Vierschanzentournee : Der tiefe Fall des Thomas Diethart

Nach drei schweren Stürzen ist unklar, ob Tourneesieger Thomas Diethart jemals wieder wird springen können. Intern wird sogar über ein Sprungverbot diskutiert.

Lars Becker
Damals war’s. Thomas Diethart gewann 2014 die Springen in Garmisch-Partenkirchen und Bischofshofen – und die gesamte Tournee. Foto: Georg Hochmuth/dpa
Damals war’s. Thomas Diethart gewann 2014 die Springen in Garmisch-Partenkirchen und Bischofshofen – und die gesamte Tournee....Foto: picture alliance / dpa

Vor vier Jahren war Thomas Diethart auf dem Weg zu seinem sensationellen Tournee-Gesamtsieg noch der gefeierte Held in Innsbruck. In diesem Jahr schaut sich der im wahrsten Sinne des Wortes abgestürzte Skispringer die dritte Station der 66. Vierschanzentournee am Donnerstag (14 Uhr/live im ZDF und bei Eurosport) als Zuschauer an. Das Erlebnis soll Diethart bei der Entscheidung helfen, ob er sich erneut auf die Schanze wagen oder seine Karriere nicht klugerweise doch lieber beendet.

Schließlich ist Thomas Diethart in den vergangenen zwei Jahren gleich dreimal auf der Intensivstation gelandet. „Ob er noch einmal springen sollte, können nur die Ärzte und Psychologen beurteilen. Wichtig ist eigentlich nur, dass Thomas wieder richtig fit und gesund wird“, sagt der österreichische Cheftrainer Heinz Kuttin. Intern wird unter den österreichischen Coaches sogar diskutiert, Diethart ein Sprungverbot zu erteilen. Niemand mag mehr die Verantwortung übernehmen, dafür waren die Crashs einfach zu schlimm.

Bei seinem ersten schweren Sturz im Februar 2016 war beim Continental Cup in Brotterode im Harz noch eine Windböe der Hauptauslöser. Prellungen an Wirbelsäule, Niere und Lunge die Folge. Im Mai 2016 stürzte er dann bei Windstille im Training in Stams. Und am 29. November 2017 passierte das Unglück bei einem Übungsflug in Ramsau. Das schreckliche Bild aus dem Krankenhaus mit seinem zerschundenen Gesicht thront noch immer ganz oben auf seiner Facebook-Seite. Die Diagnose der Verletzungen dieses Mal: Eine schwere Gehirnerschütterung mit Einblutung ins Gehirn und eine Lungenquetschung.

„Der dritte Versuch – und es tut immer noch weh. Vielleicht sollte ich es einmal mit etwas anderem versuchen", schrieb Diethart danach. Der 25-Jährige ist das Paradebeispiel dafür, wie schnell es im Skispringen nach ganz oben gehen und wie tief der Absturz danach sein kann. Diethart galt als eher als mittelmäßig talentierter Skispringer, ehe er nach drei Jahren Weltcup-Abstinenz im Dezember 2013 für die Tournee-Generalprobe in Engelberg nominiert wurde. Dort schaffte er überraschend den Durchbruch in die Weltspitze und überraschte bei der anschließenden Vierschanzentournee alle Favoriten. Er gewann das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen und das Finale in Bischofshofen – die beiden einzigen Weltcup-Siege seiner Karriere.

Als Sieger der Vierschanzentournee war er plötzlich ein Star in Österreich, holte 2014 in Sotschi noch Olympia-Silber mit dem Team und verdiente viel Geld. Doch danach konnte er nie mehr an die glanzvollen Leistungen dieses einen Winters anknüpfen. Abfinden wollte sich Diethart damit nicht und probierte in Sachen Sprungstil und Material verzweifelt immer wieder neue Dinge aus. Genau das war auch die Ursache zumindest für den letzten Sturz. „Ich habe die Tage davor im Training schon ein paar Probleme gehabt. Dann haben wir an Bindung, Ski und Schuh etwas ausprobiert, und dann war genau der Sturz", berichtete er der „Tiroler Tageszeitung“.

Sechs Wochen darf Thomas Diethart jetzt gar nicht mehr trainieren und will sich in dieser Zeit überlegen, wie es mit ihm weitergehen soll. Sein einstiger Teamkollege Thomas Morgenstern – dreimaliger Olympiasieger, elfmaliger Weltmeister und Tourneesieger 2011 – hat nach zwei schweren Stürzen seine Karriere beendet. Diethart hat sich bislang noch nicht zu diesem an sich logischen Entschluss durchringen können, obwohl er schon in den letzten zwei Jahren auf der Schanze teils panische Angst verspürt hat. „Ich lebe von meinem Ersparten, beim jetzigen Lebensstil geht das noch eine Zeit“, sagt er. Der gelernte Industriemechaniker fürchtet sich aber wohl vor der harten Landung im ganz normalen Leben.

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