Unruhe im Deutschen Hockey-Bund : „Permanent im Krisenmodus“

Die früheren Hockey-Bundestrainer Lemmen, Peters, Weise und Mülders kritisieren in einem Offenen Brief die Zustände im Deutschen Hockey-Bund.

Bernhard Peters wurde 2002 und 2006 mit den Hockey-Männern Weltmeister, wechselte dann in den Fußball. Jetzt meldet er sich wegen der Zustände im DHB zur Wort.
Bernhard Peters wurde 2002 und 2006 mit den Hockey-Männern Weltmeister, wechselte dann in den Fußball. Jetzt meldet er sich wegen...Foto: Imago

Es rumort im Deutschen Hockey-Bund. Das ist spätestens seit gut einem Monat klar, als ein anonymer Briefschreiber dem DHB die Zerstörung funktionierender Strukturen, eine "unmenschliche Hire & Fire-Politik" und ein "System der Angst" vorhielt. Auslöser war die Ausrichtung der Meisterschaftsendrunde im Hallenhockey, die der DHB kurzfristig nach Mülheim vergeben hatte – nachdem sich der eigentlich vorgesehene Austragungsort als ungeeignet herausgestellt hatte.

Vor gut zehn Tagen hat sich Stephan Abel, der ehemalige Präsident des DHB (2005 bis 2015), in die Debatte eingeschaltet. In einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" übte er scharfe Kritik an der Verbandsführung um seinen Nachfolger Wolfgang Hillmann. Seine Einlassungen führten zu Spekulationen, Abel könne nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in sein altes Amt zurückdrängen. "Ich bin von vielen darauf angesprochen worden, bin aber überzeugt davon, dass es ein falsches Signal wäre, selbst wenn es einen Rückhalt in der Hockeyfamilie gäbe", sagte er mit Blick auf den Bundestag des DHB im Mai.

Nun melden sich vier prominente Mitglieder der sogenannten Hockeyfamilie zu Wort, die mit den Nationalmannschaften drei Olympiasiege gefeiert, drei olympische Medaillen, zwei Welt- und vier Europameisterschaften im Feldhockey gewonnen haben. Die früheren Bundestrainer Peter Lemmen (Frauen, 2001 bis 2003), Bernhard Peters (Männer, 2000 bis 2006), Markus Weise (Frauen, 2003 bis 2006; Männer, 2006 bis 2015) und Jamilon Mülders (Frauen, 2012 bis 2017) wenden sich in einem Offenen Brief an die Mitglieder des Deutschen Hockey-Bundes, in dem sie ihre Sorge um das Innenverhältnis im Verband und dessen Außendarstellung zum Ausdruck bringen.

Der Offene Brief

Liebe Hockeygemeinschaft, liebe Freunde,

die ehemaligen Bundestrainer des Deutschen Hockey-Bundes im Damen- und Herrenbereich, Peter Lemmen, Jamilon Mülders, Bernhard Peters und Markus Weise, vereint das große Interesse an unserer attraktiven Sportart, der Respekt gegenüber den dort tätigen Menschen im Verband und in den Vereinen und die Sorge um das intakte Innenverhältnis der gegenwärtigen Verbandsführung zu ihren Mitgliedern, die Sorge um die Außendarstellung des Verbandes im Hinblick auf unsere Partner in Wirtschaft, Medien und Sport.

Obwohl wir nicht mehr aktiv im Verband tätig sind, beobachten wir aus unseren Perspektiven mit größtem Interesse das Geschehen in und um die Nationalteams und in den Vereinen. Und natürlich verfolgen wir die – oft durch Entscheidungen des Weltverbandes ausgelösten – Veränderungsprozesse und deren Auswirkungen auf unsere Verbands- und Wettkampfstrukturen.

Schieflage. Im Deutschen Hockey-Bund (hier Nationalspielerin Nike Lorenz) schwelen viele Auseinandersetzungen. Foto: Stanford/Imago
Schieflage. Im Deutschen Hockey-Bund (hier Nationalspielerin Nike Lorenz) schwelen viele Auseinandersetzungen. Foto:...Foto: imago/Focus Images

Die Herausforderungen für unseren Sport und für unsere Zusammenarbeit, bezogen auf Verbands- und Vereinsinteressen, haben sich aus unserer Sicht auch nach unserem Ausscheiden aus den Bundestrainerrollen nicht grundlegend geändert.

– Wir brauchen erfolgreiche Nationalteams, die bei den Olympischen Spielen um die Medaillen spielen. Es ist Ausdruck einer gemeinschaftlichen Anstrengung, diese Wettbewerbsfähigkeit der Teams zu erhalten.

– Wir brauchen gesunde wachsende Vereine im Leistungs- und Breitensport, denn die Vereine sind die Basis für alles andere.

– Wir brauchen eine intelligente Personalentwicklungspolitik im Bereich unserer Trainer und Trainerinnen. Sie ist einer der wichtigsten Erfolgsschlüssel.

– Wir müssen stetig im kritisch konstruktiven Dialog miteinander um den Ausgleich von Verbands- und Vereinsinteressen ringen.

– Wir brauchen eine klare Rückbesinnung auf unsere Stärken, denn nur damit sind wir wettbewerbsfähig. Mit all den Kompetenzen innerhalb unseres akademisch geprägten Systems haben wir bereits jetzt die Bordmittel, um auch zukünftig visionäre und anspruchsvolle Ziele zu verfolgen.

– Und bei allen legitimen persönlichen Zielen: Es geht nicht ums alleinige Herrschen, es geht ums gemeinsame Gelingen! Um diese übergeordneten Ziele zu erreichen, brauchen wir eine herausragende, weit- und umsichtige Verbandsführung, das heißt ein reibungsloses zielorientiertes Zusammenspiel von Präsidium und Vorstand, von Ehren- und Hauptamt, der Liga und den Vereinen. Dies scheint uns seit geraumer Zeit oft gestört.

Aus unserer Perspektive werden komplexe Probleme auf die Schultern zu weniger Mitstreiter abgeladen. Innerhalb des Präsidiums führt dies beispielsweise zu einer Aufgabenhäufung bei Vizepräsident Remo Laschet, der verschiedene Ressorts auf sich vereint. Auf Vorstandsebene führen zu viele Aufgaben über Sportdirektor Heino Knuf. Ein solch gewachsener Zustand von Aufgaben- und Machtfülle ist in der Regel für Systeme kennzeichnend, die sich permanent im Krisenmodus befinden. Wie wollen wir mit einer solchen Konstruktion eine zeitgemäße und zielorientierte Zusammenarbeit sicherstellen, die weitestgehend ohne Reibungsverluste funktioniert?

Wir plädieren

– für eine weitgehende Neuausrichtung des Verbandes, seines Präsidiums und des Vorstandes, um eine bessere Aufgabenteilung sicherzustellen und die Führungsarbeit konsequenter an den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen auszurichten.

– für eine Neuaufstellung des Präsidiums mit einer klaren Aufteilung der Ressorts, kein Mitglied des Präsidiums darf mehr als ein Ressort führen.

– für eine Neuaufstellung des Vorstandes des DHB. Die Nationalteams brauchen eine sportliche Vertretung mit Stimme auf Vorstandsebene, nur so kann die überlebensnotwendige Bedeutung für den Verband auf Entscheidungsebene sichergestellt werden. Ebenso braucht die Bundesliga einen stimmberechtigten Sitz auf Vorstandsebene, eine solche Konstellation birgt große Gestaltungsmöglichkeiten und erhöht die Chancen auf ein konstruktives Miteinander in der Spielplangestaltung ebenso wie bei der Planung von hochkarätigen Veranstaltungen in Feld und Halle.

Wir wünschen uns für die anstehende Wahl von Präsidium und Vorstand anlässlich des Bundestages in Grünstadt eine entsprechend aufgestellte Kandidaten- Mannschaft, die sich den Delegierten mit einem überzeugenden Programm zur Wahl stellt.

Mit hockeyherzlichen Grüßen

Peter Lemmen, Jamilon Mülders, Bernhard Peters, Markus Weise

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