TTC Eastside ist Abbruch-Meister : Selten war ein Titel im Tischtennis so verdient

In der Bundesliga hatten die Frauen des TTC Eastside vor der Coronavirus-Pause alle Saisonspiele gewonnen. Nun werden sie dafür auch belohnt.

Erst der Pokalsieg, jetzt auch die Meisterschaft. Nur der Sekt fehlte diesmal für Eastside.
Erst der Pokalsieg, jetzt auch die Meisterschaft. Nur der Sekt fehlte diesmal für Eastside.Foto: Imago

Alexander Teichmann, Präsident des TTC Eastside, musste dieser Tage an ein länger zurückliegendes Ereignis denken: das Champions-League-Finale der Tischtennis-Frauen 2016. Eastside hatte das Hinspiel bei KTS Tarnobrzeg in Polen gewonnen, führte im Rückspiel 2:0 und brauchte noch einen Einzelsieg. Da hob Han Ying, deutsche Nationalspielerin in Diensten von Tarnobrzeg, die Hand und signalisierte: Verletzung, Aufgabe. „Wir haben uns angeguckt und erst gar nicht realisiert, dass wir damit die Champions League gewonnen hatten“, erinnert sich Teichmann.

Der entscheidende Ballwechsel, der letzte Punkt, all das fehlte. Es fehlte auch jetzt, und das in noch ganz anderer Form. Eastside ist seit Mittwoch Deutscher Meister, zum insgesamt sechsten Mal. Aber nicht durch einen Sieg an der Platte, sondern durch einen Beschluss des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB). Die seit Mitte März wegen der Coronavirus-Pandemie in allen Ligen unterbrochene Saison ist – abgesehen von der Männer-Bundesliga, die nicht vom DTTB organisiert wird – für beendet erklärt worden.

Die Berlinerinnen führten die Tabelle mit 22:0-Punkten an

„In dieser abgebrochenen Saison wird die Tabelle zum Zeitpunkt der jeweiligen Aussetzung der Spielzeit als Abschlusstabelle gewertet“, heißt es vom Verband. Es ist ein anderer Weg als im Volleyball und Eishockey, wo es keinen Meister gibt. Und auch als im Fußball, Handball und Basketball, wo versucht wird, die Saison fortzusetzen.    

Selten war ein Meistertitel so verdient: Die Berlinerinnen führten die Tabelle mit 22:0 Punkten an. Aber noch nie fühlte sich ein Titel für Eastside ähnlich eigenartig an – und gewonnen hat der Verein viele. 2016 im vorzeitig zu Ende gegangenen Champions-League-Finale „haben wir wenigstens gespielt. Jetzt wirst du quasi durch einen Anruf Meister“, sagt Teichmann. Durch die DTTB-Entscheidung sind auf jeden Fall die mit Sponsoren ausgehandelten Prämien gesichert, die an die Spielerinnen weitergereicht werden.

Drei Titel hatte Eastside in der Saison als Ziel ausgegeben. Im Pokal und in der Liga hat es geklappt, der Traum vom Triple wird sich jedoch wohl nicht erfüllen. Der Weltverband ITTF hat alle Wettbewerbe bis 30. Juni ausgesetzt, die Fortsetzung der Champions League ist damit ebenfalls höchst unwahrscheinlich. Aufgrund der geschlossenen Grenzen in mehreren Ländern könnten manche Vereine ohnehin nicht antreten. Manager Andreas Hain sieht einen Abbruch als logische Folge, „auch wenn das für uns extrem bitter wäre. So eine starke Mannschaft, wie wir sie momentan haben, hat man vielleicht nur einmal.“

[Mehr guten Sport aus lokaler Sicht finden Sie – wie auch Politik und Kultur – in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Hier kostenlos zu bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Am Freitag hätte für Eastside das Halbfinal-Hinspiel in der Champions League auswärts gegen Tarnobrzeg angestanden, am Sonntag hätte das Team in der Bundesliga bei der TTG Bingen/Münster-Sarmsheim aller Voraussicht nach die Meisterschaft klargemacht. Die Bahntickets für die Reise dorthin hat Präsident Teichmann noch vorliegen: Um 6.50 Uhr wäre es in Berlin losgegangen.

Als Tabellenzweiter schließt der TuS Bad Driburg die Saison ab – und muss sich nun nach 23 Jahren aus der Bundesliga zurückziehen. Wegen der Coronavirus-Krise sei absehbar, dass viele langjährige Sponsoren den Verein nicht mehr unterstützen können, teilte der Klub mit. Bei Eastside sieht es noch nicht bedrohlich aus: „Wir haben bisher von keinem Sponsor gehört, dass er aussteigen will“, sagt Teichmann.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!