• Torwarttrainer Zsolt Petry von Hertha BSC: "Wenn es einer schafft, dann Manuel Neuer"

"Thomas Kraft ist unglaublich umgänglich geworden"

Seite 2 von 3
Torwarttrainer Zsolt Petry von Hertha BSC : "Wenn es einer schafft, dann Manuel Neuer"

 Liegt es daran, dass Deutschland immer schon ein Torhüterland war und man keine Notwendigkeit gesehen hat, etwas zu ändern?

 Es gab in der Tat wenige Kollegen, die gemerkt haben, dass sich auch ihr Spiel ändern muss, wenn sich das Spiel insgesamt verändert. Nicht ich gebe vor, was die Torhüter spielen müssen. Das Spiel gibt es vor. Das Spiel ist schneller geworden, deswegen musst du die Spieler auch im Kopf schneller machen. Durch das eintönige, monotone Training – zehn Bälle hintereinander immer auf dieselbe Seite – kriegst du eine gute Technik. Aber dein Gehirn kann nicht schnell arbeiten. Erst die Verknüpfungen im Gehirn führen dazu, dass du richtig schnell agieren kannst. Wenn du Technik in einer monotonen Form trainierst, bleibst du auch im Spiel ein langsam denkender Mensch. Aber das Spiel hat sich deutlich beschleunigt, daran müssen sich die Torhüter gewöhnen. Das erreichst du nur, wenn du im Training Übungen machst, bei denen die Torhüter denken müssen.

 Passiert das nur auf dem Trainingsplatz oder auch außerhalb?

 Für unsere Nachwuchstorhüter gibt es spezielle Apps, mit denen du schnelle Entscheidungen und das periphere Sehen trainierst kannst. Bei den Profis wenden wir oft Übungen aus der Life Kinetik an. Das kann man auf dem Platz sehr gut kombinieren, mit Zahlen, Farben, mit allem Möglichem, wodurch dein Gehirn provoziert wird. Das machen die Jungs sehr gerne. Ich gestalte das Training auch so, dass es nie eintönig wird, sondern dass sie bei jeder Übung denken müssen: Was kommt jetzt? Wo muss ich mich hinstellen? In welcher Reihenfolge läuft eine Übung ab?

 Viele sagen: Entscheidend ist doch, dass man die Bälle hält.

 Das war so, ist so und wird immer so bleiben. Aber Tore verhindern kann ich auch auf eine unspektakuläre Weise, wenn ich den Ball 15 Meter weiter vorne abfange – weil ich die Situation vorher schon gelesen und mich entsprechend positioniert habe. Was die Interpretation des Torwartspiels angeht, das habe ich eigentlich alles von meinem Vater gelernt.

 War Ihr Vater Trainer?

 Nein, mein Vater geht einfach mit offenen Augen durchs Leben. Von seinen Ratschlägen habe ich unheimlich profitiert. Sowohl als Mensch wie als Torwart. Heute weiß ich, dass ich mit meiner Spielweise der Zeit ein bisschen voraus war. Alle meine Trainer haben über mich gesagt: „Der Petry ist ein denkender Torhüter.“ Das versuche ich auch unseren Torhütern beizubringen: dass sie das Spiel bewusst gestalten sollen. Da hat sich Rune Jarstein enorm weiterentwickelt. Bei ihm siehst du ganz selten, dass er keinen Plan hat. Er weiß fast in jeder Situation, was er zu tun hat. Ob das dann in der Ausführung klappt, ist eine andere Sache. Leider hatte ich keinen Torwarttrainer, der mir erklärt hat, wie das Mitdenken konkret funktioniert.

 Und wie funktioniert es?

 Für mich gibt es vier Bausteine: Situation erkennen, sich positionieren, Entscheidung treffen, ausführen. Wenn diese vier Bausteine aneinandergereiht werden, ergibt das einen klaren Plan und ein bewusstes Torwartspiel. So habe ich das für mich und für die Jungs formuliert. Und nach dieser Denkweise analysieren wir jedes Spiel.

 Worauf schauen Sie bei einem Torhüter zuerst?

 Auf die Persönlichkeit. Wie kommst du im Spiel mit unterschiedlichen Situationen klar? Wie beeinflussen dich die Fans? Wie beeinflusst dich ein Fehler deiner Mitspieler? Oder ein eigener Fehler? Wie ist dein Sozialverhalten? Wie kommst du mit deinen Kollegen klar? Bist du ein positiv denkender Mensch? Bist du jemand, der nicht nur auf sich guckt, sondern auch mannschaftsdienlich denkt? Das ist die erste Voraussetzung dafür, dass du die anderen Fähigkeiten sehr schnell lernen kannst.

"Er ist besessen", sagt Torwarttrainer Zsolt Petry über Herthas Nummer 1 Rune Jarstein.
"Er ist besessen", sagt Torwarttrainer Zsolt Petry über Herthas Nummer 1 Rune Jarstein.Foto: dpa

 Hat man diese Persönlichkeit? Oder kann man die auch noch entwickeln?

 Als ich hierhin gekommen bin, hatte Thomas Kraft den Ruf, dass er ein bisschen kantig ist. Inzwischen hat er sich zu einem unglaublich wichtigen Bestandteil dieser Gruppe entwickelt. Er ist als Mensch umgänglicher geworden, sein Sozialverhalten hat sich verändert. Dann kommst du mit Spaß hierhin, denkst nicht nur Schwarz oder Weiß. Also: „Warum spiele ich nicht? Ich bin doch der viel bessere Torhüter!“ Stattdessen genießt du jeden Tag, und es ist dir bewusst, dass du sehr viel Geld damit verdienst, was andere als Hobby ausüben. Wenn du das so siehst, verliert dein Körper alle Blockaden, dann strahlst du Freude aus und entwickelst dich.

 Macht es einen Unterschied, ob ein Torhüter Links- oder Rechtshänder ist?

 Ich finde es sehr gut, wie es mit Koen Casteels war, den ich ihn Hoffenheim trainiert habe. Er schreibt mit rechts, wirft den Ball mit rechts – ist aber Linksfüßer. Das heißt: Sein Gehirn arbeitet eigentlich immer. Wenn er mit rechts wirft, arbeitet die linke Gehirnhälfte, und wenn er mit links schießt, die rechte Hälfte. Es gibt also ständig Verknüpfungen, die Informationen fließen viel schneller. Da hast du richtig Betrieb in deinem Gehirn.

 Gibt es etwas, das Feldspieler von Torhütern lernen können?

 Die Fähigkeit, das Spiel zu lesen. Und die Ausgeglichenheit. Ich finde die meisten Torhüter sind ausgeglichen, weil sie im Kopf so reguliert sind. Bastian Schweinsteiger hat einmal in einem Interview auf die Frage geantwortet, was der Unterschied zwischen einem guten Spieler und einem Topspieler sei: „Der Unterschied ist, wie gut, wie schnell, wie sicher du deine Entscheidungen triffst.“ Du musst deine Birne einbringen, aber da hinkt der Fußball noch meilenweit hinter anderen Sportarten her, die mit Sportpsychologen arbeiten, mit Mentaltrainern, bei denen auf die kognitiven Fähigkeiten genauso viel Wert gelegt wird wie auf Athletiktraining, Techniktraining, Torschusstraining, Taktiktraining. Wie soll dein Gehirn besser werden, wenn du es nicht spezifisch trainierst?

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar