Urteil der Uefa im Fall Türkei : Kaum Strafe – es ist ja EM

Nach dem Militär-Jubel sieht die Uefa von einer Sperre gegen türkische Nationalspieler ab, weil sie bei der EM spielen sollen. Das ist abenteuerlich. Ein Kommentar.

Salut. Die türkischen Nationalspieler vor dem Spiel gegen Albanien im Oktober.
Foto: dpa

Dass der Militärgruß der türkischen Nationalspieler in der EM-Qualifikation eine Strafe nach sich ziehen würde, war klar. Schließlich erlaubt der europäische Fußballverband Uefa politische Äußerungen und Gesten während eines Spieles oder unmittelbar vor einem Spiel nicht. Fast alle türkischen Nationalspieler hatten im Oktober dieses Jahres gegen Albanien und in Frankreich Tore mit einem militärischen Salut bejubelt. Die Uefa griff nun also durch. Nicht knallhart, dafür aber flexibel. Laut Kicker bekommen die Spieler Verweise und der Verband zahlt enorme 50.000 Euro Strafe. Von Sperren gegen Spieler wird abgesehen, weil jene betroffenen 13 türkischen Profis sonst ja nicht bei der Europameisterschaft spielen könnten.

Das ist eine Innovation. Die Uefa führt die flexible Rechtsprechung ein. Setzt sich dieses Modell durch, wird es unsere gesamte Gesellschaft nachhaltig verändern. Künftig also könnte es vor Gericht heißen: Wir würden sie an sich zu drei Jahren Haft verurteilen, aber das geht ja nicht, weil sie für den Sommer ihre enorm wichtige Dienstreise schon gebucht haben. Deshalb also gibt es eine Geldstrafe. Oder: Frau Richterin, am 3. Mai kann ich den Strafvollzug nicht antreten. An dem Tag habe ich Geburtstag.

Wahrscheinlich aber ist, dass der europäische Verband hier nicht innovativ sein wollte, sondern allein von finanziellen Interessen geleitet ist, die den Uefa-Disziplinarausschuss zu dieser wachsweichen "Entscheidung" haben kommen lassen. Die Europameisterschaft ist eine Veranstaltung der Uefa.

Und ein Baumarkt feuert den Verkaufsleiter ja auch nicht vor dem großen Weihnachtsfest für die Kunden, nur weil er sich mal politisch daneben benommen hat.

Oder macht der Baumarkt das doch? Die Uefa passt ihre moralischen Maßstäbe ihrem praktischen Bedürfnis an. Und das ist der Skandal nach dem Skandal – wenn die Meldung des „Kicker“ stimmt. Denn aus dem wachsweichen Urteil lässt sich ableiten, dass sich im kommenden Halbjahr jeder Nationalspieler der teilnehmenden Nationen bei einem Länderspiel danebenbenehmen kann. Es ist ja Europameisterschaftsjahr. Da wird ihn die Uefa schon nicht sperren.

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