Vom Wert der Tour de France : Ein Start ohne Stars, aber mit dem Dauerthema Doping

Am Samstag geht das drittgrößte Sportevent der Welt wieder los. Doch die Tour de France droht so unspektakulär zu werden wie schon lange nicht mehr.

Tom Mustroph
Alles schaut auf ihn. Egan Bernal vom Team Ineos gilt als bester Allrounder im Feld und als Topfavorit auf den Gesamtsieg.
Alles schaut auf ihn. Egan Bernal vom Team Ineos gilt als bester Allrounder im Feld und als Topfavorit auf den Gesamtsieg.Foto: REUTERS

Es geht wieder los. Der Tross der Tour de France ist in Brüssel angekommen und hat das Expo-Gelände der belgischen Hauptstadt in Beschlag genommen. Etwa 4500 Menschen, darunter 2000 Journalisten, 500 Angestellte vom Organisator Aso sowie 450 Mechaniker, Masseure und sportliche Leiter begleiten die 176 Radprofis aus 22 Teams, die die 3480 Kilometer allein mit der Kraft ihrer Beine bestreiten werden. Mehrere tausend Stunden werden die Fernsehsender weltweit wieder berichten. So behauptet die Tour ihren Rang als drittgrößtes Sportevent überhaupt – nach den Olympischen Spielen und den Fußball-Weltmeisterschaften.

Dabei wankt der Riese Tour de France vor dem Start am Samstag gewaltig. Der sportliche Wert ist eingeschränkt, weil die zwei besten Rundfahrer der vergangenen Jahre fehlen und auch das Feld im Sprint recht ausgedünnt ist. Chris Froome, vierfacher Toursieger, ist nach seinem Sturz beim Criterium du Dauphiné nicht dabei. Und Tom Dumoulin, Giro-Sieger 2017 und im zurückliegenden Jahr jeweils Zweiter beim Giro hinter Froome und bei der Tour hinter Geraint Thomas, fühlt sich nach seinem Sturz in Italien nicht fit.

Das macht den Weg frei für andere, vor allem wohl für Egan Bernal. Der hochtalentierte Kolumbianer geht bei Team Ineos als Co-Kapitän gemeinsam mit Titelverteidiger Geraint Thomas ins Rennen. Ein Titelverteidiger nur als Co-Kapitän: Das bedeutet, dass man selbst im Team Bernal für merklich stärker einschätzt und Thomas nur nicht die Schmach antun will, nach dem Überraschungserfolg im letzten Juli wieder ins zweite Glied zu rücken. Trotzdem gibt sich der Waliser entschlossen: „Ich will zeigen, dass das keine Eintagsfliege war im letzten Jahr.“

Aber seine Ergebnisse in dieser Saison machen den Toursieg doch eher unwahrscheinlich. Keinen einzigen Sieg gab es für ihn in dieser Saison. Bei der Tour de Suisse stieg er zuletzt nach einem Sturz aus – eine Top-Vorbereitung geht anders. Deshalb lastet die Verantwortung beim Sky-Nachfolger Ineos tatsächlich auf Bernal. Dessen härteste Konkurrenten kommen vom spanischen Rennstall Movistar mit dem Trio Alejandro Valverde, Nairo Quintana und Mikel Landa.

Angesichts der fehlenden Prominenz schaut die Tour zurück

Ist das Feld der Favoriten ausgedünnt, so gilt dies fast noch mehr für die Sprinter. Die zwei erfolgreichsten Sprinter der letzten Dekade sind bei der 106. Auflage der Tour nicht dabei. Marcel Kittel, der seit 2013 14 Etappensiege eingefahren hat, macht eine Rennpause. Mark Cavendish, 30 Etappensiege seit 2008, wurde von seinem Team Dimension Data nicht für fit genug gehalten. Mit Fernando Gaviria fehlt zudem der Senkrechtstarter des Vorjahres. Und auch John Degenkolb muss zuschauen.

Angesichts der fehlenden Prominenz verwundert es nicht, dass die Tour ganz tief in die Vergangenheit schaut. Der Grand Depart in Brüssel ist vor allem eine Feierstunde für Eddy Merckx. Vor 50 Jahren holte der Belgier seinen ersten Toursieg mit dem gigantischen Vorsprung von fast 18 Minuten und zusätzlich dem Gewinn der anderen Trikotwertungen (Berg, Punkte und Kombination). Er war ein Über-Fahrer, keine Frage. Und es ist auch schön, dass die Tour, die ihre Größe aus dem Schmerz, dem Blut und dem Leiden der Rennfahrer gewinnt, sich nun vor einem wie Merckx verneigt. Er war allerdings auch ein Mann seiner Zeit. Dreimal wurde er bei Dopingkontrollen erwischt.

Dass die heutigen Zeiten vielleicht gar nicht so großartig anders sind, wurde zuletzt bei der Dopingermittlung namens Operation Aderlass deutlich. Dort ging es um ganz normale, mittelmäßige Profis, Wasserträger in ihren Teams, die sich an die Kanülen hängten, um sich Blut abnehmen und wieder zuführen zu lassen. Da stellt sich die Frage: Machen das nur die Helfer, die Chefs aber nicht? Auch dieser Verdacht legt sich über die Tour, schießt durch die Köpfe der 4500 Begleiter und der zehn bis zwölf Millionen Menschen am Straßenrand. Trotzdem kommen sie alle wieder, um zu gucken und zu jubeln, um zu schreiben und zu filmen. Sie ist halt ein Paradoxon, die Tour de France.

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