Videobeweis im Fußball : Stoppen statt reformieren

Die internationalen Regelhüter erlauben, strittige Szenen im Stadion zu zeigen. Am grundsätzlichen Problem führt dies vorbei. Ein Kommentar.

David Joram
Schiri, schau nochmal nach. Dortmunds Andrey Yarmolenko (l.) fordert den Videobeweis.
Schiri, schau nochmal nach. Dortmunds Andrey Yarmolenko (l.) fordert den Videobeweis.Foto: Bernd Thissen/dpa

Ein kleines Rätsel zum Start. Strecken Sie beide Zeigefinger aus und halten sie auf Augenhöhe. Malen Sie dann ein Rechteck in der Luft nach – was suchen wir? … Sie wissen es nicht? Wohl schon lange kein Fußball-Bundesligaspiel mehr geschaut. Kleiner Vorteil: Ihnen bleibt dann auch viel Ärger erspart.

Es geht um den Videobeweis. Abschaffen, fordern viele, die das Gehabe um die Entscheidungsfindung mächtig nervt. Sie haben Recht. Videoassistenten sind überflüssig. Es geht in den deutschen Stadien nicht gerechter zu, stattdessen unübersichtlicher und zeitintensiver, der Spielfluss wird gnadenlos gehemmt. Statt 90 Minuten dauert ein Fußballspiel bald 100. Und wenn den Spielern die Schiedsrichtermeinung nicht passt, fordern sie solange den Videobeweis bis dieser tatsächlich herangezogen wird. Weil es ihn ja gibt.

60 000 Zuschauern schwer zu erklären

Wer kann es der kickenden Belegschaft verübeln, dass sie alle Möglichkeiten ausnutzt, um daraus den größten Vorteil zu ziehen? Wer etwas anderes erwartet, hat wahrscheinlich nie selbst gespielt. Im Zweifel wird reklamiert – auch wenn die Chancen noch so gering sind. Deshalb gibt es ja einen Schiedsrichter, der diktieren muss; der die Reklamation als höchste Instanz in diesem auf Zufällen und Fehlern basierenden Spiel zurückweist. Weil die Macht mit ihm ist. Weil er immer Recht hat – auch wenn er mal gravierend falsch liegt. Der Videobeweis stärkt die Macht des Schiedsrichters nicht, er untergräbt sie. Diktator ist ein Kellerraum voller Monitore in Köln.

Das „International Football Association Board“ (IFAB) – zuständig für die aktuelle Testphase – erlaubt nun einen „leichten Kurswechsel“, wie der Kicker schreibt. Strittige Szenen können die Klubs künftig im Stadion zeigen. Nur: Was bitteschön soll damit erreicht werden? Soll das Schalker Publikum beim Blick auf den Videowürfel finden, dass die Dortmunder einen berechtigten Elfer erhalten haben und das dann nur fair ist? Und wie reagieren die Schalker, wenn auf der Leinwand ein Kann-man-geben-muss-man-aber-nicht-Elfmeter für Dortmund gezeigt wird? Dann, so argumentieren die Anhänger des Videobeweises, würde der Schiedsrichter ja nicht den Videobeweis bemühen. Wie er das dann 60 000 Menschen erklären will, wäre sicher spannend zu beobachten. Man kann den Unparteiischen nur wünschen, dass ihnen eine solche Situation erspart bleibt. Schafft ihn endlich ab, diesen nervigen Videobeweis!

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