Michael Preetz: "Ich war einer der wenigen, die die Chance genutzt haben"

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USA-Reise 1999 : Die Nationalelf, die keine war
Stars beim Straucheln. Lothar Matthäus geht im Zweikampf mit dem US-Amerikaner Ben Olsen zu Boden.
Stars beim Straucheln. Lothar Matthäus geht im Zweikampf mit dem US-Amerikaner Ben Olsen zu Boden.Foto: dpa

Es war eine andere Zeit, ein anderer Fußball. Wenn die Nationalspieler in Guadalajara damals den Ball annehmen können, rudern sie oft hilflos mit den Armen, passen quer oder zurück oder schlagen den Ball ungestüm nach vorne, wo er im Aus landet. Dass sich Lothar Matthäus mit 38 Jahren noch am leichtesten über den Platz bewegt, sagt alles über die Schwere dieser Mannschaft. „Der dreimalige Weltmeister auf WM-Werbetour – ein Witz!“, sagt Fernsehkommentator Béla Réthy damals. „Fehlende Vorbereitung hin oder her, ein Nationalspieler muss doch einen Pass über drei Meter zum Nebenmann kriegen.“ Sie konnten es nicht.

Einige haben dennoch ihren Stolz behalten. Michael Preetz steht im dunklen Berliner Olympiastadion. Ein Grillfest geht zu Ende bei Hertha BSC, dem Verein, bei dem Preetz Manager ist und Bundesliga-Torschützenkönig war. Damals, als der Stürmer Ribbecks Einladung nach Mexiko erhielt. „Am Flughafen hatte ich Probleme, alle Gesichter zu erkennen“, sagt Preetz. Er aber sieht sich als Nationalspieler. Er erzielte ein Tor gegen Neuseeland, immerhin. „Ich war einer der wenigen, die die Chance genutzt haben“, sagt Preetz über die Reise. Er spielte danach wieder für Deutschland, ein Mal noch. Preetz erzählt, wie er nach dem 0:4 wütend in der Kabine gesessen habe, während einige Spieler mit den Brasilianern wie in Trance ihre Trikots tauschten, als Andenken an einen Traum, der zum Albtraum wurde. Dabei zeigen die Bilder, wie Preetz auf dem Platz stehend aus einer Wasserflasche trinkt und wütend ausspuckt. Fußballergedächtnis, so viele Spiele, die schlechten werden als erste vergessen.

Waren wir nicht doch im Halbfinale? Heiko Gerber ist sich nicht mehr sicher. Auch er war mit großen Hoffnungen nach Mexiko gereist. „Als mir mein Vereinstrainer im Bus das Handy weiterreichte und sagte, es wäre der Bundestrainer, musste ich zweimal fragen, ob er mich meint“, sagt Gerber. Gerade war er mit dem 1. FC Nürnberg aus der Bundesliga abgestiegen. In Guadalajara lief es für ihn nicht besser. Er weiß noch, was der „Kicker“ damals geschrieben hat: „Seine Auswechslung gegen die USA war eine Erlösung, für ihn und für uns.“ Pause. „Das war bitter zu lesen.“ Nicht nur bei ihm, im Deutschland der Jahrtausendwende ging damals etwas zu Ende: Der Glaube, dass im Fußball 22 Männer 90 Minuten einem Ball nachjagen und am Ende immer die Deutschen gewinnen.

Seismograph der deutschen Fußballseele war damals schon Franz Beckenbauer. Als Weltmeistertrainer 1990 hatte er noch von der auf Jahre hinaus unschlagbaren Nationalmannschaft schwadroniert. Nach 1999 klagte er: „Wo sind denn die Talente?“ Doch erst nach dem frühen Ausscheiden der Ribbeck-Elf bei der Europameisterschaft 2000 wurde gehandelt: Elitestützpunkte, Schulkooperationen und Nachwuchsinternate für Bundesliga-Klubs, genormt vom Kunstrasenplatz bis zum Kopfballpendel. Die Geburtsstunde der Generation Götze, Özil und Reus.

Die Tricks, die Gerber in Guadalajara bei den Brasilianern bewunderte, sieht er heute jeden Tag, bei seinen Jugendspielern. Gerber ist Nachwuchstrainer beim VfB Stuttgart, in einer der besten dieser neuen Akademien. „Der deutsche Fußball hat sich enorm entwickelt seit damals“, sagt er. „Aber wir waren ordentliche Kerle, die mit ihren Mitteln, wie man damals eben Fußball gespielt hat, Gas gegeben haben.“ Dass fehle ihm heute bei seinen Jungs, „auch mal zu beißen, über den Schmerzpunkt zu gehen“.

Heiko Gerber gehört zu denen, die von den Akademie-Fußballern überholt worden sind. Er, der erst eine Berufslehre absolviert hatte und sich über untere Ligen nach oben spielte, wurde beim VfB Stuttgart am Ende von einem jüngeren Konkurrenten namens Philipp Lahm überholt. Gerber ist mittlerweile 40 und trauert den verlorenen Tagen von Guadalajara nicht nach. „Meine Freunde ziehen mich damit auf, ich kann heute darüber lachen“, sagt er.

So hat jeder aus der Klasse von 99 eine andere Traumdeutung. Preetz sieht sich als Gewinner, Maul als Realisten, Gerber als Humoristen und Paulo Rink, der Brasilianer mit dem deutschen Pass, sagt immerhin: „Ich bin stolz, einmal das deutsche Trikot getragen zu haben.“ Doch heute ist Rink Politiker, Stadtrat in Curitiba, da muss er vorsichtig sein. „Die Brasilianer respektieren meine Vergangenheit, aber sie lieben ihr eigenes Team.“ Und so verliert sich die Spur einer Nationalmannschaft, die eigentlich nie eine war. Deren Höhepunkt der Tiefpunkt vom Ganzen war. Und die nie davon profitierte, dass sich nach ihr alles änderte.

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