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Tennis-Elite zu Gast im Grunewald : Berlin bekommt Wimbledon-Vorbereitungsturnier

Die weltbesten Tennisspielerinnen werden ab 2020 jährlich nach Berlin kommen. Es wird das bedeutendste Vorbereitungsturnier der Frauen für Wimbledon.

So könnte es im Juni 2020 im Steffi-Graf-Stadion aussehen.
So könnte es im Juni 2020 im Steffi-Graf-Stadion aussehen.Fotomontage: e|motion sports

Grüner Rasen, weiß gekleidete Tennisspieler und natürlich die roten Erdbeeren für die Zuschauer - in Wimbledon sind sie stolz auf ihre Farben. Überall auf der Anlage des All England Lawn Tennis and Croquet Club im Südwesten Londons ist die Tradition spürbar. Kein Tennisturnier ist bedeutender und keines in Sachen Marketing erfolgreicher. Wer anderswo auf der Welt mit Wimbledon verglichen wird, der hat in der Regel alles richtig gemacht.

Auch im Südwesten Berlins blicken sie gern zurück auf die guten, alten Zeiten. Beim Lawn-Tennis-Turnier-Club (LTTC) Rot-Weiß steht in drei Jahren der 125. Geburtstag an. Damit ist der Verein beinahe so alt wie der berühmte Londoner Club. Allerdings war es um Rot-Weiß in der jüngeren Vergangenheit längst nicht so gut bestellt wie um den großen englischen Namensbruder.

Das soll sich ab dem kommenden Jahr wieder grundlegend ändern. Und das hat auch mit Wimbledon zu tun. Der LTTC Rot-Weiß wird ab 2020 Ausrichter des wichtigsten Vorbereitungsturniers der Frauen auf den Klassiker in London. Zwischen dem 13. und 21. Juni tritt die Weltelite im Steffi-Graf-Stadion an - und das tatsächlich auf Rasen. Alle Verträge sind unterschrieben. "Rot-Weiß ist ein sehr, sehr schöner Tennisklub - aber er war zuletzt ohne Turnier. Und zu uns gehört einfach ein internationales Turnier", sagt Jan Wever, Vorstand für Sport und Jugend.

Der 54-Jährige sitzt in der "Players Lounge", das Steffi-Graf-Stadion im Rücken. Nur wenige Meter dahinter glitzert der Hundekehlesee im Sonnenlicht. Neben Wever sitzt Markus Zoecke, der frühere Davis-Cup-Spieler stieg vor sechs Jahren als Sportdirektor beim LTTC ein. Damals war der Club, einstiger Stolz des deutschen Tennis, in der Krise. Der Centre Court, der vor mehr als 20 Jahren und für mehr auf 20 Millionen Mark auf 7000 Sitzplätze ausgebaut wurde, zerfiel nach und nach. Vergessen waren die glorreichen Turniertage, als der LTTC zwischen 1979 und 2008 die German Open ausrichtete - ein Weltklasseturnier der Frauen, zu dem es alljährlich im Mai bis zu 50.000 Zuschauer auf die 30.000 Quadratmeter große Anlage im Grunewald zog. Neun Mal konnte Steffi Graf hier gewinnen, 1986 bezwang sie im Finale erstmals Martina Navratilova und feierte damit ihren endgültigen Durchbruch.

Von den großen Zeiten künden bei Rot-Weiß heute nur noch Fotos und selbst die wirken ein bisschen aus der Zeit gefallen. Die German Open waren Fluch und Segen für Rot-Weiß, am Ende hatte das Turnier den Club fast ruiniert. Zurück blieb eine große Leere. Der Club versank in der Bedeutungslosigkeit, er verlor fast die Hälfte seiner 1800 Mitglieder. Doch der Verein hat sich wiederaufgerichtet. Langsam zwar, aber mit Bedacht. Inzwischen hat Rot-Weiß wieder 1400 Mitglieder, Tendenz steigend. Der Jahresetat liegt zwischen 1,5 und 1,6 Millionen Euro.

Zoecke, der als Elfjähriger beim LTTC seine Karriere startete und es bis unter die Top 50 der Weltrangliste schaffte, führte den ruhmreichen Club wie einen gewöhnlichen Verein. Sich an die Gegebenheiten anzupassen, fiel nicht allen leicht. Doch er gab erste Erfolge, auch wenn die Mittel bescheiden waren. So konnte 2015 das Steffi-Graf-Stadion renoviert werden. Von "Aufräumarbeiten auf alle Ebenen", spricht Zoecke heute. Mit wieder selbst organisiertem Tennistraining war damals das Kerngeschäft wieder in den Club zurückgeholt worden.

Ein Club mit Geschichte

Über den Sport und die Jugendarbeit wurde eine neue Stimmung kreiert, nach und nach wurde die Infrastruktur verbessert. 2015 fand ein erstes Turnier statt, das Grand Champions mit Altstars wie Henri Leconte, Pat Cash und Michael Stich. 2016 kehrte dann der Davis-Cup zurück. 28 Jahre nachdem er das letzte Mal da war. Schon damals sagte Zoecke, dass der Zeitpunkt, "dass wir hier wieder ein großes Turnier machen", näher rücke.

Davis- oder Fed-Cup wird es bei Rot-Weiß wohl nicht mehr geben, die neuen Modi der Mannschaftswettbewerbe im Tennis bei Männern und Frauen lassen das nicht zu. Man habe verschiedene Möglichkeiten geprüft, wieder ein Turnier nach Berlin zu holen. Nun bot sich die Gelegenheit - eine unvergleichliche, wie Zoecke meint. "Von der sportlichen Klasse hat es den Stellenwert wie die German Open", sagt der 51-Jährige.

Vor allem zieht die Verbindung zu Wimbledon - dem Mekka des Tennissports. "Dieses Turnier macht Helden", sagt Zoecke, es sei eines der Highlights des Weltsports überhaupt. "Und wir sind das wichtigste Vorbereitungsturnier dafür - wow, da muss man mal kurz den Atem anhalten. Das ist groß für Berlin und noch größer für unseren Club."

Von Anfang an war Zoecke und seinem Mitstreiter Jan Wever klar, dass "wir es versuchen müssen - so wahnsinnig wie chancenlos die Idee erst einmal war." Zoecke drückt sein Kreuz mal kurz in die Lehne und schüttelt ungläubig den Kopf. "Das hier ist das Beste, was Rot-Weiß passieren und durchführen kann."

Auch Angelique Kerber soll am Turnier an der Hundekehle teilnehmen.
Auch Angelique Kerber soll am Turnier an der Hundekehle teilnehmen.Foto: AFP

Ins Rollen kam die Sache Mitte Februar dieses Jahres. Damals trafen sich die Berliner mit Edwin Weindorfer. Der Österreicher hält mit seiner Agentur Emotion Sports derzeit die Lizenzen für mehrere Tennisturniere, darunter das Männerevent in Stuttgart, das früher auf Sand und nun schon seit einigen Jahren auf Rasen ausgetragen wird. Wichtiger als diese Expertise ist für Berlin allerdings die Tatsache, dass Weindorfer auch Veranstalter eines Frauenturniers auf Mallorca ist. Dort soll künftig ein Männerturnier stattfinden.

Ende April waren bereits Vertreter aus Wimbledon in Berlin. Der Wille schon im kommenden Jahr zueinander zu finden, trieb alle Beteiligten an. Auch der Berliner Senat war von der Idee eines Tennisturniers in der Hauptstadt angetan. Da Weindorfer und der All England Club das Geld geben, blieb das Risiko für Rot-Weiß und die Stadt Berlin kalkulierbar.

Kanzlerin Merkel übernimmt die Schirmherrschaft

Nun musste der Idee noch die Women's Tennis Association (WTA) zustimmen und dafür den Turnierplan auf Rasen für 2020 kräftig durcheinanderwirbeln. Schließlich ist in Birmingham bereits eine Veranstaltung der so genannten "Premier"-Kategorie beheimatet. Allerdings verfügt die zweitgrößte englische Stadt nicht über die ganz große Strahlkraft. Berlin kann in dieser Hinsicht anders punkten - gerade bei den Spielerinnen.

Und so begann bei der WTA das große Turniergeschiebe: In Mallorca spielen die Frauen künftig nicht mehr, das Event in Birmingham wird herabgestuft und den "Premier-Status erhält künftig Berlin. In der zweiten von drei Wochen, die zwischen den Grand Slams von Paris und Wimbledon liegen, ist damit die Teilnahme von mindestens vier Spielerinnen aus den Top Ten der Weltrangliste bei einem Preisgeld von rund einer Million US-Dollar garantiert, der Gesamtetat für Berlin beläuft sich auf etwa vier Millionen US-Dollar. Rot-Weiß wird als Ausrichter fungieren. "Was das Teilnehmerfeld betrifft, gehen wir davon aus, dass mit Angelique Kerber die Wimbledonsiegerin 2018 ebenso in Berlin aufschlagen wird wie Julia Görges und zahlreiche internationale Weltklasse-Spielerinne", sagte Weindorfer.

Der Club stellt die Anlage zur Verfügung und wird davon finanziell profitieren. Dafür aber geht der Club maximal das Risiko ein, das Turnier nach fünf Jahren wieder zu verlieren und die Rasenplätze zurückzubauen. Aber dieses Szenario scheint unwahrscheinlich. In Aussicht stehen zehn, vielleicht sogar 20 Turnierjahre. Selbst den dauerhaften Umbau von drei der insgesamt 16 Plätze der Rot-Weiß-Anlage von Sand auf Rasen (Centre Court, Platz B und 1) sowie der drei Trainingsplätze von den Spandauer Wasserfreunden auf dem Olympiapark stemmen Veranstalter Emotion Sports, Wimbledon und die Stadt Berlin.

"Mit diesem Event liegt erstmals seit vielen Jahren der Fokus des internationalen Tennis wieder auf Berlin. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, gemeinsam mit dem LTTC und der WTA das Turnier nach Berlin zu holen. Damentennis passt perfekt in die sportliche Vielfalt unserer Stadt“, sagte Berlins Sport-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki. Und seit Mitte vergangener Woche gibt es sogar Unterstützung von ganz oben. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Schirmherrschaft für das Turnier übernommen. „Mehr geht nicht“, sagt Zoecke. Damit wird das Turnier nicht nur sportlich ein Highlight, sondern auch eine gesellschaftliche Attraktion.

"Es soll so kultig werden wie Queens für die Männer", sagt Zoecke und meint damit das Vorbereitungsturnier im Londoner Queens Club, mit dem sich Berlin künftig vergleichen darf. Zoecke und Wever wissen um die einmalige Chance, vom Image-Gewinn für Rot-Weiß ganz zu schweigen. "Wir hatten nur diesen einen Schuss, um ein solches Turnier hierher zu bekommen. Das war unsere beste und einzige Chance", sagt Wever und ergänzt: "Wenn das nicht geklappt hätte, wäre es für viele Jahre nicht gegangen. Wir hätten uns ernsthaft mit dem Rückbau des Steffi-Graf-Stadions befassen müssen."

Nun aber werden die Rot-Weißen sogar Partner von Wimbledon und gehören damit im Welt-Tenniskalender offiziell zu den Turnieren auf der "Road to Wimbledon". Ein besseres Markenzeichen gibt es kaum. Und das mit den Farben dürfte beim LTTC auch kein Problem sein, schließlich tragen sie die sogar im Namen.

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