Volleys-Rückkehrer Pierre Pujol im Interview : „Ohne Liebe geht es nicht“

Im Interview spricht der erfahrene Zuspieler der Volleys über kaputte Hände, Grüppchenbildung im Team und das Nomadentum als Leistungssportler.

Die Finger im Spiel: Pierre Pujol wird in dieser Saison als zweiter Zuspieler hinter Sergej Grankin gebraucht.
Die Finger im Spiel: Pierre Pujol wird in dieser Saison als zweiter Zuspieler hinter Sergej Grankin gebraucht.Foto: Tilo Wiedensohler/imago

Frisch geduscht erscheint Pierre Pujol zum Termin im Horst-Korber-Zentrum, dem Ort, an dem sich die BR Volleys auf das erste Heimspiel der Saison gegen Giesen vorbereiten (19.30 Uhr in der Max-Schmeling-Halle). Der Franzose grinst, auch wenn das Training anstrengend war. Aber damit kennt sich der 35-Jährige aus. Seit rund 17 Jahren spielt er professionell Volleyball, 2015 wurde er Europameister, bei den Volleys spielte der Neuzugang bereits 2017/18.

Das hat Spuren hinterlassen. Zum Beweis zeigt er seine wichtigsten Werkzeuge, seine beiden Hände. Der kleine Finger der linken Hand ist komplett schief. „Mehrmals gebrochen“, sagt Pujol. Der kleine Finger der rechten Hand schlackert, er scheint nicht richtig in der Handwurzel verankert. „Schon sehr oft ausgekugelt“, bemerkt er.

Autsch, das sieht nicht gut aus, Herr Pujol.
Im Volleyball ist so etwas normal. Speziell natürlich beim Blocken passiert so etwas. Ich hatte mir einmal den Finger ausgekugelt und anschließend höllische Schmerzen. Wenig später war das nächste Spiel, der Manager des damaligen Klubs sagte zu mir: ’Pierre, du musst spielen.’ Das war hart. Und das sind nur die Hände. Mindestens genauso hart ist der Sport für die Sprunggelenke und für den Rücken. Aber was soll ich sagen: Man muss Volleyball lieben, sonst geht es nicht.

Anstrengend sind sicher auch die vielen Vereins- und dementsprechend Ortswechsel. Man könnte es auch als modernes Nomadentum bezeichnen. Wie finden Sie sich damit zurecht?
Auf der einen Seite ist es schön, im Volleyball und im Leben generell nicht immer zu wissen, was passieren wird. Und ich fand und finde es immer noch spannend, andere Länder, Städte und Menschen kennenzulernen. Aber richtig ist auch, dass diese Neugier – je älter man wird – abnimmt und man gerne längerfristig plant.

Das ist im professionellen Volleyball kaum möglich. Meist wechseln die Spieler nach ein bis zwei Jahren die Klubs. So hat im aktuellen Volleys-Team nur Georg Klein mit Ihnen in der Saison 2017/18 zusammengespielt.
So ist das System. Ich weiß, wie es funktioniert und habe mich darin eingefunden. Ich komme gut damit klar.

Es ist die Ausnahme, dass ein Spieler zu dem Klub zurückkommt, bei dem er schon einmal gewesen ist. Wie kam Ihr Wechsel zu den Volleys zustande?
Das war schon speziell. Ich hatte ja mitbekommen, dass die Volleys Sergej Grankin und einen weiteren Zuspieler hatten. Doch dann meldeten sich die Volleys bei meinem Manager und mir, da der zweite Zuspieler sich offenbar verletzt hatte. Dann aber kam dieser zweite Zuspieler zurück. Ich hatte die Sache schon vergessen. Plötzlich meldete sich mein Manager und sagte: ’Pierre, willst du zurück nach Berlin? Du musst dich jetzt entscheiden.’ Ich hatte zehn Minuten Zeit zum Überlegen und sagte zu. Die Volleys sind für mich der bestorganisierte Klub in Europa, vielleicht sogar auf der Welt. Wenn man die Chance bekommt, hier zu spielen, muss man sie nutzen.

Sind die Verhandlungen mit einem ausgebufften Manager wie Kaweh Niroomand schwierig?
Vielleicht für die Jüngeren. Für mich überhaupt nicht. Kaweh und ich haben ein sehr gutes, direktes Verhältnis. Es kommt alles auf den Tisch und dann reichen wir uns nach alter Sitte die Hand zur Einigung und es ist abgemacht.

Er hat es in der Hand: Pierre Pujol zählt zu den erfahrenen Spielern der Volleys.
Er hat es in der Hand: Pierre Pujol zählt zu den erfahrenen Spielern der Volleys.Foto: Andreas Gora/dpa

Was hat er mit Ihnen abgemacht bezüglich Ihrer Rolle im Team?
Er hat mir klar gesagt, dass Sergej Grankin der Zuspieler Nummer eins ist und ich mich hinter ihm anstellen muss. Mit 25 Jahren hätte ich das abgelehnt. Mit 35 aber nicht. Ich werde meine Einsätze bekommen und ich werde jede Minute kämpfen, damit wir Erfolg haben. Ich fühle mich sehr wohl in meiner Rolle.

Was halten Sie von Sergej Grankin?
Er ist fantastisch. Ich kenne ihn schon seit Beginn meiner Karriere. Wir waren beide Junioren-Nationalspieler, er für Russland, ich für Frankreich. Nach so langer Zeit mal mit ihm in einer Mannschaft zu spielen, ist toll. Ich habe größten Respekt vor ihm, zumal er auch menschlich ein super Kerl ist.

Was macht einen guten Zuspieler aus?
Er muss nicht nur technisch ausgereift sein. Das sind heute alle. Er muss vor allem ein Gespür für die Situation haben. Da hilft die Erfahrung. Ich denke, dass ein 30-Jähriger schneller als ein 20-Jähriger merkt, wenn ein Mitspieler mentale Probleme hat. Auch glaube ich, dass sich erfahrene Spieler nach Rückschlägen nicht so schnell aus dem Konzept bringen lassen. Von daher ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass die Volleys mit mir und Grankin zwei Zuspieler haben, die schon in den Dreißigern sind.

Nun spielen bei den Volleys in dieser Saison unter anderem fünf Amerikaner und drei Franzosen im Team. Ist bei solchen Konstellationen die Gefahr der Blockbildung groß?
Tatsächlich besteht diese Gefahr grundsätzlich. Aber bei den Volleys sind alle schlau. Alle wollen Erfolg. Deswegen wird es keine Blockbildung geben. Wir kommunizieren im Training oder bei den Spielen immer auf Englisch. Es wird nicht auf Französisch oder American English getuschelt, sodass der andere nichts versteht.

Viele Spieler der Volleys waren und sind in der Saisonvorbereitung für ihre Nationalmannschaften abgestellt. Wie schwer wird der Beginn der Saison?
Das wird man sehen. Ich denke, es ist vor allem für die Trainer ein Problem, wenn nur fünf oder sechs Spieler da sind. Man kann kein gewohntes Training durchführen, das ist auf Dauer langweilig. Für die Spieler selbst sind die ersten fünf Wochen okay. Man kann bestimmte Dinge üben, sich vor allem physisch in Form bringen. Aber dann wird es auch für uns langweilig. Letztlich muss ein Spitzenklub wie die Volleys mit dieser Problematik umgehen können.

Sie sind seit rund 17 Jahren Volleyballer. Was wollen Sie nach Ihrer sportlichen Karriere machen?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ich bleibe dem Volleyball treu. Vielleicht als Trainer oder als Manager. Oder ich mache etwas ganz anderes, von dem ich jetzt noch nicht weiß, was es sein wird. Wie gesagt: Ich finde es manchmal schön, gerade nicht zu wissen, was passieren wird.

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