen

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