Unions Aufstiegskader : Die Könige von Köpenick

Der 1. FC Union war stärker als die Summe seiner Einzelteile und lebte vom Kollektiv – eine Würdigung.

Feierbiester sind sie auch. Unions Spieler bildeten nach dem Abpfiff eine Jubeltraube – und feierten anschließend bis tief in die Nacht ihren Aufstieg in die Bundesliga. Fotos: Sportfoto Rudel, Jan Hübner/Imago (2)
Feierbiester sind sie auch. Unions Spieler bildeten nach dem Abpfiff eine Jubeltraube – und feierten anschließend bis tief in die...Foto: imago images / Sportfoto Rudel

Urs Fischer

Der Trainer tröstete zunächst Stuttgarts Trainer Nico Willig, der bittere Tränen vergoss. Dann dankte er allen Unionern, „von der Wäschefrau bis zur Marketingabteilung“. Fischer, Schweizer von Herkunft, meinte das auch so, er kann gar nicht anders. Er ist kein Showmaster, keiner, der sich inszenieren kann. Muss er auch nicht. Ruhe und Authentizität prägen seinen Stil, auf dem Platz bevorzugt er eine klare Ordnung. Erst muss die Null stehen, alles andere ergibt sich. Als er sich vorstellte, sagte er zu den Aufstiegsambitionen: „Es ist mein Bestreben, dass wir da ein Wörtchen mitreden.“ Der Rest ist seit Montag Geschichte.

Rafal Gikiewicz

Der Torwart spielte eine herausragende Saison und erreichte im letzten Spiel sein persönliches Ziel: 15 Spiele ohne Gegentor. Gikiewicz sprach als erster Profi offen vom Aufstieg und erntete dafür einige Lacher von seinen Mitspielern. Behielt aber recht und fasste seine erste Saison bei Union treffend zusammen: „Jede Mannschaft braucht einen Gikiewicz!“

Marvin Friedrich

Ausdauernd, zuverlässig, robust – einem Schweizer Uhrwerk ähnelnd. Kein einziges Saisonspiel verpasste der Innenverteidiger, der in allen 34 Partien über die volle Distanz ging. Und als es ganz wichtig wurde, im Relegationshinspiel in Stuttgart traf er sogar ins Tor – es war der Treffer, der letztlich über den Aufstieg in die Bundesliga entscheiden sollte.

Florian Hübner

Auf ihn hören die Mitspieler. „Wir müssen hier zur Heimmacht werden!“, forderte der Innenverteidiger zu Saisonbeginn. Union verlor nur sein Heimspiel gegen Paderborn, auch gegen Stuttgart hielt die Festung Alte Försterei. Eine Festung bildete die von Hübner und Friedrich orchestrierte Viererkette ebenfalls, wobei Hübner das Lob für die hervorragende Defensivarbeit gern nach vorn weitergab. „Großes Lob an unsere Offensivspieler, weil sie uns sehr viel Arbeit abnehmen.“

Ken Reichel

Die Relegation und Ken Reichel, das war lange keine schöne Geschichte. 2017 scheiterte der Linksverteidiger mit Eintracht Braunschweig am VfL Wolfsburg, ein Jahr später stieg er sogar in Liga drei ab – und wechselte nach Berlin. „Union ist sportlich sehr reizvoll, aber klar, in Berlin bin ich geboren, es schließt sich ein Kreis“, sagte Reichel damals. Meist arbeitete er solide auf der linken Seite, gesetzt war er aber nicht immer. Drei Torvorlagen in 27 Spielen steuerte er bei – eigentlich zu wenig für seine Fähigkeiten.

In der Relegation vertraute Fischer trotzdem voll auf ihn – und wurde belohnt.

Christopher Trimmel

„Wir werden uns auf jeden Fall den Arsch aufreißen“, sagte Trimmel vor dem Heimspiel gegen den HSV. Ein Kapitän, ein Wort: 2:0 gewann Union – auch dank Trimmel, der in dieser Saison generell überzeugte. Als Rechtsverteidiger wirkte er stabilisierend auf die Mannschaft und vertrat sie nach außen souverän. Ein echter Capitano eben, der das Rückspiel gegen Stuttgart wegen einer Gelbsperre verpasste. Machte aber nichts.

Manuel Schmiedebach

Seine fehlende Schnelligkeit machte er mit viel Bissigkeit und guten Stellungsspiel wett. Neben dem Platz sprach er selten über die Leistungen auf selbigem. Und wenn doch, dann krachte es auch mal: Es nutze nichts, darüber nachzudenken, was am 34. Spieltag passiere, sagte Schmiedebach. „Das ist uns scheißegal!“ Dass die Runde zwei weitere Partien enthalten würde, konnte er ja nicht ahnen.

Grischa Prömel

Seine Entwicklung unter Fischer war beeindruckend. Prömel fraß die Kilometer im Spiel wie Berliner Hipster Avocado-Maki am All-you-can-eat-Buffet im Sushi-Restaurant. Torgefährlich zeigte er sich auch, sieben Tore sind für einen Mittelfeldspieler bemerkenswert.

Felix Kroos

Schoss am ersten Spieltag gegen Aue ein Freistoßtor wie es sonst nur gleichnamigen Spielern von Real Madrid gelingt. Aber diese Vergleiche mag Felix Kroos in etwa so sehr wie einen Platz auf der Ersatzbank. Und nicht mal da saß Kroos regelmäßig, manchmal schickte ihn Fischer sogar auf die Tribüne. Neben seinem Stammplatz verlor Kroos auch sein Kapitänsamt und werkelte als Teilzeitkraft mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Suleiman Abdullahi

Spielerisch wohl der beste Unioner, zudem trickreich, schnell und ausdauernd, das bewies er auch gegen Stuttgart: Ein Tor nach feinem Tänzchen im Hinspiel, zwei Pfostenschüsse im Rückspiel – und oft so unbekümmert wie ein kleiner Schulbub, nur lernt er schneller. Sein 1:1 in Stuttgart weckte in den Unionern erst den Glauben an die historische Chance.

Robert Zulj

Sagte schon im August: „Für mich gehört Union zu den besten zwei Klubs in der Zweiten Liga, wenn man mal von den Absteigern absieht.“ Einen jener Absteiger, den Hamburger SV, haben die Unioner sogar hinter sich gelassen. Zulj hatte daran einen großen Anteil: In 29 Ligaspielen stand er auf dem Platz und erzielte immerhin vier Tore. Wie es mit ihm weitergeht, ist noch unsicher: Er ist nur ausgeliehen von der TSG Hoffenheim.

Joshua Mees/Akaki Gogia/Marcel Hartel

Die drei Offensivspieler teilten sich die Spielzeit oft untereinander auf. Gogia war besonders in der Hinrunde sehr effektiv und – meist von der Bank kommend – an einigen Toren beteiligt. In der Rückrunde schrumpfte seine Rolle zusammen, dafür bekam Mees mehr Platz. Der hatte in der Hinrunde noch mit Verletzungen zu kämpfen, steigerte sich dann aber. Hartel durchlebte eine Saison mit sehr hohen Höhen und einigen Tiefen. Seine Einsatzzeiten waren für ihn nicht immer zufriedenstellend, in der Relegation durfte er dann aber von Beginn spielen. Unvergessen bleibt seinFallrückziehertor im Januar gegen seinen Jugendverein Köln – Unions zweites „Tor des Monats“ der Saison.

Sebastian Polter

Feierte seine Saisonpremiere auf die denkbar schönste Art – mit einem Fallrückzieher, der als „Tor des Monats“ ausgezeichnet wurde. Wenn der Stürmer eingewechselt wurde, wirkte er auf die eigene Mannschaft generell wie eine große Ladung Dextro Energy. Gegen Stuttgart brachte er ebenfalls Power – beim Feier-Marathon nach dem Spiel.

Sebastian Andersson

Der Schwede kam vor einem Jahr als Absteiger aus Kaiserslautern und fügte sich sofort gut ein. Mit zwölf Treffern war er Unions bester Torschütze und fing die langen Ausfälle von Sebastian Polter auf. Mindestens genauso wichtig wie seine Tore war jedoch Anderssons Arbeit für die Mannschaft. Gerade seine Kopfballstärke bei langen Bällen war essenziell für den Spielstil der Berliner.

Die Ersatzspieler

Wen man bei Union auch fragt, alle betonen die Stärke des Kollektivs. „Die Ersatzspieler haben eine unglaubliche Rolle gespielt“, sagt Manager Oliver Ruhnert. Das war auch in der Relegation zu sehen: Im Hinspiel rückte Urgestein Michael Parensen in die Startelf, im Rückspiel ersetzte Julian Ryerson den gesperrten Kapitän Trimmel. Auch Christopher Lenz, Nicolai Rapp, Carlos Mané, Berkan Taz, Kenny Prince Redondo und der im Winter nach Dänemark gewechselte Simon Hedlund kamen zum Einsatz. Jakob Busk, Marc Torrejon, Fabian Schönheim, Erol Zejnullahu, Lennart Moser, Lennard Maloney und der in der Winterpause nach Österreich zurückgekehrte Christoph Schösswendter blieben zwar ohne Pflichtspieleinsatz, trugen aber zum Konkurrenzkampf und zum Teamgeist bei.

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