Vierschanzentournee : Eines Tournee-Veranstalters nicht würdig

Vor dem letzten Springen in Bischofshofen ist der Sturz von Mitfavorit Richard Freitag das beherrschende Thema. Jury und Veranstalter müssen sich gegen Kritik wehren.

Lars Becker
Aus der Traum. Nach dem Sturz in Innsbruck musste Richard Freitag vorzeitig die Tournee abschenken.
Aus der Traum. Nach dem Sturz in Innsbruck musste Richard Freitag vorzeitig die Tournee abschenken.Foto: Georg Hochmuth/AFP

Am Freitagvormittag zog Richard Freitag die Konsequenz aus seinem Sturz von Innsbruck und stieg vorzeitig aus der Vierschanzentournee aus. "Ich kann weder in die Anfahrtshocke gehen, noch dynamisch einen Sprung auslösen", sagte Freitag und verabschiedete sich. Ob er beim Skifliegen am Kulm in einer Woche oder erst eine weitere Woche später bei der Skiflug-WM in seiner Wahlheimat Oberstdorf (18. bis 21. Januar) sein Comeback feiert, ist ungewiss. Die gute Nachricht: Der Start beim Heim-Championat und bei den Olympischen Spielen scheint nicht in Gefahr zu sein.

Freitags Ausstieg vor dem Abschlussspringen am Samstag in Bischofshofen befeuerte noch einmal die Diskussionen darüber, wer die Verantwortung für den Crash in Innsbruck trägt. Das deutsche Team hatte die Schuldigen schnell ausgemacht: Die Jury um den Technischen Delegierten Geir Steinar Loeng aus Norwegen. „Es war definitiv zu viel Anlauf“, schimpfte Bundestrainer Werner Schuster. Der sportliche Leiter Horst Hüttel legte nach und erinnerte daran, dass Loeng schon beim Frauen-Weltcup im Dezember in Hinterzarten einen ähnlichen Fehler begangen habe. Dort erlitt Mixed-Weltmeisterin Svenja Würth bei einem Sturz einen Kreuzbandriss im linken Knie und wird die Olympischen Spiele in Pyeongchang verpassen.

Aufsprunghang schlecht prepariert

Allerdings war das längst nicht der einzige Grund für Freitags Crash, wie so oft führte eine Verkettung von Umständen zum Sturz. Eine weitere wichtige Ursache deutete Schuster selbst an: „Es war definitiv die falsche Wettkampfführung für diese Aufsprung-Präparierung.“ Wie so oft in den vergangenen Jahren war der Aufsprunghang am Bergisel schlecht präpariert. Vor zwei Jahren war Severin Freund fast an der gleichen Stelle wie Freitag gestürzt – der Anfang einer langen Verletzungsmisere.

Auch diesmal war die Landezone wellig, mal hart und mal weich. Es sei wirklich extrem schwierig gewesen, sicher zu landen, sagte der drittplatzierte Andreas Wellinger. Speziell im höheren Weitenbereich, wo eine mit Tannengrün gesteckte Linie bei 135 Metern zur visuellen Orientierung für die Flieger fehlte. Diese wäre an diesem regnerischen Nachmittag mit wechselnden Winden besonders wichtig gewesen. So landete Freitag mit vernebelten Visier praktisch im weißen Nichts.

Martin Schmitt schimpft

"Der Hang war nicht gut präpariert, so spielt man mit der Gesundheit der Athleten. Das war eines Tournee-Veranstalters nicht würdig", schimpfte der viermalige Weltmeister Martin Schmitt. Allerdings habe Freitag auch durch einen eigenen Fehler den Sturz verursacht. Bei der Landung sprang er mit dem rechten Skiende auf sein linkes und fiel so kopfüber in den Schnee. Der spätere Sieger Kamil Stoch konnte sich anschließend aus einer ähnichen Situation mit Mühe retten.

Er hatte allerdings auch eine Luke weniger Anlauf, weil sein Trainer Stefan Horngacher unter dem Eindruck von Freitags Sturz den Anlauf verkürzt hatte. Genau die gleiche Möglichkeit hätte natürlich auch Bundestrainer Werner Schuster gehabt. Er ließ sie aber verstreichen, weil er fürchtete, dass der Wind drehen und sein Schützling so alle Chancen auf den Tournee-Sieg verspielen könnte. Freitag war dann an diesem turbulenten Nachmittag der Einzige, der stürzte. Und so schlimm es auch klingt: Stürze gehören zum Skispringen und machen die riskante Luftfahrt noch faszinierender für die Zuschauer. Fans, TV und auch die meisten Skispringer wollen ein Spektakel mit großen Weiten erleben. Das Risiko fliegt dabei immer mit.

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