Turn-WM in Stuttgart : Eine grazile Wettkampfsau namens Elisabeth Seitz

Elisabeth Seitz verpasst eine Medaille am Stufenbarren, überzeugt aber sonst bei der Heim-WM in Stuttgart. Dabei musste sie einige Rückschläge verkraften.

In ihrem Element: Elisabeth Seitz begeisterte die Zuschauer bei der Turn-WM in Stuttgart mit spektakulären Turn-Elementen.
In ihrem Element: Elisabeth Seitz begeisterte die Zuschauer bei der Turn-WM in Stuttgart mit spektakulären Turn-Elementen.Foto: Wolfgang Rattay/REUTERS

Die Turn-Weltmeisterschaften in Stuttgart hatten noch gar nicht begonnen, da sollte Frauen-Bundestrainerin Ulla Koch die sportlichen Eigenschaften von Elisabeth Seitz beschreiben. Seitz saß direkt neben Koch und blickte die Bundestrainerin streng an, diese druckste ein bisschen herum. „Sie will ja nicht, dass ich sie so nenne. Aber darf ich?“ Seitz nickte verlegen, Koch sagte: „Sie ist eine Wettkampfsau.“

Nun, das ist wahrhaftig kein schöner Begriff für eine grazile Turnerin wie Elisabeth Seitz. Aber tatsächlich beschreibt er ziemlich gut, was sie als Turnerin ausmacht. Am Samstag hoffte Seitz auf eine Medaille am Stufenbarren, leistete sich aber einen Abgang und wurde am Ende nur Achte.

Der Fehler war eher untypisch für sie, denn Seitz ist bei den Wettkämpfen in Stuttgart zuvor ihrem Ruf gerecht geworden. Schon zu WM-Beginn, als es für die deutsche Mannschaft um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio ging, war auf sie Verlass. Während etwa Pauline Schäfer und Emelie Petz mit zittrigen Beinen vom Schwebebalken purzelten, turnte Seitz ihre Elemente nahezu optimal. Sie strahlte eine bemerkenswerte Sicherheit aus und beruhigte auch ein wenig die Nerven der angespannten Mannschaftskolleginnen.

Dabei könnte man meinen, dass die Wettkämpfe in Stuttgart gerade für Seitz eine besondere nervliche Belastung darstellen. Sie kommt aus Stuttgart, ihre Wohnung liegt nur knapp drei Kilometer vom WM-Austragungsort, der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, entfernt. Seitz ist neben der US-Amerikanerin Simone Biles eindeutig der Publikumsliebling bei der WM. Die vielen jungen Zuschauer kreischen laut auf, wenn Seitz etwa am Schwebebalken kurz aus der Balance gerät. Noch lauter ist der Lärmpegel, wenn der Lokalmatadorin ein spektakuläres Element gelingt. So etwas kann eine Turnerin einschüchtern. Seitz aber spornt das an, auch wenn die Fans ihr Samstag am Stufenbarren nicht helfen konnten. „Die Zuschauer sind großartig“, sagt sie. „Sie geben mir noch mehr Kraft und Motivation.“

"Irgendwann hat das Turnen ein Ende"

Seitz ist zweifellos die Ausnahmefigur unter den deutschen Turnerinnen. Bei den deutschen Meisterschaften dieses Jahres holte sie ihren sage und schreibe 22. nationalen Titel und egalisierte damit den 56 Jahre alten Rekord von Ingrid Först. Dabei hatte Seitz verhältnismäßig spät mit dem Turnen angefangen, mit sechseinhalb Jahren. Das ist ein Alter, in dem die ganz großen Talente motorisch schon sehr ausgeprägt und zu beachtlichen Turnelementen in der Lage sind. Seitz holte den Rückstand schnell auf. Gefördert wurde sie insbesondere von ihrer Mutter. Diese, so erzählte es Seitz einmal in einem TV-Interview, habe ihr den Rat gegeben, dass sich harte Arbeit auszahle. Förderlich sei auch gewesen, „dass ich nie Angst hatte. Wenn ich als Kind vom Gerät gefallen bin, bin ich aufgestanden und habe es gleich wieder probiert“.

Bundestrainerin Ulla Koch hofft natürlich, dass ihr Seitz noch möglichst lange erhalten bleibt. Seitz ist 25 Jahre alt, studiert seit vergangenem Jahr auf Lehramt. „In dem Alter bin ich ein alter Hase in meiner Sportart. Aber auf jeden Fall nicht zu alt“, sagt sie. „Ich fühle mich frisch und habe noch Spaß.“

Seitz wird in jedem Fall noch die Olympischen Spiele im nächsten Jahr in Tokio mitnehmen. Was danach kommt, weiß sie noch nicht. „Aber irgendwann hat das Turnen ein Ende“, sagt sie. So wird die deutsche Vorzeigeturnerin sicher nicht den Weg der Oksana Chusovitina einschlagen.

Chusovitina ist 44 Jahre alt, Mutter eines Sohnes. In Stuttgart aber bewegte sie sich wie ein junger Hase an den Geräten, auch wenn sie das Mehrkampffinale verpasst hat. Chusovitina wird von ihren Konkurrentinnen, die größtenteils ihre Kinder sein könnten, mit einer Mischung aus Bewunderung und Unverständnis betrachtet. Zumal die Sportart meist einhergeht mit einer recht langen Verletztenhistorie. So auch bei Elisabeth Seitz.

Immer wieder stoppten sie Verletzungen. Viele Male musste Seitz operiert werden und fiel immer wieder lange aus. Im vergangenen Jahr zum Beispiel erlitt sie ein Bauch-Ödem. Bei den Europameisterschaften in Glasgow konnte sie nicht antreten. Solche Rückschläge gehören in der Sportart Turnen zwar dazu. Seitz hat davon aber überdurchschnittlich viele abbekommen.

Die gebürtige Heidelbergerin hat sich davon aber nicht abschrecken lassen. Sie hat es gemacht wie schon als kleines Kind: Sie ist aufgestanden und hat einfach weitergeturnt.

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