Vor dem Spitzenspiel in Dortmund : "Müller spielt immer" gilt nicht mehr

Vor dem Topspiel bei Borussia Dortmund ist Thomas Müller unter Trainer Niko Kovac beim FC Bayern nicht mehr gesetzt – das bringt Unruhe ins Team.

Sah schon mal besser aus. Die Situation von Thomas Müller ist nicht ganz leicht - obwohl er gegen AEK Athen von Beginn an ran durfte.
Sah schon mal besser aus. Die Situation von Thomas Müller ist nicht ganz leicht - obwohl er gegen AEK Athen von Beginn an ran...Foto: Andreas Gebert/Reuters

Wenn er auftritt, dann grinst er, lächelt schelmisch. Oft zwinkert er auch, sogar wenn die Hymne gespielt wird, am liebsten direkt in die Kamera. In einem Geschäft, das von der Show lebt, fällt dem Fußballer Thomas Müller die eigene Inszenierung recht leicht. Er ist halt wie er ist, die beste Kopie seiner selbst. Von der Leichtigkeit, die Müller immer auszeichnete, spüren die Bayernfans derzeit aber wenig, jedenfalls auf dem Platz.

Müllers Bilanz vor dem Spitzenspiel an diesem Samstag bei Borussia Dortmund (18.30 Uhr, live bei Sky) ist ziemlich mau. Zwei Vorlagen und zwei Tore hat er in dieser Saison erst erzielt, das letzte am zweiten Spieltag beim 3:0-Sieg in Stuttgart. Die Statistiker haben errechnet, dass Müller in dieser Spielzeit bislang auf 626 Einsatzminuten kommt – von möglichen 900. In der Champions League stand er in 199 von möglichen 360 Minuten auf dem Platz (das Tor traf er dabei nicht). Früher galt mal, dass ein Müller, der fit ist, immer spielen müsse. Das war bei Gerd so – und wurde vom Thomas einfach fortgeführt. Nicht nur der Tore wegen.

Kreativ, unberechenbar und flexibel, sei er, lobten Gegen- wie Mitspieler, schwer zu greifen, gesegnet mit einem Blick für freie Räume, der einmalig sei. Den Raumdeuter hat man Müller deswegen mal genannt, weil selbst die gewieftesten Laptoptrainer nicht den Code des Müllerschen Bewegungsapparates entschlüsselt bekamen.

Inzwischen bewegt sich Müller nicht mehr so einmalig, und statt Räumen deutet er plötzlich Sätze. Nach dem enttäuschenden 1:1-Unentschieden gegen den SC Freiburg versuchte Müller, diesen zu erklären: „Mehr als 70 Minuten, bis der mal nen Geistesblitz hat.“ Das hatte Müllers Frau, die wohl bekannteste der vielen Lisa Müllers, auf Instagram geschrieben. Mit „der“ meinte sie den Bayern-Trainer Niko Kovac, der entweder erkannt hat, dass Thomas Müllers beste Tage schon vorbei sind oder dafür verantwortlich ist, dass es zumindest so zu sein scheint. Vielleicht auch beides. Die Leistungskrise des Stürmers ist spätestens seit Lisa Müllers digitalem Steilpass zur bayerischen Staatskrise verkommen.

Müllers Kredit ist größer als der von Kovac

Die missliche Lage von Müller, der den Post seiner Frau mit dem ihm gegebenen Charme kommentierte („Sie liebt mich halt, was soll ich machen?“), trifft vor allem deshalb die Nerven der Münchner, weil den bayerischen Fußballgeist keiner so atmet wie der Mann mit der Nummer 13. Ihm nimmt man ab, dass er gern auf den Zaun hochklettert, um mit den Bayernfans ein Humba Täterä anzustimmen.

Irgendwie wirkt Müller ja immer noch selbst wie ein Fan, dessen krumme Haxen, wie sie in Bayern sagen würden, ihn halt nicht in die Südkurve, sondern auf den grünen Rasen getragen haben. Er ist ja auch schon sehr lange dabei, seit 2000, seit seinem zehnten Lebensjahr trägt der gebürtige Pähler die Farben des FC Bayern, rot und weiß. Humba, humba, humba, täterä, stimmt Müller deshalb gern mit den Münchner Fans an, sowieso, wenn es etwas zu feiern gibt. Und in den letzten Jahren gab es einiges zu feiern. Unerhört viele Meisterschaften am Stück, ein paar DFB-Pokalsiege und, natürlich, die Champions League.

Der Zeremonienmeister Müller war immer mittendrin, auch beim allergrößten Coup, dem WM-Titel 2014 mit der deutschen Nationalmannschaft. Da erklärte Müller in der Mixed-Zone einer kolumbianischen Journalistin auf Bayerisch: „Weltmeister samma, den Pott hamma.“ Dass er den goldenen Schuh des besten Torschützen verpasst hatte, kommentierte er so: „Des interessiert mich ois net, der Scheißdreck.“ Dann rauschte er ab, tanzend, singend, vermutlich getragen von der Leichtigkeit des Seins, beseelt vom bayrischen Frohsinn.

Trainer Niko Kovac würde es vermutlich helfen, diesen größten aller Münchner Publikumslieblinge in seine Planungen intensiver mit einzubeziehen und ihn wieder in Topform zu bringen. Der Kredit, den Müller bei den Bayernfans hat, dürfte größer sein als der des Weddingers. Von den Problemen, die sich ergeben, wenn Kovac den Raumdeuter nur die Sitzschalen der Auswechselbank inspizieren lässt, ganz zu schweigen. Die Causa Lisa Müller hat darauf einen kleinen Vorgeschmack gegeben.

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