• Torwarttrainer Zsolt Petry von Hertha BSC: "Wenn es einer schafft, dann Manuel Neuer"

"Rune ist immer noch leidenschaftlich wie ein Fünfjähriger"

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Torwarttrainer Zsolt Petry von Hertha BSC : "Wenn es einer schafft, dann Manuel Neuer"

 Als Sie vor drei Jahren zu Hertha kamen, stand Rune Jarstein kurz davor, den Verein zu verlassen. Was haben Sie in ihm gesehen, was andere vorher nicht gesehen hatten?

 Er war besessen. Besessenheit kann auch schädlich sein. Viele Genies sind sogar früh gestorben, weil sie in ihrer Besessenheit nicht frei denken konnten. Aber Leute, die besessen sind, kommen sehr weit, wenn sie diese Besessenheit in die richtigen Bahnen lenken.

 Woran war Jarsteins Besessenheit zu sehen?

 Daran, wie er trainiert hat. Wie er jede Übung mit voller Überzeugung, Leidenschaft und Entschlossenheit ausgeführt hat. Tag für Tag habe ich diese Besessenheit gespürt. Also: Wieso sollten wir ihn gehen lassen? Er ist Nationaltorhüter, hat 39 Länderspiele gemacht – die kriegst du ja nicht geschenkt. Da musst du schon ein gewisses Können besitzen.

 Was konnte er?

 Rune hatte ein überragendes Timing bei seitlichen Bällen und bei Flanken. So was hatte ich noch nie gesehen. Der erste Ballkontakt war auch außergewöhnlich gut. Nur technisch hatte er Vebesserungspotenzial. Aber weil ich meinen Job auch sehr leidenschaftlich ausübe, habe ich sofort die Chemie zwischen uns gespürt. Der Junge hat mich etwas gefragt, und er hat sofort gesehen: Okay, der Trainer macht das mit mir. Aber wir machen es mit Struktur. Rune geht ohne Extra-Training nicht nach Hause. Aber wir gestalten das Extra-Training so, dass er eben nicht mit einer unsinnigen Belastung nach Hause geht. Rune hat sich auch einfach mal hingelegt und Bankdrücken gemacht wie ein Gestörter. Am nächsten Tag kam er an und hatte Muskelkater (lacht). Wir haben seinen Ehrgeiz und seine Besessenheit kanalisiert. Aber wissen Sie, was mich an ihm besonders fasziniert hat?

 Nein.

 Seine Offenheit. Er hat sofort gefragt: Wie kann ich dies noch lernen? Wie kann ich jenes besser machen? In Eins-gegen-eins-Situationen hatte Rune wenig Plan. Da denkst du: „Junge, wo hast du das denn gelernt?“ Er war auch sehr fixiert auf den Fünfmeterraum, hat nicht den Mut gehabt, sich ein bisschen weiter vorne zu positionieren. Mit vielen Videos haben wir ihm das gezeigt. Und er wollte das. Ich habe auch andere Torhüter trainiert, die das nicht wollten. Die haben immer gesagt: „Ich brauche Schüsse, Schüsse. Wieso soll ich bei einer Flanke drei, vier Meter vor einem Tor stehen?“

 Wieso soll ein Torhüter das?

 Weil wir es als Torhüter ausnutzen müssen, dass die Feldspieler dauernd unter Zeit- und Gegnerdruck sind, dass sie nur selten überlegt spielen können. Du kannst immer lernen, was im Spiel passiert – an der Körpersprache des Gegners. Nur ein Beispiel: Dreißig Meter vor unserem Tor hat ein Gegenspieler den Ball. Wenn der Ball zehn Zentimeter vor seinem Fuß liegt, ist das ein eindeutiges Zeichen, dass er einen Steilpass spielen wird; liegt der Ball einen Meter vor seinem Fuß und du siehst, er holt aus, musst du dich als Torhüter sofort fallen lassen, weil ein Torschuss kommt. Das musst du den Jungs ständig auf Video zeigen, dann kommt das automatisch.

 War es nach der Vorbereitung schon eine Überlegung, Jarstein zur Nummer eins zu machen?

 Nein, weil Rune kein Selbstvertrauen hatte. Ich habe einen Menschen gesehen, der in seinen Augen brutal viel Unsicherheit hatte. Er war wie ein Tier, das im Käfig hin und her läuft. Für die ersten Spiele war er noch nicht so weit, auch weil er in der Vorbereitung mit Rückenproblemen pausieren musste. Im Trainingslager kam er anderthalb Stunden vor einem Testspiel und hat uns mitgeteilt, dass er nicht spielen kann. Was meinen Sie, was ich mir da anhören musste: „Siehst du! Den kannst du abgeben, das wird doch nichts.“

 Haben Sie gar nicht gezweifelt?

 Nein. Weil er eins hat, was viele nicht haben: Er ist in seinem Alter so leidenschaftlich wie ein Fünfjähriger. Manchmal ist er in seiner eigenen Welt, aber wenn du in diese Welt ein bisschen Ordnung bringst, ist er sehr wertvoll. Es ist schon klasse, was er hier geleistet hat.

 Vor kurzem haben Sie sich mit Jürgen Klinsmann zum Kaffee getroffen. Wer hat gezahlt: Klinsmann oder Sie?

 Papa Klinsmann hat gezahlt. Und es war ein sehr angenehmes Gespräch.  

 Klinsmann hat dem „Kicker“ erzählt, dass er kein Problem mit Ihrer öffentlichen Kritik an seinem Sohn gehabt habe.

 Es hat mich gefreut, dass er nicht wie ein beleidigter Vater reagiert hat. Ich bin auch unmittelbar, nachdem ich mich öffentlich geäußert habe, zu Jonathan gegangen und habe ihm gesagt: „John, du wirst morgen ein paar Dinge über dich lesen, die ich dir auch schon unter vier Augen gesagt habe. Deine Kumpels werden dich anrufen und fragen: ,Was ist denn mit deinem Trainer los? Ist er verrückt geworden?‘ Jetzt ist entscheidend, wie du antwortest. Ob du sagst: Er hat recht. Oder ob du sagst: Der Trainer ist ein Vollidiot. Dann wird es schwer für dich – weil die Botschaft dann nicht angekommen ist.“ Ich habe sogar gehofft, dass seine Kumpel sich erkundigen, der Nachbar ihn anspricht, sein Vater und die Journalisten.

 Bleibt Jonathan Klinsmann?

 Ja, wir werden wahrscheinlich wieder mit Rune Jarstein, Thomas Kraft, Dennis Smarsch und ihm in die neue Saison gehen.

 Was ist mit den beiden Torhütern, die aktuell ausgeliehen sind?

 Für Niels Körber ist es bei Preußen Münster ein bisschen unglücklich gelaufen. Als der neue Trainer gekommen ist, war er verletzt und hat dadurch seinen Stammplatz verloren. Aber wir haben drei, vier Anfragen für ihn aus der Dritten Liga. Ich bin mir relativ sicher, dass er da auch in der nächsten Saison Spielpraxis sammeln wird. Er hat alles, um Bundesliga zu spielen. Ihm fehlt nur ein bisschen Abgeklärtheit und Ruhe in seinem Spiel. Er will am liebsten die ganze Welt auf einmal retten.

 Und Marius Gersbeck, der sich gerade das Kreuzband gerissen hat?

Sein Leihvertrag mit Osnabrück läuft aus. Er ist schon operiert worden und wird in seiner Reha von uns betreut. Marius ist unser Spieler, Herthaner, wir werden uns intensiv um ihn kümmern, damit er möglichst bald wieder auf dem Platz stehen kann.

 

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