Sport : Verrückte Wirklichkeit

Ackermann siegt wieder in der WM-Kombination

Marc Beyer[Sapporo]

Wohl dem, der einen tiefen Schlaf hat. Die Wege sind weit in Sapporo und die Busse nicht gerade bequem, doch Ronny Ackermann hat den Transport vom Zentrum ins Langlaufstadion am Rande der Stadt sehr gut genutzt. Genüsslich berichtete er später von dem Nickerchen, das er gemacht hatte. Die Reporter hörten ihm aufmerksam zu, doch in der letzten Reihe schwanden seinen Trainern die Kräfte. Als die Pressekonferenz schließlich beendet war, saßen Hermann Weinbuch und Andreas Bauer ermattet auf dem Boden.

Weltmeistertitel werfen nun mal viele Fragen auf, und Ackermanns Sieg im Einzelrennen der Nordischen Kombination ist eine besonders facettenreiche Geschichte. Er musste weit ausholen, um sie zu erzählen, über zwei Jahre zurückgehen, sie handelte von Frust und Fortune, von wechselnden Winden und schweren Beinen, und davon, dass der Langlauf zum Glück 15 Kilometer dauerte, nicht 15,5. „Ich habe mich extrem nach der Ziellinie gesehnt“, berichtete er. Als er sie erreichte, „hat es mich schlichtweg umgehauen“.

Für Ackermann (29) ist es schon das vierte WM-Gold, das dritte in Folge in diesem Wettbewerb, doch in keinen anderen Titel musste er so viel investieren. In diesem Sieg steckten die Mühen, ein paar Erfolgserlebnisse und viele Rückschläge aus über zwei Jahren. „Das ging ja schon vor Oberstdorf los“, wo er 2005 Doppel-Weltmeister wurde. Auch damals hatte der Thüringer zum Saisonhöhepunkt seine Form gefunden, doch die schwere Zeit begann gerade erst.

Bis gestern waren die WM-Titel von Oberstdorf seine letzten Siege in einem internationalen Wettbewerb. In jenem Winter habe er „komplett bei null angefangen“, sagt Ackermann. Der neue Springeranzug, den die Regeln verlangten, daraus resultierend eine neue Technik, mit der er sich lange schwer tat und noch heute gelegentlich tut. „Extrem aggressiv“ sei er früher geflogen, das ging mit den engeren Anzügen nicht mehr, „sonst hätte ich einen Salto vorwärts gemacht“. Dass sich vor dieser Saison der Hersteller seiner Sprung- und Langlaufskier zurückzog, war der Leistung auch nicht förderlich. Bis heute wechselt Ackermann auf der Schanze zwischen den Fabrikaten zweier Firmen hin und her – manchmal mitten im Wettkampf.

Eine ganze Menge Hindernisse haben sich da vor ihm aufgetürmt. Das letzte erst im Spätsommer, als ein Hautmedikament seine Leber belastete und acht Wochen lang jedes Ausdauertraining verhinderte. Der Weltcup hatte längst begonnen, da war Ackermann damit beschäftigt, die Defizite wettzumachen. Er versuchte, das Positive daran zu sehen und die Rückschläge als Herausforderung zu nehmen: „Es ist auch mal ganz gut, wenn man einen Dämpfer kriegt.“

Dämpfer hat er in den zwei Jahren seit Oberstdorf genug gekriegt. „Viele Baustellen“ hat Ackermann bearbeitet, und während er so werkelte, veränderte sich die interne Hierarchie im Team. In Turin stand plötzlich der Olympiasieger Georg Hettich im Mittelpunkt, diesen Winter mal Sebastian Haseney, mal Björn Kircheisen. Nur in der Phantasie blieb ein ganz großer Erfolg in Sapporo ein Thema. Neulich beim Telefonieren mit seiner Freundin „haben wir das im Scherz durchgespielt“. Dass aus dem Wunsch so schnell Wirklichkeit werden würde, hat ihn dann aber ebenso verblüfft wie alle anderen: „Das ist verrückt.“

Doch am Samstag fügte sich alles zusammen. Die Konkurrenten wie Hannu Manninen (am Ende Sechster) und Kircheisen (Siebter) kämpften bei ihrem zweiten Sprung auf der Normalschanze mit dem berüchtigten Wind – bei Ackermann regte sich kein Lüftchen. Den Probedurchgang eingerechnet gelangen ihm „drei Sprünge, wie ich sie den ganzen Winter noch nicht hatte“. Als Fünfter ging er in die Loipe, nach zehn Kilometern überholte er den führenden Finnen Anssi Koivuranta (der hinter dem Amerikaner Bill Demong Bronze holte), nach elfeinhalb setzte er sich ab.

Für den Abend kündigte Ackermann eine Feier an. Er werde sich „die Festplatte formatieren“, sagte er. Geschlafen hatte er ja bereits auf dem Weg zur Loipe.

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