Sport : Volleyball ohne Vorurteil

Nationalspieler Mark Siebeck ist seit 2002 in Polen und erlebt dort die Popularität seiner Sportart

Friedhard Teuffel

Berlin - Ein so gut bezahltes Angebot hatte Mark Siebeck noch nie bekommen, aber einfach so unterschreiben wollte der Volleyballspieler trotzdem nicht. „Ich hatte meine Vorbehalte“, sagt er. Das Angebot kam aus dem tiefen Osten, aus Olsztyn in den Masuren, und Siebeck wollte doch eigentlich in Italien seine Karriere fortsetzen. Außerdem erhielt er das Angebot, als die Witze über polnische Autoklauer in Deutschland gerade auf dem Höhepunkt waren. Also hat sich Siebeck bei einem Besuch von seinem möglichen Arbeitsplatz überzeugt. Seit fünf Jahren spielt er nun schon dort. Ein deutscher Nationalspieler in der polnischen Liga.

Am Anfang behandelten ihn seine Kollegen in der Nationalmannschaft noch als Exot. „Da kommt der Pole“, haben sie dem Außenangreifer zugerufen, als er zu Lehrgängen und Länderspielen auftauchte. Inzwischen nennen sie ihn wieder bei seinem richtigen Namen. Wenn Siebeck von seinem Leben und Spielen in Polen erzählt, dann klingt es so gelassen, als beschreibe er ein Leben auf der anderen Straßenseite. „Umstellen musste ich mich nur bei der Sprache. Aber damit komme ich mittlerweile gut klar.“

Es gab bisher nur wenige Situationen, in denen der 31-jährige Sachse etwas mitbekommen hat vom schwierigen Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. „Einmal hat mir einer auf der Tribüne den Hitlergruß gezeigt. Da haben sich alle gleich entschuldigt.“ Die Tagespolitik lässt er an sich vorbeiziehen, etwa wenn Polens Staatspräsident Lech Kaczynski sich kritisch über Deutschland äußert. Wichtiger findet Siebeck, was seine Mitspieler denken. „Auf den langen Busfahrten haben wir uns ausgetauscht, welche geschichtlichen Eindrücke man mitbekommen hat.“

Von Polen habe er vorher kein Bild gehabt, jetzt kann der Wirtschaftsingenieur ein hübsches Bild zeichnen: „Im Winter gibt es unglaublich viel Schnee, die Seen sind wunderschön, und ich werde überall herzlich aufgenommen.“ Besuch von seinen deutschen Freunden bekommt er regelmäßig, wenn er von Oktober bis Mai mit seiner Frau und den beiden Kindern in Polen wohnt. „Alle sind gerne nochmal gekommen.“ Im vergangenen Jahr wechselte er dann nach zwei Vizemeisterschaften mit Olsztyn nach Warschau.

Auch über den polnischen Volleyball berichtet Siebeck nur Gutes. Das ist leicht zu erklären. „Eigentlich geht man da hin, wo man am meisten verdient“, sagt Siebeck. Ein guter Spieler verdient in der Bundesliga 30 000 Euro im Jahr. In Polen kann er es schon mal auf das Doppelte bringen, und das Gehalt komme immer pünktlich, sagt Siebeck. Große Firmen und das Fernsehen stecken viel Geld hinein, auch weil der polnische Volleyball Tradition hat. 1974 wurden die Männer Weltmeister, 1976 Olympiasieger, bei der WM im vergangenen Jahr landeten sie auf Platz zwei.

Zu den Spielen in der polnischen „Ekstraklasa“ kommen schon mal 5000 Zuschauer, das Fernsehen überträgt live. In dieser Saison ist ein zweiter deutscher Nationalspieler in die Liga gekommen, Eugen Bakumowski, und auch ausländische Trainer wechseln dorthin. „Volleyball ist in Polen die Nummer zwei nach Fußball“, sagt Stefan Mau, der Manager des Deutschen Meisters VfB Friedrichshafen. Die Popularität des Volleyballs dort mache es für deutsche Klubs schwerer, Spieler aus Polen zu verpflichten. Vielleicht werden Siebeck und Bakumowski auch nicht die einzigen Deutschen in Polen bleiben. Siebecks Vertrag läuft jedenfalls bis 2008. Gelegenheit, ihn in Polen zu besuchen, haben seine deutschen Kollegen also noch bis nächstes Jahr – wenn Siebeck nicht verlängert.

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