Viele Strände gesperrt : Die Coronavirus-Pandemie könnte das Surfen verändern

Freiheitsliebende Surfer leiden sehr unter den Maßnahmen gegen das Virus. Perspektivisch könnte die Krise auch Gutes für die Sportart bewirken.

Erinnerungen an Boomerang Beach. Leon Glatzer wollte bei den Olympischen Spielen in Tokio erstmals als deutscher Wellenreiter um eine Medaille surfen. Nun sind die Spiele längst abgesagt.
Erinnerungen an Boomerang Beach. Leon Glatzer wollte bei den Olympischen Spielen in Tokio erstmals als deutscher Wellenreiter um...Foto: picture alliance/dpa

Leon Glatzer, Deutschlands derzeit bester Surfer, hat jüngst ein wunderschönes Video auf seinem Instagram-Kanal gepostet. Es zeigt einen Küstenabschnitt von Costa Rica, an dem sich Glatzer aufhält. Die Wellen wogen gleichförmig in Richtung Ufer, die weiße Gischt mischt sich in das endlose Blau des Meeres. Das Besondere an dem Video ist, dass sich kein Mensch am Strand oder im Wasser befindet. Denn auch an den Surfern ist die Coronavirus-Pandemie nicht vorbeigezogen. Im Gegenteil: Sie sind mit voller Wucht von ihr überrollt worden. Viele von ihnen dürfen bis heute nicht ins Wasser.

Mehr noch als um das Surfen an sich geht es beim Surfen ums Wasser, ums Meer, um die Weite und das Gefühl davon. Es geht um Freiheit. Deshalb sind die Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie für wenige Sportler so einschneidend wie für die Surfer. „Wenn Surfer wochenlang das Haus nur zum Einkaufen verlassen dürfen, dann ist das schon eine besondere Qual für sie“, sagt Neele Koch.

Die 30-Jährige arbeitet als Leistungssport-Referentin beim Deutschen Wellenreit-Verband. Und gäbe es dieses heimtückische Virus nicht, wäre sie in diesen Tagen wohl schwer beschäftigt mit organisatorischen Aufgaben rund um das deutsche Surf-Team. So hätten am vergangenen Wochenende die World Surfing Games in El Salvador stattgefunden und in wenigen Monaten würden zum ersten Mal überhaupt Surf-Wettkämpfe bei Olympischen Spielen ausgetragen. Ein großes Jahr also für die Sportart, aber eben nur im Konjunktiv, weil das Coronavirus die Wettkämpfe durchkreuzte und diese abgesagt werden mussten.

Wer die weiten des Meeres liebt, für den sind Trockenübungen kein Ersatz

„Die Situation ist für uns besonders schwierig“, erzählt Koch, „weil wir nicht wie viele andere Sportler an einem zentralen Olympiastützpunkt trainieren können.“ Die Herausforderung für den Deutschen Wellenreit-Verband ist, dass die besten deutschen Surfer allesamt im Ausland leben. Glatzer etwa kam auf Hawaii zur Welt und wuchs dort auf, ehe es ihn nach Costa Rica verschlug. Lenni Jensen, ein weiteres Talent im deutschen Team, lebt seit seiner Kindheit auf Teneriffa. Die Zusammenführung der Mannschaft, wie im Januar zum Gesundheits- und Leistungstest in Köln geschehen, ist daher immer mit vielen tausend Flugkilometern verbunden. Doch Fliegen ist in Coronavirus-Zeiten schwierig bis unmöglich geworden.

So saßen beziehungsweise sitzen teilweise immer noch die besten deutschen Surfer in ihren vier Wänden und machen Fitness-Übungen, die ihnen der Verband per Video schickt. Aber wer wie Glatzer und Jensen die unendlichen Weiten des Meeres liebt, für den sind Trockenübungen auf wenigen Quadratmetern kein Ersatz. Zumal die Quarantäne-Maßnahmen im Ausland mitunter ungleich rigider waren als in Deutschland.

Auf Teneriffa etwa wurde sechs Wochen lang penibel auf die Ausgangssperren geachtet, Sport im Freien war nicht möglich. Noch schärfer sind immer noch die Regelungen in Costa Rica. Wer sich in dem lateinamerikanischen Land in die Wellen wagt, riskiert sogar verhaftet zu werden. „Ein Kumpel von Leon Glatzer wurde für ein paar Stunden von der Polizei festgehalten, nur weil er surfen war“, sagt Neele Koch.

Nun hoffen sie beim Deutschen Wellenreit-Verband, dass sich die Situation im Ausland bald wieder entspannt. Surfen verlernt man nicht, aber das Gefühl für die Welle kann schon für ein paar Wochen verloren gehen, wenn man lange nicht mehr auf ihr reitet. Und selbst wenn die strengen Ausgangsbeschränkungen in Ländern wie Costa Rica wieder aufgeweicht werden, ist perspektivisch nicht an das Surfen wie vor der Coronavirus-Pandemie zu denken. Freier Flugverkehr und freie Einreiseregelungen, bislang unabdingbar im Surfsport, sind derzeit nicht absehbar. „Die Aussichten, dass in diesem Jahr noch normaler Trainings- und Wettkampfbetrieb stattfindet, gehen gegen Null“, sagt Koch.

In der Krise liegt die Chance

Vielleicht aber liegt in der Krise auch eine Chance. Denn im Zuge der Klimadebatte geriet zuletzt auch das Surfen in die Diskussion. Der ökologische Fußabdruck, den die Sportart in der Breite wie in der Spitze verursacht, ist eine Katastrophe. Der internationale Wettkampfkalender führt um den ganzen Globus, nach Europa, nach Australien, nach Kalifornien oder nach Hawaii, dem Surf-Eldorado schlechthin.

Es gebe Überlegungen, erzählt Koch, die Wettkampfstruktur in Zukunft zu verändern: „Mehr regionale Serien, konzentriert auf einzelne Kontinente, sind im Gespräch.“ Außerdem dürfte das Rapid Surfing, also das Surfen auf einer künstlichen Welle, weiteren Aufschwung erfahren. Solche Wellen haben den großen Vorteil, dass man sie überall reiten kann, selbst in Berlin.

Aber klar ist auch, dass solche Anlagen das endlose Blau der Meere niemals ersetzen können.

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