Vierschanzentournee : Ein Partycrasher namens Kamil Stoch

Beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen hat Richard Freitag wieder das Nachsehen. Österreichs Hoffnung Stefan Kraft erlebt derweil ein Debakel.

Lars Becker
Überflieger. Nicht Richard Freitag, sondern Kamil Stoch.
Überflieger. Nicht Richard Freitag, sondern Kamil Stoch.Foto: Daniel Karmann/dpa

Richard Freitag durfte in der Führungsbox schon mal längere Zeit neben dem goldenen Adler stehen, den es für den Sieger der 66. Vierschanzentournee gibt. Zwei Springer warteten beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen noch oben auf der Schanze, als der Wind eine längere Pause erzwang. Freitag wurde von den 21 000 im ausverkauften Olympia-Skistadion in der Wartezeit schon wie ein Sieger gefeiert, doch dann kam Kamil Stoch. Mit eisernen Nerven holte sich der Titelverteidiger aus Polen wie schon beim Auftaktspringen in Oberstdorf den Sieg vor Freitag. Der deutsche Flieger klatschte anerkennend Beifall, doch das große Duell ist bei Halbzeit noch längst nicht entschieden. Freitag geht mit 11,8 Punkten Rückstand (6,55 Meter) in die beiden Springen in Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar).

"Gratulation an Kamil. Ich bin sehr zufrieden mit den beiden Tourneespringen in Deutschland und werde in Österreich natürlich weiter angreifen", sagte Freitag, der bei der Tournee erstmals überhaupt in der Heimat aufs Podest gesprungen war – und das gleich zweimal. Und jetzt kommt eine seiner Lieblingsschanzen: In Innsbruck schaffte Freitag 2015 nach zwölf Jahren den ersten deutschen Tournee-Tagessieg. Es gibt also noch Hoffnung, dass 16 Jahre nach Sven Hannawald mal wieder ein Deutscher die Tournee gewinnt. Das sieht auch Bundestrainer Werner Schuster so: "Kamil Stoch ist in wirklich sehr, sehr guter Form, aber ich denke nicht, dass er in besserer Form als Richard Freitag ist. Ich denke, dass Richard ihn aus eigener Kraft schlagen kann."

Deutlich schlechtere Windverhältnisse

Beim Sprung ins Neue Jahr glückte das dem Gesamtweltcup-Spitzenreiter auch deshalb nicht, weil er in beiden Sprüngen die deutlich schlechteren Windverhältnisse als Stoch hatte. "Richard hat im zweiten Durchgang wirklich einen Supersprung gemacht, aber Stoch hatte wie schon in Oberstdorf ein glücklicheres Händchen mit dem Wind. Aber bekanntlich gleicht sich das ja irgendwann einmal aus", sagte Schuster. Mit 283,4 Punkten triumphierte der Pole vor dem Deutschen (275,8). Auch Karl Geiger (7.), Stephan Leyhe (10.), Andreas Wellinger (11.) und Markus Eisenbichler (14.) schafften es in die Top Ten. In der Tournee-Gesamtwertung liegen Wellinger (7.), Eisenbichler (8.) und Geiger (10.) nach zwei von vier Stationen unter den Top Ten.

Es ist aber klar: Richard Freitag hat eine neue Skisprung-Euphorie in Deutschland entfacht. Schon bei der Ausscheidung für das Auftaktspringen in Oberstdorf gab es mit 14 400 Zuschauern einen Weltrekord für Qualifikationswettbewerbe. Beim Neujahrsspringen wehten die deutschen Fahnen, einige Fans hatten sich sogar Schnauzbärte über die Lippen geklebt. "Es war ein unglaublich cooles Bild von da oben mit den ganzen deutschen Fahnen", schwärmte Geiger. Schon in Oberstdorf hatten 25 500 Fans eine Party im strömenden Regen gefeiert. Der Glückseligkeit steht nur Kamil Stoch im Weg.

Kraft, Kasai, Ammann - prominente Abstürze

Der 30-Jährige hat nach zwei Springen sogar die Chance, alle vier Tourneespringen zu gewinnen. Das hat bisher nur Sven Hannawald beim bis dato letzten deutschen Gesamtsieg 2001/02 geschafft. Genau das könnte nun aber zum Problem für Stoch werden. "Spätestens in Innsbruck wird es unerträglich. Du willst nur noch, dass es endlich vorbei ist. Mit Skispringen hat das dann nicht mehr viel zu tun, da zählt nur noch, wie du mit dem mentalen Druck umgehst. Deshalb ist es so schwierig zu schaffen", sagt Hannawald. Er glaubt weiter daran, dass Freitag gute Chancen auf den Gesamtsieg hat. Schließlich ist Freitag genau wie er und der deutsche Tournee-Rekordsieger Jens Weißflog in Erlabrunn geboren. Weißflog: "Wenn einer die Tournee gewinnt, dann wird es ein Sachse sein." Also Richard Freitag.

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In Garmisch-Partenkirchen platzten unterdessen die Träume einiger Stars: Der dreimalige Olympiasieger Simon Ammann (Schweiz) verpasste genauso die Qualifikation wie der 45 Jahre alte Noriaki Kasai (Japan). Der in Oberstdorf viertplatzierte Stefan Kraft (Österreich) scheiterte sensationell im ersten Durchgang. Damit ist vor den beiden Springen in Österreich die Krise bei den österreichischen Springern komplett. "Das ist schon ein sehr, sehr bitterer Tag. Ich bin ein bisschen ratlos", sagte Kraft. "Und eine deutsch-österreichische Battle in der Gesamtwertung gibt es jetzt auch nicht mehr." Dafür das deutsch-polnische Duell zwischen Richard Freitag und Kamil Stoch um den goldenen Tournee-Adler.

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