• Vierschanzentournee in Garmisch: Karl Geiger ist erneut Herausforderer – und endlich bereit dafür

Vierschanzentournee in Garmisch : Karl Geiger ist erneut Herausforderer – und endlich bereit dafür

Auf Skispringer Karl Geiger ruhen die deutschen Hoffnung für die Vierschanzentournee. Für einen prominenten Landsmann ist sie bereits beendet.

Freudestrahlend über Platz zwei. Karl Geiger ist die deutsche Hoffnung für die Tournee.
Freudestrahlend über Platz zwei. Karl Geiger ist die deutsche Hoffnung für die Tournee.Foto: Daniel Karmann/dpa

Seine Bescheidenheit legte Karl Geiger auch vor dem Neujahrsspringen nicht ab. So gut gelaunt wie nie zuvor ging es für den deutschen Hoffnungsträger zum nächsten Skisprung-Klassiker. „Ich fahre da mit einem Grinsen rüber“, sagte der erste Verfolger von Vorjahressieger Ryoyu Kobayashi vor dem zweiten Akt der Vierschanzentournee am Mittwoch (14 Uhr/ZDF und Eurosport) in Garmisch-Partenkirchen.

Bundestrainer Stefan Horngacher baut darauf, dass Geiger den momentan überragenden Überflieger aus Japan im weiteren Tournee-Verlauf herausfordern kann. „Ich denke, auch er ist nicht unschlagbar. Ich glaube, dass es schwierig ist, noch mal viermal zu gewinnen. Das werden wir ihm dieses Jahr vermiesen“, kündigte der Tiroler an.

Richard Freitag steigt bei der Tournee aus

Bei der letzten Tournee hatte Kobayashi als dritter Springer nach Sven Hannawald und dem Polen Kamil Stoch alle vier Einzelspringen gewonnen. Nun gilt der Oberstdorfer Geiger nach seinem gefeierten zweiten Platz zum Auftakt in seinem Heimatdorf als erster Verfolger – und soll es noch besser machen als Markus Eisenbichler im Vorjahr.

Einer, der bis zu seinem Sturz und verletzungsbedingten Ausscheiden im Vorjahr ebenfalls gut unterwegs war, ist dann nicht mehr dabei: Team-Weltmeister Richard Freitag muss die Vierschanzentournee schon nach dem Auftakt verlassen. Der Sachse soll stattdessen in seiner Heimat trainieren, wie Bundestrainer Stefan Horngacher am Montag mitteilte.

Normalerweise wird der Kader erst nach dem zweiten Springen vor der Weiterreise nach Österreich ausgedünnt. „Er ist momentan nicht in der Lage, so einzugreifen, dass er schnell auf ein hohes Niveau kommt. Wir haben jetzt entschieden, dass er rausgehen wird aus der Vierschanzentournee“, sagte der Chefcoach. Dessen Platz in Garmisch wird jedoch nicht leer bleiben, für den 28-Jährigen rückt Nachwuchsmann Adrian Sell in den Kader des Deutschen Skiverbandes (DSV).

Freitag befindet sich seit Wochen in einem Formtief und verpasste beim Tournee-Auftakt in Oberstdorf als 59. sogar die Qualifikation für den Wettkampf der besten 50 Springer. „Wir werden versuchen, ihn wieder aufzubauen für die kommenden Weltcup-Springen“, sagte Horngacher. Freitag selbst hatte geschildert, dass er derzeit unter anderem Probleme habe, mit beiden Beinen gleichzeitig abzuspringen.

Sein letzter Sprung. Nach Oberstdorf ist Schluss mit Tournee für Richard Freitag.
Sein letzter Sprung. Nach Oberstdorf ist Schluss mit Tournee für Richard Freitag.Foto: Daniel Karmann/dpa

Für seine Kollegen, die beim Neujahrsspringen noch dabei sein werden, war am Montag erst einmal relaxen angesagt. „Einfach mal faulenzen und gar nix machen“, beschrieb Bundestrainer Horngacher das Programm für den ungewöhnlich frühen Ruhetag schon nach dem Auftaktspringen. Geiger und seine Kollegen freuen sich auf die Pause und die Chance, den Akku nach dem emotionalen Start vor 25 500 größtenteils frenetischen Fans im sonst so beschaulichen Allgäu wieder aufzuladen. „Es ist gut, dass Ruhetag ist“, meinte Geiger. Sein Zimmerkollege Eisenbichler verriet: „Ich werde erstmal gemütlich in die Sauna gehen und runterschalten.“

Danach will der 28-Jährige seinem Kumpel beim Projekt Kobayashi schlagen helfen. „Ich werde den Karl unterstützen, dass alles funktioniert“, sagte „Eisei“, der bei der vergangenen Tournee selbst der größte Widersacher des japanischen Ausnahmespringers war und nun als Elfter des ersten Springens der zweitbeste Deutsche ist. Der emotionale Bayer formulierte quasi stellvertretend für seinen eher ruhigen Freund die Ansage an Kobayashi: „Er braucht sich keinen Fehler zu erlauben, dann kommt der Karl“, sagte Eisenbichler.

Ob Kobayashi das beeindruckt, ist fraglich. Schon 2018/19 ließ er sich vom Tournee-Hype nicht verunsichern und triumphierte auf allen vier Schanzen. Siegt er auch an Neujahr in Garmisch, ist er der erste Springer überhaupt, der sechs Wettkämpfe bei dem Traditionsevent in Serie gewinnt. Zudem würde er nach Weltcup-Siegen mit dem bisher erfolgreichsten Japaner, Skisprung-Legende Noriaki Kasai, gleichziehen. „Er ist wirklich ein cooler Hund und zeigt im Wettkampf außergewöhnliche Sprünge“, urteilte Horngacher.

Karl Geiger ist der Herausforderer Kobayashis

Dass Geiger für die Rolle des Herausforderers am ehesten infrage kommt, liegt auch daran, dass sich der Oberstdorfer im Vergleich zum vergangenen Jahr weiterentwickelt hat. Schon damals war er vor dem Tournee-Start in seinem Skisprung-Wohnzimmer Schattenbergschanze der größte Hoffnungsträger im Team des Deutschen Skiverbandes (DSV). Am Ende wurde er Elfter der Gesamtwertung. Dass ihm das noch mal passiert, scheint unwahrscheinlich. Der 26-Jährige kann das Tournee-Drumherum, das Spektakel inzwischen besser ausblenden.

„Das habe ich mir ziemlich hart aneignen müssen“, sagte er und verwies auf die schmerzhaften Erfahrungen bei der vorherigen Tournee. „Da lernt man draus, das prägt einen.“ Geiger ist selbstbewusster geworden, auch wenn er auf große Sprüche noch immer verzichtet. „Seine Sprünge waren erste Sahne, waren brutales Niveau“, meinte er über Kobayashis Performance. „Aber auch er zaubert nicht.“ Den Japaner zu schlagen - das scheint trotz Rekord-Chance nicht mehr so unmöglich. Vielleicht sogar schon in Garmisch?

Dort landete Geiger im vergangenen Jahr nur auf Rang 19. „Angeblich hat er eine nicht so gute Beziehung, aber seit dem letzten Training hat er Freundschaft geschlossen“, beschrieb Horngacher Geigers Verhältnis zur Großen Olympiaschanze. „Für Karl ist es egal, welche Schanze. Er hat eine stabile, gute Technik.“ Geiger und die Tournee - in den vergangenen Jahren passte das noch nicht so richtig zusammen. „Ich bin noch nie wirklich zufrieden von der Tournee weggefahren“, befand er selbst. Das soll diesmal anders werden. (dpa)

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