Sport : Talente ohne Orientierung

Bayern-Gegner AC Mailand ist in die Krise geraten

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Die Mannschaft, die Trainer Carlo Ancelotti mit bewundernswertem Gleichmut, aber mit wechselhaftem Erfolg führt, versteht sich wie eine große Familie. Einträchtig hatte man sich der Illusion hingegeben, das 266. Mailänder Derby zu gewinnen. Genährt wurde diese Illusion in der 40. Spielminute, als Ronaldo mit einem unnachahmlich satten Linksschuss ins linke untere Eck die Führung für Milan schoss. Vergeblich hatten pfeifende Inter-Fans gegen den brasilianischen Superstar getrillert, um ihn nervös zu machen. Einst war Ronaldo für lange 5 Jahre Inters Idol gewesen.

Ronaldos Tor war eine bittere Illusion für den AC Mailand, wie Trainer Ancelotti nach dem Spiel fand. „Ronaldo hat ein wunderschönes Tor gemacht. Schade, dass es nicht zum Sieg reichte“, sagte er. Es hätte ein bisschen vergessen gemacht, dass Milan in dieser Saison nur ein Schatten vergangener Glanzjahre ist. 1:2 verlor der Klub das Stadtderby trotz 1:0-Führung schließlich. Trost gab es aber vom Sieger. „Mit Ronaldo ist Milan besser als der jetzige Tabellenstand es andeutet“, sagte Inter Mailands Trainer Roberto Mancini. Derlei Worte fallen ihm nicht schwer, denn Inter führt derzeit die Tabelle in der Serie A mit 19 Punkten Vorsprung an.

Milan indes befindet sich in einem heiklen Umbruch. Der AC kann mit europäischen Rivalen wie Manchester United, dem FC Barcelona oder gar dem FC Bayern nicht mehr mithalten. Die Finanzkraft ist Silvio Berlusconis Klub abhanden gekommen. Das war das Ergebnis einer teueren Marktforschungsanalyse, die Milan in Auftrag gegeben hatte. Umsatzmäßig rangierte der Klub danach inzwischen hinter vielen italienischen Konkurrenten. Zu Saisonbeginn setzte man – kostenbedingt – auf eine Verjüngung der Mannschaft. Doch die Talente verloren schon bald die Orientierung, weil sie mit dem Druck nicht zurechtkamen. „Talent allein reicht eben nicht aus, um in der Serie A zu bestehen“, sagte Mittelfeldstar Clarence Seedorf.

Jetzt setzt die Milan-Führung auf bewährte Oldies, die durch ihre Erfahrung den vierten Champions-League-Platz erreichen helfen sollen. Großmundig wurde daher die neue Achse Dida-Maldini-Ronaldo als hoffnungsvolles Mailänder Triptichon hingestellt. Der 33 Jahre alte brasilianische Torwart Dida hat nämlich gerade seinen Kontrakt bis 2010 verlängert, zu einem Nettojahressalär von vier Millionen Euro. Paolo Maldini feierte zudem sein 600. Ligaspiel für Milan, was mit seitenlangen Anzeigen in den Gazetten des Landes zelebriert wurde. Der 38-jährige Mannschaftskapitän wird in den beiden Viertelfinal-Spielen der Champions League gegen Bayern München jedoch nicht spielen können. Er zog sich im Spiel gegen Inter eine Meniskusverletzung zu und fällt für einen Monat aus. Allein der mollige Ronaldo vermag durch seine Kunstschüsse über die Misere ein wenig hinwegzutrösten. In der Champions League kann der Brasilianer jedoch nicht eingesetzt werden – weil er in dieser Saison dort schon für Real Madrid gespielt hat.

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