Thailand, Andalusien, Bochum, China : Die Quarantänetour des Uli Stielike

Fußballtrainer Uli Stielike wird von der Pandemie geradezu verfolgt. Und sein Leben in Isolation ist auch mit dem Start der chinesischen Liga noch nicht vorbei.

Eva-Lotta Schwarz
Bankangestellte: Uli Stielike und sein Trainerteam beim chinesischen Erstligisten Tianjin Teda.
Bankangestellte: Uli Stielike und sein Trainerteam beim chinesischen Erstligisten Tianjin Teda.Foto: Gengchen Zhou/Imago

Uli Stielike klebt die Seuche am Sakko. Seit etwa einem halben Jahr reist Stielike, früher als Spieler einmal Europameister, heute umtriebiger Fußballtrainer, um den halben Planeten. Immer wieder muss er vor dem neu- wie bösartigen Coronavirus fliehen. Es ist wie bei Hase und Igel.

Kaum kommt Stielike an einem neuen Ort an, macht sich dort auch schon wieder das Virus breit. Kaum wägt er sich in Sicherheit, schwappt schon die nächste Pandemiewelle heran. Kaum hat er sich ein bisschen Luft verschafft, muss er auch schon wieder in Quarantäne. Und es sieht nicht so aus, als ob sich das bald ändern würde.

Eigentlich wollte Stielike bald in Ruhestand gehen

Stielikes Odyssee beginnt im Februar dieses Jahres. Mit Tianjin Teda, dem Klub aus der Chinesischen Super League (CSL), den er seit Sommer 2017 trainiert, befindet er sich da gerade in Thailand im Trainingslager. Ende des Monats soll eigentlich die neue Saison starten, Stielikes letzte, mit seinen inzwischen 65 Jahren will er danach in den Ruhestand gehen. Aber dann rollt das Virus über China hinweg.

Stielike und sein Team bleiben also in Thailand, verlängern das Trainingslager, bis der chinesische Verband den Ligastart auf unbestimmte Zeit aussetzt. Die chinesischen Teammitglieder machen sich auf den Weg in die Heimat und begeben sich in Isolation; Stielike und seine ausländischen Kollegen – darunter auch die früheren Bundesliga-Profis Sandro Wagner und Felix Bastians – fliegen zurück nach Hause.

Als Erstes sucht Stielike Zuflucht in Südspanien. Dort, wo er sich eigentlich bald schon einen „Altersruhesitz unter der andalusischen Sonne“ einrichten wollte, wie er es gesagt hat. Doch es dauert nicht lange, und schon treibt auch hier das Virus sein Unwesen. Spanien ist eines der europäischen Länder, die es zu Beginn der Pandemie besonders hart trifft.

Also zieht Stielike weiter: Nach Bochum, zu seiner Tochter und seinen Enkelkindern. Seine Bekannten in Deutschland hat er als Krisenzeuge nächster Nähe bereits davor gewarnt, was ihnen bald bevorstehen könnte. So richtig ernst hat ihn bislang niemand genommen.

Lebensraum Hotel: Uli Stielike ist derzeit auf fremde Unterkünfte angewiesen.
Lebensraum Hotel: Uli Stielike ist derzeit auf fremde Unterkünfte angewiesen.Foto: Xin Liu/Imago

In China entspannt sich die Lage zumindest ein wenig. Die Umstände des Saisonstarts sind zwar weiterhin offen, doch Ende März kann Stielikes Team zumindest wieder zurück ins Training. Der Chefcoach macht sich bereit für seine Rückkehr nach Ostasien – und wird jäh gestoppt, als das Coronavirus ein Familienmitglied erwischt. Zwei Wochen Quarantäne bedeutet das für Stielike, keinen Fuß darf er in dieser Zeit vor die Haustür setzen.

Und ausgerechnet jetzt werden auch noch die chinesischen Behörden wegen der Pandemieentwicklung im Rest der Welt nervös. Am 28. März macht China die Grenzen dicht – und Stielike kann nicht los, weil er noch bis zum 7. April in Quarantäne bleiben muss. Nun sitzt er also in Deutschland fest. Eine frustrierende Situation. „Im Moment wäre es einfacher zu sagen, man löst den Vertrag auf“, sagt er Sport1. „Aber ich habe den unterschrieben, und die Menschen im Verein und im Umfeld verlassen sich darauf.“

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Einer seiner beiden ausländischen Assistenten hat es noch kurz vor dem Einreisestopp nach China geschafft. Mit den drei chinesischen Co-Trainern übernimmt er nun vor Ort das Training. Stielike wird hingegen zum Coach im Homeoffice. Es gibt regelmäßige Videokonferenzen, er erhält Aufzeichnungen von Trainingsspielen und hat ständigen Kontakt zum Team per Messenger und Telefon.

Die chinesischen Behörden bleiben jedoch skeptisch. Der belgische Nationalspieler Marouane Fellaini, inzwischen für das CSL-Team aus Jinan am Ball, ist Ende März bei seiner Rückkehr nach China positiv getestet worden und musste deshalb drei Wochen ins Krankenhaus. Das hat die chinesische Regierung aufgeschreckt. Wer einreisen will, braucht jetzt eine Sondergenehmigung. Und wer die chinesische Bürokratie kennt, weiß, was das bedeutet.

Der chinesische Fußball ist besonders vorsichtig

Stielike bleibt also nichts anderes übrig, als weiter zu warten. Täglich hofft er auf neue Nachrichten aus China zu seiner Einreise. Anfang Mai wollte er eigentlich wieder auf dem Platz stehen. Doch die Sache zieht sich. Noch zwei ganze Monate. Spätestens jetzt kennt auch Uli Stielike die chinesische Bürokratie.

Der chinesische Fußball bleibt ebenso vorsichtig. Während in einigen Nachbarländern schon wieder fleißig gespielt wird, dauert es in China bis zum 1. Juli, ehe ein endgültiger Termin für den Ligastart festgesetzt wird. Erst mal sollen die Schulen wieder aufmachen, das ist die Devise. Ein paar Tage später erhält dann auch Stielike endlich das Startsignal. Am 9. Juli steigt er in den Flieger – nur um sich in China direkt wieder 14 Tage in Isolation zu begeben. Das ist die Bedingung. Stielikes Quarantänetour geht weiter.

Engagiert: Uli Stielike in seinem Element.
Engagiert: Uli Stielike in seinem Element.Foto: Stringer/Imago

Und sie schlaucht offensichtlich. Auf Anfragen hat Stielike jedenfalls wenig Lust: „Ich wüsste nicht, was an einem Interview mit jemandem, der nur ein Hotelzimmer beschreiben kann, interessant sein könnte“, lässt er per Mail ausrichten. „Von daher sehe ich dies zurzeit als völligen Quatsch an.“ Anderthalb schriftliche Fragen beantwortet er noch und schiebt hinterher: „Hatte nicht vor, hier in der Quarantäne ein Buch zu schreiben.“

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Am Freitag ist Stielike nun erlöst. Aber nur teilweise. Seine zwei Wochen Isolation gehen zwar zu Ende, und er darf nach fünf Monaten zurück zu seinem Team. Mit Tianjin muss er sogar erst am Montag ran, nachdem der offizielle Ligastart bereits am Samstag erfolgt. Das Leben in Abgeschiedenheit bleibt jedoch: Die Teams wurden unter strengen Hygienebedingungen an zwei Standorten in jeweils einem Hotel zusammengezogen.

In Dalian, einer Hafenstadt im Nordosten Chinas, und Suzhou, einer Nachbarmetropole von Shanghai, haben sich nun jeweils acht Klubs für zwei Monate in die Blase begeben, um in Geisterspielen die Teilnehmer an der folgenden K.-o.-Runde zu ermitteln. Familienbesuche sind ebenso wenig gestattet wie etwa Essenslieferungen.

Stielikes Odyssee ist also noch lange nicht beendet. „Erneut in Quarantäne“, hat er schon während seiner Isolation im Frühjahr gesagt, „das wäre das Schlimmste für mich.“ Es hilft nichts. Uli Stielike muss tapfer bleiben.

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