Vor der Leichtathletik-EM in Berlin : Hoffen auf die deutschen Läufer

Vor allem die Läufer überzeugen bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Nürnberg – und haben gute Chancen bei der Heim-EM.

Hoch hinaus. Pamela Dutkiewicz (r.) lief neuen Meisterschaftsrekord.
Hoch hinaus. Pamela Dutkiewicz (r.) lief neuen Meisterschaftsrekord.Foto: dpa

Die Zahl klingt beachtlich. Mehr als 120, vielleicht sogar 130 Sportler sollen für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zur Heim-EM nach Berlin fahren. Der Kader, das steht jetzt schon fest, wird der bislang größte in der deutschen EM-Geschichte sein. Aber ob er auch der erfolgreichste sein wird? Die deutschen Meisterschaften an diesem Wochenende in Nürnberg gaben jedenfalls einen Einblick darüber, was sportlich möglich sein kann in zwei Wochen im Olympiastadion.

Zumeist siegten am Wochenende die Favoriten, wenn sie nicht wie Stabspringer Raphael Holzdeppe auf den Wettkampf verzichteten. Überraschend war dagegen das Finale der Männer über die 100 Meter. Sechs Sprinter hatten die Norm schon vor den Meisterschaften erfüllt. Gesetzt war keiner für Berlin. Am Ende holte sich der erst 21-jährige Kevin Kranz den Titel vor den Erfahrenen – auch vor Rekordhalter Julian Reus, der zuletzt fünf Mal in Serie Meister geworden war. Ob das komisch sei, wurde Kranz gefragt. Immerhin war er Anfang des Monats erst U-23-Meister geworden. „Ja“, sagte er. „Ich wollte Dritter werden. Ich dachte, die kommen bestimmt noch.“ Favorit Julian Reus hatte das Startbein gewechselt. Es lief nicht rund für den Erfurter. Noch kann er daran arbeiten. Für eine Medaille in Berlin muss aber eine deutliche Steigerung her.

Im Sprint der Frauen überzeugte wie erwartet Gina Lückenkemper in Abwesenheit von Tatjano Pinto. Auch die Hürdensprinter präsentierten sich in guter Form. Die WM-Dritte Pamela Dutkiewicz musste zwar auf ihr Duell mit Cindy Roleder verzichten, trotzdem schaffte sie einen neuen Meisterschaftsrekord. Das lässt hoffen für Berlin. Denn in Nürnberg waren die Bedingungen nicht die besten. Es hatte den ganzen Samstag geregnet, die Bahn war nass und der Wind wehte. Roleder war schon im Halbfinale mit einem Fehlstart ausgeschieden. Zwei Wettkampfläufe fehlen der Europameisterin nun auf dem Weg zur Titelverteidigung. Nominiert war sie wie Dutkiewicz schon vor dem Wochenende.

Verspätete Medaillen

Bei den Männern lief Gregor Traber über die 110 Meter Hürden in 13,37 Sekunden eine starke Zeit, auch der Zweite Erik Balnuweit lief Saisonbestleistung. Es könnte die EM der deutschen Läufer werden. Unklarer ist die Sache im Diskus. Robert Harting wurde beim souveränen Sieg seines Bruders Christoph Dritter. Er hat die Norm erfüllt, ist aber in dieser Saison nur fünftbester Deutscher. Er wird wohl trotzdem zu seiner Heim-EM fahren, auch wenn er sich mit 63,93 Metern nicht steigerte. Zumindest deutete Chefcoach Idriss Gonschinska das an. Die endgültige Nominierung findet am kommenden Mittwoch statt.

DLV-Präsident Jürgen Kessing zog nach den Wettbewerben zufrieden Bilanz. Vor allem vom Kugelstoßen sei er begeistert gewesen, sagte er. Die Wettkämpfe hatten direkt auf dem Nürnberger Hauptmarkt stattgefunden. „Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an die Atmosphäre denke“, sagte Kessing. Raus aus dem Stadion, rein in die Stadt – hin zu den Menschen. So wollen sie es auch in zwei Wochen versuchen. In Berlin sind einige Probewettkämpfe auf dem Breitscheidplatz geplant.

Bei all der Jagd nach nationalen Titeln und Normen ging fast unter, dass vier deutsche Sportler sich am Samstag schon über internationale Medaillen freuen durften – endlich, muss man sagen. Denn Hammerwerfer Markus Esser (WM- Bronze 2005), Kugelstoßerin Petra Lammert (EM-Silber 2006), Geherin Melanie Seeger (EM-Bronze 2010) und Hindernisläuferin Antje Möldner-Schmidt (EM-Silber 2012) bekamen ihre Auszeichnungen mit einigen Jahren Verspätung. Ihre Konkurrenz war in Nachtests des Dopings überführt worden. Die Medaillen wurden folgerichtig an die Nächstplatzierten weitergereicht.

Es war ein gutes Zeichen – dass die Kämpfer für den sauberen Sport manchmal doch den längeren Atem haben. Und für die deutschen EM-Starter ist es vielleicht auch eine Motivation: Ein bisschen Glanz hat den Weg schon nach Deutschland gefunden.

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