Trainingslager in Schladming : Hertha BSC und der Grundkurs Systemtheorie

Im Trainingslager in Schladming will Hertha BSC eine neue taktische Variante einstudieren – Ziel ist es, attraktiver zu spielen und wieder mehr Menschen ins Stadion zu locken.

Blick nach vorn. Manager Preetz wünscht sich offensiveren Fußball. Foto: Simon/Imago
Blick nach vorn. Manager Preetz wünscht sich offensiveren Fußball. Foto: Simon/ImagoFoto: imago/Sven Simon

Das Spiel liegt jetzt schon fast ein halbes Jahr zurück, aber in das Gedächtnis von Michael Preetz hat es sich regelrecht eingebrannt. „Wir waren damals mindestens gleichwertig und hätten einen Punkt verdient gehabt“, sagt der Manager von Hertha BSC über jene Begegnung beim FC Schalke 04 am 3. März. In Halbzeit zwei entschieden sich die Gelsenkirchener allerdings für eine ultradefensive Igeltaktik; im eigenen Stadion verteidigte der Tabellenzweite mit Mann und Maus und ermauerte sich einen 1:0-Heimsieg.

In der Retrospektive taugt besagter Tag durchaus als Blaupause für viele Spiele der abgelaufenen Bundesliga-Saison; Selbst der Großteil der Spitzenmannschaften setzte lieber auf Zerstörung als auf aktive, kreative Gestaltung. „Ich habe jedes Verständnis für diese Herangehensweise, weil alle Trainer Spiele gewinnen wollen. Deshalb würde ich mir auch nicht anmaßen, die Taktik des Gegners zu kritisieren“, sagt Preetz, „aber an der ein oder anderen Stelle würde ich mir in der Liga einfach mehr Mut wünschen“. Warum also nicht gleich selbst damit anfangen, das Herkömmliche zu hinterfragen und neuen Ideen Gehör zu schenken?

Aus 4-2-3-1 mach 3-5-2

Bei Hertha BSC soll genau das passieren. An diesem Samstag reist die Mannschaft von Trainer Pal Dardai nach alter Tradition für eine Woche ins österreichische Schladming. Nach kräftezehrender und langer Vorbereitung soll es in der Steiermark um detaillierte fußballerische Belange gehen – und nicht zuletzt darum, eine neue taktische Variante neben dem seit Jahren etablierten 4-2-3-1 einzustudieren und zu verfeinern. Wenn Herthas Profis frisch immatrikulierte Studenten wären, würden die nächsten Kurse respektive Tage unter folgender Überschrift stehen: Grundkurs Systemtheorie.

Coach Dardai schwebt als Alternative ein 3-5-2-System vor. Phasenweise hat der Ungar bereits einige Elemente in seine Einheiten eingebaut, die diesbezüglich eine erste Orientierung liefern sollen. Der Feinschliff soll nun in Österreich erfolgen. „Bislang fußt unsere Art Fußball zu spielen auf einer sehr kompakten Defensive. Die wollen wir selbstverständlich beibehalten und gleichzeitig das Offensivspiel weiterentwickeln“, sagt Preetz. „Das hört sich zunächst einfach an, ist aber wahnsinnig schwierig“, ergänzt der Manager.

Zuletzt kamen nur 41.000 Zuschauer ins Stadion

Herthas Plan hat – neben taktischen Erwägungen – auch einen ganz rationalen Grund: In der Spielzeit 2017/18 kamen durchschnittlich nur 41.000 Zuschauer zu Heimspielen ins Olympiastadion, in der Saison zuvor waren es noch 47 000. Das wiederum lag nicht nur an der fehlenden Atmosphäre im Olympiastadion, die seitens des Berliner Bundesligisten immer wieder ins Feld geführt wird und den Hauptgrund für die Machbarkeitsstudie einer neuen Arena lieferte.

„Gerade in den Heimspielen wollen wir uns steigern und offensiver und attraktiver spielen“, sagt Preetz. Beim blau-weißen Anhang dürften diese Sätze gut ankommen: Als sich der Förderverein Ostkurve letztmalig traf, um über Probleme, Sorgen und Pläne zu sprechen, beendete ein älterer Herr seinen Monolog mit einer vielsagenden Frage: „Hat mal jemand darüber nachgedacht, dass nur deshalb so wenige Zuschauer kommen, weil wir seit langem den letzten Dreck zusammenspielen?“ Dass die Berliner seit Dardais Amtsübernahme – abgesehen vom ersten Halbjahr – nie ernsthaft in Abstiegsgefahr geraten sind und störungsfreie Jahre hinterm Verein liegen, erwähnte er mit keiner Silbe.

Hertha muss die richtige Mischung finden, schließlich wollen die Berliner weiterhin auch erfolgreich spielen und nicht nur optisch ansehnlich. In der Woche in Schladmig bestreitet Dardais Team insgesamt drei Testspiele, die weitere Erkenntnisse liefern sollen – und damit eines mehr als in den Trainingslagern der vergangenen Jahre. Pal Dardai hat eine einfache Erklärung für die Aufstockung des Programms: „Ich will jeden Spieler einmal über die volle Distanz sehen“, sagt der Ungar. In welchem System, das wird sich noch zeigen.

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