Sport : Von Monstern und Messern

Eine besondere Beziehung: Bayern und Real mögen sich schon deshalb nicht, weil sie so verschieden sind

Stefan Hermanns

Toreschießen kann eine sehr schmerzhafte Angelegenheit sein. Wer wüsste das besser als Gerd Müller, der erfolgreichste aller Toreschießer? Am 31. März 1976 hat der Stürmer des FC Bayern München einen ganz neuen Zusammenhang zwischen Torschuss und Schmerz kennen gelernt. Im Halbfinal- Hinspiel des Europapokals hatte Müller bei Real Madrid den Treffer zum 1:1-Endstand für die Bayern erzielt. Nach dem Spiel stürmte ein Real-Fan aufs Spielfeld, streckte Müller mit einem Schlag zu Boden und nur der geballte Einsatz von Sepp Maier und Uli Hoeneß konnte ihn von weiteren körperlichen Züchtigungen abhalten. Müller selbst kommentierte die Angelegenheit anschließend so, wie er auch seine Tore zu schießen pflegte – ziemlich trocken: „Heute Abend kann ich gar nichts beißen.“

Das Verhältnis von Bayern München und Real Madrid ist traditionell von Abneigung geprägt, und bis zum Hass ist es oft nur ein kleiner Satz. Als bestia negra, die schwarze Bestie, werden die Bayern von den Real-Fans bezeichnet. Daraus spricht sowohl eine gewisse Furcht vor dem Monster aus München als auch tiefe Abscheu vor dessen hässlichen Zügen.

„Die besondere Rivalität ergibt sich daraus, dass beide Vereine schon so oft aufeinander getroffen sind und das inzwischen über einen solch langen Zeitraum hinweg“, sagt Udo Horsmann, der als junger Mann dabei war, als die gemeinsame Geschichte 1976 begann. Horsmann war damals 23 Jahre alt, er spielte seine erste Saison für die Bayern, und sein Gegenspieler hieß Amancio, eine Real-Ikone aus den silbernen Sechzigerjahren des Klubs. „Im Hinspiel hat er mich ziemlich alt aussehen lassen“, erinnert sich Horsmann an sein Aufeinandertreffen mit dem fast 37 Jahre alten Amancio. Im Rückspiel konnte er sich revanchieren. Bayern gewann durch zwei Tore von Gerd Müller 2:0 und sicherte sich damit den Einzug ins Endspiel.

Elf Jahre später war es erneut das Halbfinale, das beide Mannschaften zusammenführte. Die Bayern siegten zu Hause 4:1, und wieder war das Duell nicht frei von Brutalität. Juanito sah für einen Tritt gegen den Kopf von Lothar Matthäus die Rote Karte, im Rückspiel wurde Bayerns Torhüter Jean-Marie Pfaff aus Reals Fankurve mit Gegenständen beworfen, darunter sogar ein Messer. Doch selbst nach einem Eigentor von Roland Wohlfarth und dem Platzverweis gegen Klaus Augenthaler behielten die Bayern die Nerven. Die 0:1-Niederlage reichte zum Einzug ins Finale.

Im Jahr darauf scheiterten die Münchner zum ersten Mal an Real, dabei hatten sie im Hinspiel kurz nach der Pause schon 3:0 geführt. Doch zwei späte Tore von Sanchez und Butragueño hielten Madrid im Rennen. Durch ein 2:0 im Estadio Bernabeu zog Real ins Halbfinale ein.

Siebzehnmal sind beide Klubs im Europapokal der Landesmeister und in der Champions League bisher aufeinander getroffen: Neun Spiele gewannen die Bayern, das 3:2 vor zwei Wochen war der sechste Sieg für die Spanier. Allerdings wird die gute Bilanz der Münchner ein bisschen dadurch relativiert, dass Real in vier Fällen die nächste Runde erreichte, Bayern hingegen nur dreimal. Die beiden deutlichen Siege in der Zwischenrunde der Saison 1999/2000 (4:1 zu Hause und 4:2 im Bernabeu, der erste Erfolg einer deutschen Mannschaft überhaupt) streichelten zwar das Ego der Münchner, erwiesen sich am Ende aber als wertlos. Beide Mannschaften kamen weiter, und als sie im Halbfinale erneut aufeinander trafen, setzte sich Real durch (2:0, 1:2).

Im Laufe der Jahre hat jede Seite der anderen diverse Demütigungen zugefügt, auch das macht einen Teil der Beziehung aus. Hinzu kommt, dass beide Klubs einfach zu unterschiedlich sind, als dass sie sich mögen könnten. Bayern definiert sich – zumindest international – in klarer Abgrenzung zu Real. Niemand hat die galaktische Epoche der Madrider mit mehr Verve gegeißelt als Bayerns Manager Uli Hoeneß, dem Reals Geschäftsgebahren als perfekter Hintergrund dient, um sich zum letzten Vertreter einer seriösen Finanz- und Vereinspolitik zu stilisieren.

Spätestens seit der Jahrtausendwende ist das Duell der Rekordmeister ein ungleicher Kampf, in dem für die Bayern die Rolle des Außenseiters reserviert ist. 2001 konnten sie sich letztmals gegen Real durchsetzen. „Ein Sieg der Angsthasen“, schrieb die spanische Zeitung „As“ nach dem Halbfinal-Hinspiel in Madrid, als die Bayern alle Vorurteile gegen den deutschen Fußball zu bestätigen schienen. 1:0 gewannen sie durch einen Treffer von Giovane Elber – vor allem aber dank einer überragenden Leistung von Oliver Kahn im Tor. Auch das Rückspiel entschieden die Münchner für sich (2:1).

Der einst überragende Kahn war beim letzten Aufeinandertreffen, 2004 im Achtelfinale, die tragische Figur, als ihm ein Freistoß von Roberto Carlos zum 1:1 durch die Arme flutschte. Im Rückspiel begnügte sich Real gegen chancenlose Bayern mit einem 1:0-Sieg. Auch zwei Jahre zuvor hatten die Münchner mit Reals Galaktischen nicht mehr mithalten können. Schon im Hinspiel in München sahen sie lange wie der Verlierer aus. Erst in der 82. Minute glich Effenberg zum 1:1 für die Bayern aus, zwei Minuten vor Schluss gelang Pizarro der Siegtreffer. Im Bernabeu gewann Real 2:0, und trotzdem blieben einige Wünsche unerfüllt. „Mir würde es gefallen, die Bayern mit 1:0 zu besiegen“, hatte Luis Figo nach dem Hinspiel gesagt. „Und besonders schön wäre es, wenn das Tor erst in der letzten Minute fällt.“

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