Vom Erdogan-Besuch bis heute : Die Causa Ilkay Gündogan – eine Chronik

Gündogan erzeugt nicht zum ersten Mal mit einem Statement Wirbel. Den Anfang machte ein Foto des Treffens mit dem türkischen Präsidenten vor der WM.

Im Abseits. Ilkay Gündogan hat erneut politisch für Unmut gesorgt.
Im Abseits. Ilkay Gündogan hat erneut politisch für Unmut gesorgt.Foto: Christian Charisius/dpa

Begonnen hat die Causa Ilkay Gündogan im Mai 2018: Ohne es mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) abzusprechen, posiert Gündogan kurz vor der Nominierung des deutschen Kaders für die Weltmeisterschaft in Russland mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan während des Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahlen. Mit ihm Mesut Özil, der einen Monat später ebenfalls für das DFB-Team an der WM teilnimmt. Gündogan entschuldigt sich, nachdem die Bilder öffentlich werden und es Kritik von allen Seiten gibt. Özil schweigt und gibt als einziger am Medientag der Nationalmannschaft vor der WM kein Interview.

„Wir haben aufgrund unserer türkischen Wurzeln noch einen sehr starken Bezug zur Türkei. Das heißt aber nicht, dass wir jemals behauptet hätten, Herr Steinmeier sei nicht unser Bundespräsident oder Frau Merkel nicht unsere Bundeskanzlerin“, erklärt sich Gündogan stattdessen. Es sei nicht Özils und seine Absicht gewesen, „ein politisches Statement“ zu setzen.

Bundestrainer Joachim Löw nennt es „keine glückliche Aktion“, der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel spricht von einem „Fehler“. Ansonsten klärt der DFB die Angelegenheit intern. Wie sich Gündogan und Özil im Gespräch mit der Verbandsspitze äußern, gerät nie in die Öffentlichkeit. Öffentlichkeitswirksam wird es wenige Tage später: Auf Einladung des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier besuchen Özil und Gündogan ihn im Berliner Schloss Bellevue.

Im Juni 2018, bei den beiden Testspielen in Österreich und gegen Saudi-Arabien in Leverkusen, werden Gündogan und Özil von den deutschen Fans ausgepfiffen. Sie nehmen ihnen nicht nur übel, sich überhaupt mit Erdogan ablichten zu lassen – sondern auch, sich nie richtig davon distanziert zu haben. Während der WM in Russland wird es ruhiger in der Causa.

Erst nach dem Aus bei der Weltmeisterschaft und der Rückkehr aus Russland äußert sich Özil im Juli 2018, holt zum Rundumschlag aus und tritt aus der Nationalmannschaft zurück. Gündogan hält sich nach der WM derweil zurück und belässt es bei den Aussagen, die er vor der WM getätigt hatte.

Lange Zeit bleibt es ruhig, das Thema scheint vergessen – bis Gündogan im Oktober 2019 selbst es mit seinem Like des Militärgruß-Fotos eines türkischen Nationalspielers auf Instagram wieder in den Fokus rückt. „Dahinter war natürlich keine politische Absicht“, erklärt sich Gündogan nach dem Länderspiel in Estland, bei dem er an allen drei Treffern beteiligt ist und überragt. Löw und Bierhoff verteidigen Gündogan und Can. „Wer beide Spieler kennt, der weiß, dass sie gegen Terror, gegen Krieg sind“, sagt der Bundestrainer. „Beide wollten dem Spieler, mit dem sie mal zusammengespielt haben, einfach nur gratulieren.“

Am Montagmorgen stärkt der DFB Gündogan und Can dann öffentlich den Rücken und postet auf Twitter ein Foto, auf dem das gesamte Team zu sehen ist, mit der Überschrift: „Gemeinsam für Offenheit, Vielfalt und Toleranz. Gegen jede Form von Gewalt und Diskriminierung.“ Damit will der Verband das Thema wohl schnellstmöglich beenden – anders als vor einem Jahr. (Tsp)

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