Triathlon : Anne Haug: "2019 gehe ich auf Hawaii auf Angriff"

Anne Haug wollte erst 2019 eine Medaille in Kona holen, jetzt trägt sie bereits Bronze. Im Interview spricht sie über Verletzungen und den Ironman-Zirkus.

In guter Gesellschaft: WM-Drittplatzierte Anne Haug duscht Ironman-Weltmeisterin Daniela Ryf und Zweitplatzierte Lucy Charles mit Champagner.
In guter Gesellschaft: WM-Drittplatzierte Anne Haug duscht Ironman-Weltmeisterin Daniela Ryf und Zweitplatzierte Lucy Charles mit...Foto: Getty Images for IRONMAN

Frau Haug, wie fühlt sich Saarbrücken nach zweieinhalb Wochen WM-Trubel auf Hawaii an?
Eigentlich immer noch genauso - was auch schön ist. Natürlich waren hier alle aus dem Häuschen und haben mich unheimlich nett begrüßt, aber meine Wohnung schaut immer noch genauso aus, nur dass jetzt noch viel Gepäck rumsteht, das ich endlich mal auspacken muss. Die zwei Wochen Urlaub kann ich deswegen gut gebrauchen. Allerdings muss ich auch noch mit meiner Mutter zu Ikea fahren und eine Einbauküche kaufen, das haben wir uns schon lange vorgenommen. Außerdem habe ich eine Mail vom Steuerberater bekommen. Der hat mir erst einmal gratuliert, aber jetzt steht leider auch die Steuererklärung an.

Hätten Sie vor einem Jahr gedacht, dass Sie gleich drei Mal neben Weltklasse-Langstreckenathletinnen wie Daniela Ryf und Lucy Charles auf dem Podium stehen würden?
Nein, überhaupt nicht. Letztes Jahr hatte ich noch mit einem Ermüdungsbruch im Oberschenkelhals zu kämpfen, bereits der dritte in meiner Karriere. Es stand noch nicht einmal fest, ob ich jemals wieder Leistungssport machen kann. Meine Physiotherapeutin hat jeden Tag vier bis fünf Stunden mit mir gearbeitet. Aber dann bin ich letztes Jahr im September meine erste Mitteldistanz gestartet und konnte mich langsam aufbauen. Ab da war sicher, dass ich in den Leistungssport zurück kehren kann. Bei der Challenge-WM habe ich dann eine Silbermedaille geholt, bei der 70.3-WM in Port Elizabeth eine Bronzemedaille. Zusätzlich konnte ich mich bei meinem Ironman-Debüt in Frankfurt direkt für Kona qualifizieren. Das hat mir wieder einmal gezeigt, was das Schöne am Sport ist: Wenn man konsequent arbeitet, dann kann man immer wieder Grenzen verschieben.

Kann sich quälen: Anne Haug ist nach elf Jahren auf der Olympischen Distanz auf die Ironman-Distanz gewechselt und kämpfte auf Hawaii mit der Hitze.
Kann sich quälen: Anne Haug ist nach elf Jahren auf der Olympischen Distanz auf die Ironman-Distanz gewechselt und kämpfte auf...Foto: Marco Garcia/dpa



Wie geht man denn damit um, wenn man plötzlich von hundert auf null runterfahren muss und nicht weiß, ob man seinen Sport jemals wieder betreiben kann?
Das ist schon hart. Man muss auch mal ganz klar sagen: Wir machen hier keinen Gesundheitssport. Wir bewegen uns konstant an der Leistungsgrenze. Da gehört es fast dazu, dass man mal verletzt ist, denn der Körper kann sehr viel kompensieren, aber irgendwann läuft das Fass über. Als Athlet merkt man das oft nicht und auf einmal ist dann die Verletzung da. Daher ist eine regelmäßige physiotherapeutische Betreuung extremst wichtig. Es ist natürlich wahnsinnig hart, im Ungewissen zu sein, wie lange die Verletzung dauert und plötzlich aus dem Training gerissen zu werden, weil wir alles für den Sport geben und an unser Pensum gewöhnt sind. Ich habe während meiner Verletzungen gelernt, kleine Brötchen zu backen. Meine Physiotherapeutin hat mir kleine Ziele gesteckt, zum Beispiel: In zwei Wochen kannst du wieder auf einem Bein stehen, ohne dass es weh tut. Dafür ist es dann umso schöner, wenn man zurückkommt und man ist umso dankbarer, dass man seinen Sport täglich ausüben darf.

Das Rennen auf Hawaii ist berüchtigt dafür, Athleten ihre Grenzen aufzuzeigen. Wie war es für Sie, dort zu starten?
Als ich dort angekommen bin, hat mich erst einmal der Schlag getroffen. Ich trinke normalerweise nicht viel, aber an meinen ersten Tagen habe ich bis zu 6 Liter zu mir genommen. Ich konnte mich keine drei Kilometer vom Haus entfernen, ohne dass ich das Gefühl gehabt hätte, ich verdurste. Deshalb bin ich meist schon frühmorgens rausgegangen zum Laufen, so um sechs Uhr. Die meisten Rad-Einheiten habe ich auf der Rolle gemacht und ins Natural Energy Lab bin ich auch nicht gegangen zum Laufen. Was mich dann am Ende überrascht hat, war das hügelige Profil der Marathonstrecke, die hatte 600-700 Höhenmeter. Das kam mir aber eher zugute, weil ich klein und leicht bin.

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Sie sind also nicht der Typ Athletin, die gerne rausgeht und das Bad in der Menge genießt?
Natürlich muss man sich akklimatisieren und ich bin auch ein, zwei Mal in der Mittagshitze rausgegangen zum Laufen. Aber es ist eine feine Balance zwischen Gewöhnung und zu viele Körner verschießen. Deswegen war ich auch froh, dass ich am Ende vom Ali’i Drive gewohnt habe, wo man noch Platz hatte zum Laufen und sich die Läufer nicht auf den Füßen stehen. Ich wollte mich einfach nicht kirre machen lassen von der Hitze und dem Trubel. Natürlich hatte ich auch meine Medientermine, aber generell bin ich am liebsten in meiner Triathlonblase. Schließlich bin ich dort, um gute Leistungen zu bringen, nicht der Aufmerksamkeit wegen.

Nun funktioniert die Langstreckenwelt aber ein bisschen anders als die Rennen auf der Olympischen Distanz, etwa die WM-Serie der Internationalen Triathlon-Union (ITU). Jan Frodeno verkauft seine eigenen Espresso, macht Selfies mit den Fans. Wie wirkt dieser Zirkus und die Marketingmaschinerie dahinter auf Sie als Neuling?
Bei den ITU-Wettkämpfen sind wir ein eigenes kleines Völkchen, abgetrennt von den Altersklassenathleten, die den Triathlon als Hobby betreiben. Beim Ironman können sich die Agegrouper direkt mit uns Profis vergleichen, schließlich laufen und fahren wir auch auf der gleichen Strecke. Diese Hobbyathleten suchen die Herausforderung und Ironman ist nun mal die ultimative Herausforderung. Mein Herz hängt auch immer noch an der Olympischen Distanz, aber mittlerweile finde ich beide Welten faszinierend. Vor allem kann ich mir nicht vorstellen wie tausende von Athleten sich das viele Training neben Beruf und Familie antun. Das ist eben der Spirit des Ironman: Man muss wirklich einen guten Tag erwischen, um ein sehr gutes Ergebnis zu erzielen, aber letzten Endes geht es darum, diese lange Strecke zu finishen und den Finishern dafür Respekt zu zollen.

Jan Frodeno sagte in seiner Zeit auf der Olympischen Distanz einmal, dass Ironman nur was für die Athleten sei, die für die Olympische Distanz zu langsam seien…
Das hat natürlich einen wahren Kern. Ich habe schließlich auch deshalb gewechselt, weil ich beim Schwimmen zu langsam wurde. Die Olympische Distanz ist echt brutal, da geht es Mann gegen Mann, es geht um Geschwindigkeit. Das wird in der Außendarstellung leider viel zu wenig gewürdigt.

Was wird sich denn jetzt für Sie verändern, nachdem Sie von der Olympischen Distanz auf die Langstrecke gewechselt sind?
Ich bleibe auf jeden Fall in Saarbrücken am Olympiastützpunkt. Zwar bin ich nicht mehr im olympischen Kader, darf aber hier wohnen bleiben, weil ich für das Saarland starte. Dafür bin ich sehr dankbar, weil ich meine Physiotherapeutin und Athletiktrainerin in 30 Metern Laufweite habe, das Schwimmbad liegt 50 Meter entfernt. Das ist schon Luxus. Ich werde mich jetzt nicht einer Trainingsgruppe anschließen wie der von Jan Frodeno in Girona, weil ich hier alles habe, was ich brauche. Gerade auf der Langdistanz habe ich vielmehr das Gefühl, dass es gut ist, alleine zu trainieren, weil das ja im Rennen genauso ist. 

Sie haben denselben Trainer wie Jan Frodeno, den Luxemburger Dan Lorang. Was bedeutet Ihnen die Zusammenarbeit mit ihm?
Unheimlich viel. Er ist einfach einer der besten Trainer der Welt. Dan und ich kennen uns seit unseren Studium in München vor zehn Jahren. Da waren wir zusammen in der Triathlon-AG. Ich wurschtelte da so vor mich hin, lernte gerade das Schwimmen. Er wollte mehr im Trainerbereich arbeiten und schrieb mir die ersten Trainingspläne. Dadurch bin ich dann schnell erfolgreich geworden. Das Lustige ist, dass ich jetzt auch wieder bei meinem alten Schwimmtrainer von damals bin, bei dem ich Schwimmen gelernt habe, bei Michael Hahn. Dan und Michael kennen sich unheimlich lange und arbeiten auch super zusammen. Das ist auch wichtig, weil Dan nebenbei eben auch andere Triathleten und das Radteam bora-hansgrohe trainiert. Das Ganze funktioniert so, dass Dan der Kopf des Ganzen ist, wir alle unabhängig voneinander online unsere Trainingspläne bekommen und jeder sein Team vor Ort hat, in meinem Fall meine Physiotherapeutin und meinen Schwimmtrainer. Die schauen dann je nach Form, wie hart sie Dans Plan umsetzen.

Wie hat sich Ihr Training durch den Wechsel auf die Mittel- und Langdistanz verändert?
Vom Umfang her nicht so viel, ich habe auch schon zu ITU-Zeiten viel trainiert, ca. 25 Std und jetzt um die 30 Sunden, plus Athletiktraining und Physiotherapie. Ich laufe nach wie vor nicht so viel, etwa 60 Kilometer pro Woche. Beim Schwimmen haben wir etwas angezogen, da bin ich jetzt bei 30 Wochenkilometern. Die langen, Ironman-spezifischen Radeinheiten konnten wir im Vorfeld von Hawaii noch gar nicht machen, weil wir uns mehr auf die Mitteldistanz konzentriert haben, und mein Körper auch noch gar nicht in der Lage war, diese Umfänge zu stammen. Das braucht einfach Zeit. Im Winter wird sich das ändern: Noch habe ich einen Ferrari-Motor eingebaut, der daran gewöhnt ist, dass ständig Energie zur Verfügung steht. Der muss jetzt in einen Diesel-Motor umgewandelt werden, der besser mit seiner Energie haushaltet.

Also ist ihr Plan, in einem Jahr noch weiter oben auf dem Treppchen zu stehen?
Mein Plan ging exakt bis letzten Sonntag. In dieser Saison war das Zeil eine Medaille bei der 70.3-WM und ein Qualifizierung für Kona zum Reinschnuppern, im kommenden Jahr dann eine Medaille. Das habe ich ja jetzt schon erreicht. Hawaii wird ganz klar das Hauptziel sein, wie genau der Aufbau bis dahin aussieht, müssen wir aber noch entscheiden. 2019 will ich auf Hawaii aber auf jeden Fall auf Angriff gehen.

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