Tour de France : Warum ist Luxemburg nur im Radsport erfolgreich?

Sport ist in Luxemburg eher Nebensache. Nur bei der Tour de France trumpft das kleine Land regelmäßig auf.

Matthias Kirsch
Kommender Toursieger? Bob Jungels gewann in diesem Jahr schon den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich.
Kommender Toursieger? Bob Jungels gewann in diesem Jahr schon den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich.Foto: dpa/Yorick Jansen

Wie eine Lokomotive zieht Bob Jungels das Peloton der Tour de France hinter sich her. Der Luxemburger bestimmt das Tempo in der Schlussphase auf der ersten Etappe. Er ist einer der ersten Anfahrer für den Sprint in seiner Mannschaft Quick-Step Floors, die Geschwindigkeit ist hoch, fast 60 Kilometer in der Stunde. Aber Jungels brettert einfach weiter, den Kopf tief über dem Lenker. Nur wenige Minuten später wird sein Teamkollege Fernando Gaviria auch wegen dieser Vorarbeit die Etappe gewinnen und das Gelbe Trikot überziehen.

Jungels ist in diesen Tagen dabei, sich in die lange Tradition luxemburgischer Radfahrer einzureihen. François Faber, der erste nicht-französische Toursieger. Nicolas Frantz ist bis heute der einzige Fahrer, der das Gelbe Trikot vom ersten bis zum letzten Tag bei der Tour trug. Die Gebrüder Schleck, die in den 2000ern für den Ausbruch eines regelrechten Radsport-Hypes in Luxemburg sorgten. Insgesamt haben Sportler aus dem Großherzogtum 70 Tour-Etappen gewonnen. Das ungleich größere Deutschland steht seit John Degenkolbs Erfolg am Sonntag in Roubaix bei 90.

Doch während die Luxemburger im Radsport regelmäßig auftrumpfen, sind sie in fast allen anderen Sportarten unsichtbar – besonders in den Teamwettbewerben. In den letzten Jahren mussten sie zuschauen, wie mit Island ein noch bevölkerungsärmeres Land – Luxemburg: hat etwa 600.000 Einwohner, Island nur rund 335.000 – zuletzt an der Fußball-EM 2016 und WM 2018 teilnahm. Warum schafft es kleine deutsche Nachbar nicht, das Erfolgsrezept aus dem Radsport auf andere Disziplinen auszuweiten?

„Der Sport hat in Luxemburg einen deutlich geringeren Stellenwert als zum Beispiel in Island“, sagt der luxemburgische Sportjournalist Jeff Kettenmeyer. Im Alltag und in der Schule spiele der Sport fast keine Rolle. „Man muss sich nur die Finanzierung anschauen. Das Sportministerium verfügt über rund 0,5 Prozent des Staatshaushaltes. Nur ein anderes Ministerium bekommt noch weniger“, berichtet Kettenmeyer weiter.

Und das, obwohl die Bevölkerung sportbegeistert ist. Als 2017 der Tennisprofi Gilles Muller in Wimbledon im Achtelfinale gegen Rafael Nadal gewinnt, steht das Land still. Wer kann, sitzt vor dem Fernseher, in Cafés laufen Radios, in Büros die Internet-Streams. Und für das nächste Muller-Spiel werden spontan mehrere Public Viewings organisiert. Ein Land im Tennisfieber, von einem Tag auf den nächsten.

Dabei stellen die geringen Fördersummen aus öffentlicher Hand vor allem Einzelsportler wie Tennisspieler vor große Herausforderungen, meint Jeff Kettenmeyer. „Das Sponsoring reicht nicht aus, damit ein Athlet sich nur auf den Sport konzentrieren kann.“ Viele seien darauf angewiesen, als Sportsoldaten zur Armee zu gehen. „Aber auch dann ist man finanziell am Limit.“ Ausgerechnet im reichen Luxemburg leidet der Sport unter Geldmangel? „Ja, wir brauchen mehr Mittel, um den Sport langfristig zu fördern und das Niveau zu verbessern“, gibt der luxemburgische Sportminister Romain Schneider zu. Im nächsten Haushaltsplan soll der Sport mehr bekommen. „Aber man macht nicht automatisch einen Sprung im internationalen Vergleich nach vorne, nur weil das Sportministerium statt 0,5 auf einmal zwei Prozent des Haushalts bekommt“, sagt Schneider.

Auch der Fußball macht Fortschritte

Neben mehr Geld sollen vor allem konkrete Ideen und Konzepte entwickelt werden, die das sportliche Niveau erhöhen. Ein solches Konzept könne laut Schneider der erste luxemburgische Olympiastützpunkt sein. Mediziner, Forscher, Trainer, alles an einem Ort – nach internationalem Vorbild. „Bisher mussten wir diese Dienste im Ausland einkaufen, jetzt unterstützen wir die Sportler mit eigener Infrastruktur“, sagt Romain Schneider.

Für den luxemburgischen Sportminister ist der Erfolg von Island mehr Ansporn als Armutszeugnis für die eigene Arbeit. „Das Beispiel von Island zeigt: Talentförderung bewirkt etwas. Aber bis der Erfolg eintritt, kann es Jahre dauern.“

Auch wenn Luxemburg von der Qualifikation zu einem großen Turnier noch weit entfernt ist, macht auch der Fußball Fortschritte. In der nationalen Fußballakademie wird seit Jahren professioneller gearbeitet, auch dank Hilfe aus Deutschland. Seit 2011 leitet Reinhold Breu, Ex-Spieler unter anderem bei Eintracht Trier, das luxemburgische Nachwuchsprogramm.

Und die Resultate verbessern sich. In der Qualifikation zur WM in Russland erreichte Luxemburg sechs Punkte, aufhorchen ließ ein torloses Unentschieden gegen den späteren Weltmeister Frankreich. Die Arbeit der letzten Jahre trägt ihre Früchte, die Mannschaft spielt offensiver als früher, immer mehr Jugendspieler bekommen Profiverträge in den Nachbarländern.

Dass Luxemburg mal zur Sport-Großmacht wird, dürfte aber auch an den sozio-ökonomischen Verhältnissen im Land scheitern. Die Durchschnittsgehälter sind die höchsten in ganz Europa. „In vielen anderen Berufen kann man in Luxemburg auch sehr gutes Geld verdienen“, sagt Journalist Jeff Kettenmeyer. „Eine Sportlerkarriere gilt oft nicht als erstrebenswert. Und diese Kultur steht dem Sport im Weg.“

Außerdem gelte in den meisten Familien: Schule vor Sport. Die Frage „Gehe ich zum Training oder lerne für eine Prüfung?“ werde immer zugunsten der Schule beantwortet.

Luxemburg hat also noch einen weiten Weg vor sich, wenn es die Erfolge von Island wiederholen will. Doch in der direkten Konkurrenz mit den anderen Kleinstaaten muss sich das Großherzogtum eigentlich nicht verstecken. Bei den Spielen der kleinen Staaten von Europa, einer Art „Olympia“ für europäische Länder mit weniger als einer Million Einwohner, kämpft das Land immer um die vorderen Plätze. Und im ewigen Medaillenspiegel steht Luxemburg sogar vor Montenegro – obwohl es dort 25.000 Einwohner mehr gibt.

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