Vierschanzentournee : Österreichs Skispringer sind in der Dauerkrise

Die früher so erfolgreichen Österreicher um Stefan Kraft enttäuschen bei der Vierschanzentournee – und sind nun am deutschen Bundestrainer interessiert.

Lars Becker
Sprang schon mal besser. Der Österreicher Stefan Kraft.
Sprang schon mal besser. Der Österreicher Stefan Kraft.Foto: Daniel Karmann/dpa

Stefan Kraft trug eine schicke blaue Mütze mit der Aufschrift „Weltrekord – 253,5 Meter“. Und das, als er seinen desaströsen 49. Platz beim Neujahrsspringen von Garmisch-Partenkirchen erklären musste. Es war ein Sinnbild dafür, wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei den einst so erfolgsverwöhnten Österreichern derzeit auseinanderklaffen. Über Jahre dominierte Österreich die Skisprung-Welt unter anderem mit sieben Gesamtsiegen in Serie bei der Vierschanzentournee zwischen 2009 und 2015. Vor den Wettkämpfen in Innsbruck am Freitag und Bischofshofen am Sonntag ist jedoch vom einstigen Glanz nicht viel geblieben. Die Österreicher spielen im Kampf um den Tournee-Gesamtsieg keine Rolle.

Der sechsmalige Weltmeister und Olympiasieger Gregor Schlierenzauer, mit 53 Weltcup-Einzelsiegen der erfolgreichste Skispringer der Geschichte, fehlt wegen Formschwäche im Team. Weltmeister Stefan Kraft, der bei seinem Skiflug-Weltrekord weiter als jemals ein Mensch zuvor geflogen ist, ist von einstiger Stabilität weit entfernt. Auf Platz drei beim Tournee-Auftaktspringen in Oberstdorf folgte für Kraft der Absturz am Neujahrstag. Dort war Daniel Huber beim Debakel als 15. bester Österreicher.

Chefcoach Andreas Felder sagt: „Wir haben momentan nur Kraft und Huber für mögliche Topergebnisse und denen geht’s bei all dem Druck auf ihren Schultern nicht leicht von der Hand. Uns fehlt einfach die Sicherheit.“ sagt Felder. Er versucht seinen eigenen Weg zu gehen – dazu gehört auch, dass er seine Flieger in den Wettkämpfen nicht wie alle anderen Cheftrainer bei den Sprüngen persönlich abwinkt. Das erledigen seine Co-Trainer, Felder schaut sich das Ganze aus einer Beobachterposition an.

Interesse am deutschen Bundestrainer

Auf Nachfragen zu diesem ungewöhnlichen Verhalten reagiert der Chefcoach dünnhäutig: „Ich bin doch kein Kasperl, der sich unbedingt in Szene setzen muss.“ Fest steht: Auch Felder wird von der kritischen Öffentlichkeit in seiner Heimat nicht endlos Zeit bekommen. Spätestens bei der Heim-WM in ein paar Wochen in Seefeld (18. Februar bis 3. März) müssen Erfolge her. Die Trainer-Diskussion hat schon in diesen Tournee-Tagen begonnen. Und dabei fällt immer wieder der Name des deutschen Bundestrainers Werner Schuster. Der ist schließlich Österreicher und hat seinen nach dieser Saison auslaufenden Vertrag mit dem Deutschen Skiverband (DSV) immer noch nicht verlängert.

Für den ausgewiesenen Psychologen und PR-Profi Schuster spricht zudem, dass er das deutsche Team 2008 in einer ähnlich schwierigen Situation wie jetzt in seiner Heimat übernommen hat. Und wieder zu einer der erfolgreichsten und am breitesten aufgestellten Flieger-Nationen der Welt gemacht hat. Mario Stecher, neuer sportlicher Leiter beim Österreichischen Skiverband (ÖSV), wiegelt zwar derzeit noch ab: „Wir haben einen guten Trainer.“ Fügt aber hinzu, dass man niemals wissen könne, was in der Zukunft passiere.

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